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Studieren im Norden Heiße Quellen und kalte Lava

24.04.2003 ·  Island ist nicht nur für Geowissenschaftler und Skandinavisten interessant

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Das Wasser ist milchig-trüb, der Grund nicht zu sehen. Dampfschwaden steigen empor. Es riecht nach Schwefel. Am Ufer liegt Lavageröll. Dort, wo es mit dem Wasser in Berührung gekommen ist, sind die Gesteinsbrocken weiß verfärbt. Einige hundert Meter entfernt ragen die Türme eines Kraftwerks in den Himmel. Eine unwirtliche Landschaft. Die Blaue Lagune, wie der künstliche Badesee genannt wird, ist eines der beliebtesten Touristenziele Islands und vereint, was der Inselstaat zu bieten hat: heiße Quellen, Lava und billige Energie. Aufgrund dieser drei Eigenschaften kommen auch ausländische Studenten und Forscher nach Island. Vor allem Geo- und Wirtschaftswissenschaftler sowie Skandinavisten zieht es auf die Insel im Nordatlantik, die gerade einmal 280000 Einwohner hat.

Für Geowissenschaftler wie Gletscherkundler, Geologen, Geographen und natürlich Vulkanologen ist Island vor allem wegen seiner Position auf der Eurasischen und Nordamerikanischen Platte interessant. Deshalb erlebt das Land in jedem Jahrzehnt zwanzig bis dreißig Vulkanausbrüche mit unübersehbaren Folgen. "Viele unserer Arbeiten können zwar am Computer ausgeführt werden, doch es ergibt sich ein viel motivierenderes Forschungsklima, wenn man die Eruptionsspalten und erkalteten Lavamassen so anschauen kann, wie die Natur sie vor Jahrhunderten geschaffen hat", sagt Martina Halmer. Die Diplom-Geologin und promovierte Vulkanologin hat im vergangenen Jahr an einer "Summerschool" des Naturhistorischen und Vulkanologischen Instituts an der Universität in Reykjavik teilgenommen. Regelmäßig treffen sich in Island rund zwanzig Jungforscher aus aller Welt, um sich intensiv mit Umweltphänomenen auseinanderzusetzen, die besonders gut auf Island zu beobachten sind. In diesem Jahr waren große Vulkanausbrüche und ihre Auswirkungen auf die nördliche Hemisphäre das Oberthema. "Dabei wurden klimatischen Folgen ebenso untersucht, wie gesundheitliche und die Auswirkungen auf die Landschaft", sagt Martina Halmer. Vormittags sprachen die Referenten, und nachmittags stellten die Jungforscher ihre Spezialgebiete vor. Jeden zweiten Tag fand eine Exkursion statt. "Wir haben unter anderem die sogenannte Laki-Eruptionsspalte des Ausbruchs von 1783 besucht und eine Bootstour auf einem Gletschersee gemacht", berichtet Martina Halmer. Besonders reizvoll fand sie die Kombination der Referenten, denn Koryphäen der Meteorologie und der Vulkanologie aus Großbritannien und Amerika waren nach Island gekommen.

Für wirtschaftswissenschaftliche Vorlesungen an der Universität Islands in der Hauptstadt Reykjavik müssen die Gelehrten nicht erst anreisen, sie sind schon da. Fast alle der rund 40 Professoren und Dozenten haben ihren Doktortitel im Ausland erworben, ein großer Teil an amerikanischen Elite-Universitäten wie Harvard und Yale. Bis vor zehn Jahren war es in Island nicht möglich, in Wirtschaftswissenschaften zu promovieren. Wer den Doktortitel erwerben wollte, ging meist ins Ausland - nach Amerika, nach Großbritannien, Dänemark oder Deutschland, so wie Professor Agust Einarsson. Der Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Islands hat in Hamburg promoviert und unterrichtet jetzt auch deutsche Studenten. "Für die ist Island eine völlig andere, besonders spannende Umgebung", sagt er. Einarsson geht davon aus, daß viele Deutsche zum Studium nach Island kommen, weil sie die Insel als Ferienziel schätzen. Für Matthias Pröhl war in der Tat sein Island-Urlaub der Grund, sich für ein Semester an der Universität Islands zu bewerben. "Ich fand es sehr reizvoll, dieses faszinierende Land einmal länger als bloß für einen Urlaub erleben zu können", sagt er. Pröhl studiert an der Fachhochschule Mainz Wirtschaftsrecht und hat in Island Vorlesungen in Europäischer Wirtschaftspolitik, Rechtsphilosophie, Europäischem Recht und Anthropologie gehört. "Mir hat die Arbeitsweise sehr gefallen, die Kurse waren relativ klein und der Kontakt zu den Dozenten sehr eng. Außerdem wird Rechtsphilosophie an der FH in Mainz nicht angeboten. Den Anthropologiekurs mit einer zweiwöchigen Reise nach Grönland hätte ich in Deutschland natürlich auch nicht machen können", berichtet er.

