20.03.2006 · Deutsche Klinikärzte streiken. Und fordern 30 Prozent mehr Lohn. Doch nach Leistung wollen sie nicht bezahlt werden. „Das ist die brutalste Mitgliederwerbung einer Gewerkschaft, die ich kenne“, sagt Karl Lauterbach.
Von Rainer HankOlli Miettinen liebt die Provokation. „Die lange Medizinerausbildung dient allein dazu, die hohen Einkommen der Ärzte zu rechtfertigen", doziert Miettinen: „Ärzte akzeptieren nicht, daß sie keine Wissenschaftler sind, sondern Handwerker für die Patienten."
Miettinen ist nicht nur Arzt. Der 68jährige Finne ist Professor für Epidemiologie und Biostatistik, hat lange in Harvard gelehrt und forscht heute an der McGill-Universität im kanadischen Montreal. Seine freche Botschaft lautet: Ärzte haben sich in allen westlichen Gesellschaften als wissenschaftliche Kaste installiert, ausgestattet mit kultureller Autorität, ökonomischer Macht und großem politischen Einfluß.
„Wir sind keine Bauchmetzger“
Konfrontiert man Dr. Boris Fröhlich mit den Provokationen Miettinens, gerät der ruhige Mann richtig in Rage: „Wir sind keine Bauchmetzger", sagt der junge Oberarzt. Fröhlich arbeitet als Chirurg am Universitätsklinikum Heidelberg. Wissenschaftliche Forschung und Lehre zählen selbstverständlich zu seinen Aufgaben, ebenso die tägliche Arbeit im OP.
Zum Handwerker will Fröhlich sich nicht degradieren lassen. Immerhin ist Heidelberg eines der angesehensten medizinischen Zentren in Deutschland. In 42 Kliniken und 1700 Betten werden jährlich 600.000 Patienten behandelt.
Seit vergangenem Donnerstag befindet sich Fröhlich im Streik - wie auch die anderen 22.000 Ärzte an Uniklinien und Landeskrankenhäusern. Unbefristet. Das hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Auch am Montag sind wieder Protestmärsche und Demos in vielen Universitätsstädten geplant. "Wir wollen die Gesellschaft warnen", sagt Fröhlich. Das hat schon am zweiten Streiktag bei den Ärzten besser funktioniert als während sechs Wochen Arbeitsniederlegung der Müllwerker von Verdi. 30 Prozent mehr Gehalt wollen die Ärzte für sich herausschlagen. „Die hat man uns in den letzten Jahren weggenommen“, sagen sie. Mit so einer Forderung würde IG-Metall-Chef Jürgen Peters für verrückt erklärt werden. Doch die Ärzte erhalten einfühlende Aufmunterung quer durch die Bevölkerung. Kein Wunder. Denn die Ärzte verstehen es, ihren Streik glänzend öffentlich zu verkaufen. „Die Bezahlung ist schlecht, die Arbeitszeiten sind miserabel und die Karriereaussichten desaströs“, so lautet, auf einen Nenner gebracht, ihre Klage. Die Konsequenzen kann sich jeder selbst ausmalen: Die Behandlung der Patienten leidet, die guten Ärzte wandern ab. „Wir sehen uns in Norwegen“ steht auf einem Transparent der Demonstranten.
Fröhlich nennt aus dem Stand ein Dutzend Kollegen, die in den vergangenen Jahren Heidelberg verlassen haben und heute in Sydney, Boston oder Bern operieren. Allein 2600 deutsche Ärzte haben sich im vergangenen Jahr nach Großbritannien davongemacht. „Es sind nicht die schlechtesten“, sagt Fröhlich.
Gehälter der deutschen Klinikärzte am unteren Ende
Tatsächlich rangieren die Gehälter der deutschen Klinikärzte am unteren Ende, wenigstens dann, wenn man sie mit dem Einkommensniveau westlicher Länder vergleicht. 56.000 Dollar beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen hierzulande. Die Briten bieten 127.000, die Amerikaner gar 268.000 Dollar.
Im Vergleich zum deutschen Durchschnitt ist Oberarzt Fröhlich ein Besserverdiener: Rund 85.000 Euro erhält er brutto im Jahr. Das umfaßt Grundverdienst samt Nacht- und Sonntagszuschlägen und bringe, berechnet auf täglich 12 bis 14 Stunden Normalarbeitszeit (zuzüglich Nachtdienste), gerade einmal einen Stundenlohn von 12 Euro, klagt Fröhlich.
Ein bißchen merkwürdig ist es schon, daß akademisch ausgebildete Forscher in Führungspositionen mit Stundenlöhnen argumentieren. Woran bemißt sich der Lohn eines Klinikarztes? Fröhlichs Kollege in der Chirurgie, Stationsarzt Dr. Marc Martignoni, hat eine einfache Formel: "Ich will mir ein Auto leisten und meiner Familie ein Haus bauen." Das mag zwar ökonomisch keine besonders befriedigende Antwort sein, sie zeigt aber, daß der Antrieb zum Ärztestreik auf eine Kränkung zurückgeht.
