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Energiewende : Der Stromtrassenstreit könnte bald gelöst sein

Überirdisch: Stromleitungen Bild: dpa

Im Konflikt über die von Bayern abgelehnte Leitung gibt es einen Kompromissvorschlag. Bestandstrassen sollen dafür genutzt und ausgebaut werden.

          In den Streit um die von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) abgelehnten neuen Trassen für Windstrom aus Norddeutschland kommt Bewegung. Der Vorsitzende der Geschäftsführung des Netzbetreibers 50Hertz, Boris Schucht, hat im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Kompromisslösung vorgeschlagen. Man müsse alle Optionen genau prüfen, auch die Bündelung mit bestehenden Strom-, Bahn- oder Autobahntrassen. „Hierzu zählt ganz speziell die Möglichkeit, bereits existierende Stromtrassen im herkömmlichen Wechselstromnetz zu nutzen, um zusätzlich auch Gleichstrom zu transportieren“, sagte er.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) reagierte zustimmend: „Da, wo es möglich ist, müssen Bestandstrassen genutzt und ausgebaut werden“, sagte sie dieser Zeitung. Sie machte aber deutlich, dass das allein nicht reiche. „Neue Stromleitungen wollen wir nur, wenn sie wirklich notwendig sind.“ Die Landesregierung werde keiner Trasse zustimmen, die nicht für die Versorgung Bayerns gedacht sei. Beim Netzausbau müssten Umweltverträglichkeit und Akzeptanz der Bürger berücksichtigt werden.

          Der Ausbau der Nord-Süd-Stromtrassen gilt als existentiell für das Gelingen der schrittweisen Umstellung der deutschen Stromerzeugung auf eine kohlendioxidfreie Produktion. Der Leitungsausbau dürfte auch auf dem für Dienstag in Berlin angesetzten Treffen des Koalitionsausschusses Gesprächsthema werden, hieß es am Freitag in Koalitionskreisen. Die bayerische Haltung zum Netzausbau hatte in anderen Bundesländern, die auf den Ausbau von Windstrom setzen, für Verärgerung gesorgt.

          Auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der Vorsitzende der SPD, hatte die Haltung mehrfach kritisiert. Zudem ist ganz Süddeutschland, nicht nur Bayern, auf Stromlieferungen von außen angewiesen. Das gilt erst recht, wenn in den kommenden Jahren planmäßig die restlichen Kernkraftwerke vom Netz gehen. Für das Verlangen Seehofers, alternativ teure Gaskraftwerke auf Kosten aller deutschen Stromkunden in Bayern zu bauen und so die Versorgung zu sichern, gibt es absehbar keine Mehrheit.

          Gleichstrom-Transport ist verlustarmer

          Die Netzbetreiber bringen für den Bau neuer Trassen mehrere Argumente vor. Um Elektrizität über weite Entfernungen möglichst verlustarm zu leiten, soll sie anders als sonst üblich als Gleich- statt Wechselstrom transportiert werden. Die neuen Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ) würden zudem, anders als im bisherigen Netz, mit vielen Zu- und Ableitungen Punkt-zu-Punkt-Verbindungen sein, wie eine Autobahn mit nur einer Auf- und einer Abfahrt. Angebotsschwankungen würden nicht große Netzteile, sondern nur diese Leitungen treffen. Zudem wären sie in der Lage, große Strommengen abzuleiten und die Erzeuger im Norden mit den Verbrauchern im Süden zu verbinden. Ohne Netzausbau droht zudem eine Aufteilung des Marktes in zwei Preiszonen mit höheren Preisen im Süden.

          Nach dem neuen Vorschlag müssten die Seile für die Hochspannungs-Gleichstromübertragung zusätzlich auf schon vorhandene Strommasten gelegt werden. „Das ist ein innovativer Ansatz, bei dem wir technologisches Neuland betreten würden, dies aber zur Steigerung von Verständnis und Akzeptanz als gerechtfertigt ansehen“, sagte Netzbetreiber Schucht. Es gehe darum, den Bedarf an neuen Trassen zu minimieren. Der Netzbetreiber Amprion plant ein entsprechendes Versuchsprojekt im Westen. Er nennt es Supranet.

          Nach bisherigen Plänen der Netzbetreiber sollen vier neue Leitungen Windstrom aus Norddeutschland in den Süden bringen. Die Bundesnetzagentur hat davon drei Vorhaben bestätigt, zwei führen nach Bayern, eines nach Baden-Württemberg. Gegen alle Projekte regen sich Proteste. Besonders stark fallen sie gegen die Süd-Ost-Leitung aus, den „Korridor D“, der nach letzten Überlegungen von Wolmirstedt in Sachsen-Anhalt über Thüringen bis zum bayerischen Kernkraftwerk Gundremmingen. Dort könnte die bestehende Netztechnik nach Abschalten der Stromerzeugung weiterverwandt werden. Seehofer hatte mehrfach angekündigt, den Bau der Leitung verhindern zu wollen. Für das Projekt sind die Netzbetreiber 50Hertz und Amprion zuständig.

          Weniger Neubau, mehr Optimierung bestehender Netze

          Bayerns Landesregierung hatte dazu eigens einen Energiedialog gestartet. In dessen zu Monatsbeginn vorgelegten Ergebnissen heißt es unter anderem, vorhandene Leitungen hätten ein erhebliches Potential für die Steigerung der Übertragungskapazitäten. „Dieses muss genutzt werden.“ Die Optimierung und Nutzung bestehender Netze sei wichtiger als der Neubau. Insofern kann Schuchts Äußerung als Zugehen auf Bayern gewertet werden. Er warb eindringlich für den Bau neuer Transportkapazitäten.

          Sie dienten „insbesondere Süddeutschland, um die preiswerte Energie aus dem Norden und Osten Deutschlands zu nutzen und insgesamt die Systemstabilität in Deutschland aufrechtzuerhalten.“ Darüber hinaus helfe sie der Netzintegration erneuerbarer Energien und trage dazu bei, „die Energiewende zu einem Erfolg zu führen“. Vor einer Diskussion um neue Trassen müsse aber die Bundesnetzagentur den zweiten Entwurf des Netzentwicklungsplans 2014 bestätigen. Das sollte nach früheren Angaben im Frühjahr geschehen.

          Gegen Stromleitungen wird nicht nur in Deutschland protestiert. An der spanisch-französischen Grenze hatten aufgebrachte Anwohner den Bau einer grenzüberschreitenden Freileitung durch die Pyrenäen verhindert. Statt ihrer wurde für 700 Millionen Euro ein 64 Kilometer langer Tunnel gebaut. Die am Freitag offiziell in Betrieb genommene Leitung verdoppelt die Austauschkapazitäten der beiden Nachbarstaaten auf 2000 Megawatt, wie die Nachrichtenagentur AFP meldet.

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