Zudem ist Island wegen seiner rasanten wirtschaftlichen Entwicklung für Ökonomen besonders interessant. Der Inselstaat hat sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs von einem der ärmsten Länder Europas zu einem der reichsten Staaten der Welt (gemessen nach Je-Kopf-Kaufkraft) hochgearbeitet. Dabei gibt es zwei Phänomene in der neueren isländischen Wirtschaftsgeschichte: den Fischfang, der noch heute für einen großen Teil der Exporterlöse verantwortlich ist, und die Inflation, die lange Zeit im hohen dreistelligen Bereich lag, aber dann erstaunlich schnell in den Griff bekommen wurde.

An der Universität Islands werden viele Vorlesungen auf englisch angeboten, neben den Geowissenschaften vor allem in den Wirtschaftswissenschaften und Politik. Wer länger als ein Jahr in Island studieren möchte, sollte Isländisch lernen, denn Studiengänge, die komplett auf englisch unterrichtet werden, gibt es nur sehr wenige. Die private Hochschule Reykjavik bietet einen englischsprachigen MBA-Studiengang an und die Universität Akureyri einen "Bachelor in Computer Science". Beide Hochschulen kooperieren mit deutschen Universitäten. Akureyri tauscht Studenten mit der FH Coburg sowie den Universitäten in Leipzig und Kiel aus. Der MBA der Hochschule Reykjavik wird in ähnlicher Form auch von der Universität zu Köln angeboten, beide gehören zum Global-eManagement-Netzwerk und tauschen für einzelne Veranstaltungen Professoren aus. An der privaten Hochschule Reykjavik werden zudem auch Business- und Computer-Kurse auf englisch angeboten.

Die Bewerbung für ein Auslandssemester an einer isländischen Hochschule ist relativ unkompliziert. Auch wer von einer Hochschule kommt, die keine Austauschvereinbarungen mit Island unterhält, hat gute Chancen, angenommen zu werden. "Die FH Mainz hat keine Kontakte nach Island gehabt. Ich habe deshalb selber bei der Universität in Reykjavik angerufen und bin dort mit offenen Armen empfangen worden. Das Bewerbungsverfahren war relativ unkompliziert, am wichtigsten war, daß ich darlegte, warum und was ich in Island studieren wollte", berichtet Matthias Pröhl. Während seiner Zeit in Island hat er auch begonnen, die Sprache zu lernen. "Zwar ist Englisch hier sehr weit verbreitet, doch ich wollte auch Kultur und Geschichte des Landes kennenlernen, das geht am besten, wenn man die Sprache spricht." Das Isländische hat denselben Sprachstamm wie Dänisch, Norwegisch und Schwedisch, im Gegensatz zu diesen hat es sich aber im Laufe der Zeit nur wenig verändert und Konjugation und Deklination beibehalten - es ist also schwerer zu lernen.

Diesen Weg ist Gisa Diana Marehn gegangen. Sie hat Isländisch während ihres ersten Aufenthalts auf der Insel im Jahr 1996 gelernt. Damals war sie ein Jahr dort und hat in einer Waldorfschule gearbeitet. Zurück in Deutschland, begann sie in Berlin ihr Studium der Skandinavistik, Geographie und Kulturwissenschaft, das sie im Jahr 2002 wieder nach Island geführt hat. An der Universität in Reykjavik hat sie isländische Sprachwissenschaft, Islandinistik genannt, und Geographie belegt. Beide Vorlesungen wurden auf isländisch gehalten. "Die Veranstaltungsart war eine Mischung aus Schule und Universität. Wir bekamen Hausaufgaben auf, die eingesammelt und korrigiert zurückgegeben wurden, ganz wie im Gymnasium. Andererseits wurde in den Kursen leider wenig diskutiert, sondern es referierte überwiegend der Professor - trotz kleiner Gruppen", sagt Gisa Diana Marehn. Nach dem Auslandsstudium möchte sie eventuell noch länger in Island bleiben. "Mir gefällt Nordeuropa und besonders Island vor allem so gut, weil der gesellschaftliche Zusammenhalt hier so stark ist", sagt sie. Auch Matthias Pröhl kann sich vorstellen, länger in Island zu bleiben und eventuell sogar dort zu arbeiten. Vermutlich würde er wieder mit offenen Armen empfangen, denn bei einer Arbeitslosenquote von 3,2 Prozent sind nicht nur Studenten, sondern auch Arbeitskräfte aus dem Ausland sehr willkommen.

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Von Werner Mussler, Brüssel

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