"Vom Halbgott in Weiß zum Depp der Nation" haben Ärzte auf ein Plakat geschrieben. Der Satz offenbart die Statusängste eines ganzen Berufsstandes: Ein Arzt, der noch nicht einmal mit seiner Familie ein Haus leisten kann, schämt sich - und geht auf die Straße.
Drei Milliarden Euro müßten die Versicherten aufbringen, um die Forderungen der Ärzte zu erfüllen: Das bedeutete eine Verteuerung der Beiträge um 0,3 Prozent. Heute geben die Deutschen mehr als elf Prozent ihres Bruttosozialprodukts für Gesundheit aus. In Amerika sind es 16 Prozent. "Wenn wir die Kosten nicht in den Griff bekommen, werden wir bald nicht mehr alles finanzieren können, was medizinisch möglich und wünschenswert ist", warnt Princeton-Ökonom Paul Krugman. Das heißt: Heilung wird rationiert.
Erpressungsmacht hoch
Die deutschen Ärzte wissen, daß ihre Erpressungsmacht hoch ist. Denn kein Bürger will unters Messer eines völlig übermüdeten Dr. Martignoni kommen. Darin erinnert der Streik der Klinikärzte an die Tarifmacht der Pilotengewerkschaft Cockpit, die gerne mit den Flugängsten der Passagiere spielt. Einen „Überbietungswettbewerb der Lobbygruppen“ nennt SPD-Gesundheitsökonom Karl Lauterbach den Ärztestreik: „Das ist die brutalste Mitgliederwerbung einer Gewerkschaft, die ich je gesehen habe.“
Lauterbach liegt nicht ganz daneben. Denn die Protestargumente der Ärzte passen logisch nicht ganz zusammen. Gäbe es eine Abwanderungswelle, müßte die Zahl der Ärzte hierzulande zurückgehen. Doch sie steigt seit 40 Jahren stetig: 2005 gab es 400.500 Ärzte in Deutschland (plus 1,6 Prozent). Der Grund für den Zuwachs: osteuropäische Ärzte finden Jobs in deutschen Kliniken und füllen die Lücke.
Auch die Klage der Streikenden über die miserablen Karriereaussichten findet Widerspruch. „Die Aufstiegschancen sind hervorragend“, sagt Irmtraut Gürkan, Verwaltungschefin des Heidelberger Klinikums. Die Chancen hätten sich sogar noch verbessert, seit es unter den Chefärzten eine weitere Führungsebene gebe. Und dort wird außertariflich entlohnt.
„Kein Einkommens-, sondern ein Qualitätsproblem“
„An den Kliniken gibt es kein Einkommens-, sondern ein Qualitätsproblem", bellt Gesundheitsökonom Lauterbach zurück. Das ärgert die Klinikärzte ziemlich. Sie sind der Meinung, deutsche Kliniken böten heute schon die beste medizinische Qualität zu günstigen Preisen. Das mag generell stimmen. Doch niemand weiß, an welchen Kliniken gute oder schlechte Leistung erbracht wird. Eine Internetseite mit den Qualitätsberichten der Krankenhäuser (www.g-qb.de) ist lausig präsentiert und wenig aussagekräftig.
Dabei wären gerade Krankenhausleistungen einfach zu vergleichen. Wie lange ist die durchschnittliche Lebenszeit nach einer Lebertransplantation? Wie häufig gibt es Komplikationen nach einer Blinddarmoperation? Darauf sind quantifizierbare Antworten möglich. Man bräuchte allerdings Daten: etwa darüber, welche Ärzte welche Krankheit am besten heilen.
Doch diesen Vergleich scheuen die Ärzte. „Dabei könnten wir auf diese Weise gute und schlechte Kiniken unterscheiden“, sagt der Bayreuther Ökonom Peter Oberender. Die Versicherungen bräuchten ihr Geld und ihre Patienten nur noch zu den guten Kliniken schicken - was die Einkommen der Ärzte dort von alleine steigern würde. Womöglich um mehr als 30 Prozent?
Eine individuelle Leistungsentlohnung wollen die streikenden Ärzte nicht. Sie wollen einen einheitlichen Tarif für alle - für die guten und die weniger guten. "Wir sind nicht geldgierig", sagt Stationsarzt Martignoni.
KUNSTFEHLER - und die Allgemeinheit zahlt
A. Ro-Nori (Steuerzahler)
- 20.03.2006, 17:47 Uhr
Leistungsentlohnung, gutes Schlagwort, aber sonst...
Martin Hahn (mhh3)
- 20.03.2006, 19:35 Uhr
Bild Zeitungsniveau
harald schneider (asklepion)
- 21.03.2006, 16:19 Uhr
Artikel geht an der Wirklichkeit vorbei..
Michael Brüggemann (bruegge1952)
- 23.03.2006, 12:50 Uhr
Ein widersprüchlicher Artikel
B. Keim (bkeim)
- 23.03.2006, 12:53 Uhr
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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