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Sterbende Mittelschicht? Reiches Amerika, armes Amerika

 ·  In den Vereinigten Staaten beginnt eine Debatte über die großen Einkommensunterschiede. Wird die Kluft zwischen reich und arm wirklich immer größer? Experten und Politiker sind uneins: Sowohl über den Befund als auch über mögliche Rezepte zur Lösung. Von Claus Tigges, Washington.

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John Edwards zeichnet gerne ein Bild von „zwei Amerikas“: Einem, in dem die Menschen täglich viele Stunden schuften und trotzdem kaum über die Runden kommen; und von einem Amerika der Reichen und Superreichen, die die Früchte der Arbeiter ernten, den Luxus lieben und den Müßiggang pflegen.

Schon im Wahlkampf 2004 sprach der frühere Senator aus North Carolina, damals als „running mate“ von Präsidentschaftskandidat John Kerry, oft und leidenschaftlich vom großen Graben, der sich durch die amerikanische Gesellschaft ziehe und zugeschaufelt werden müsse. Auch jetzt wieder, da Edwards sich im Wettstreit unter anderem mit den Senatoren Hillary Clinton und Barack Obama um die Kandidatur zur Präsidentschaft 2008 bewirbt, prangert der Demokrat die großen Wohlstandsunterschiede in Amerika an. Amtsinhaber George Bush, sagt Edwards mit Überzeugung, habe durch seine einseitige Steuerpolitik zu Gunsten der Reichen noch dazu beigetragen, die Kluft zu vergrößern.

Starke Mittelschicht als Herausforderung

Die Debatte über die wachsende Ungleichheit der Lebensverhältnisse in Amerika hat inzwischen die amerikanische Hauptstadt Washington erreicht und wird wohl schärfer werden, je näher der Zeitpunkt der Präsidentschaftswahl im Herbst kommenden Jahres rückt. Der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke, hat sich kürzlich zum Thema geäußert, und dem gemeinsamen Wirtschaftsausschuss von Repräsentantenhaus und Senat war die Entwicklung der Einkommensverteilung schon eine Anhörung wert.

„Eine der größten Herausforderungen besteht darin, eine starke Mittelschicht in unserem Land zu bewahren. Dazu bedarf es dreierlei: der Wahrung der Chancengleichheit; der langfristigen Absicherung all jener, die derzeit einen guten Arbeitsplatz haben; und der Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten, nicht nur einer kleinen Minderheit, an Wachstum und Wohlstand“, sagte darin der frühere Finanzminister und Präsident der Eliteuniversität Harvard, Lawrence Summers. Als erschütternd bezeichnete es Summers, dass nur rund zehn Prozent der Studierenden an amerikanischen Eliteuniversitäten aus Familien stammen, die sich in der unteren Hälfte der Einkommensverteilung befinden. Um die Missstände zu beseitigen, müsse an verschiedenen Fronten gekämpft werden, von der Steuer- über die Sozial- bis hin zu einer gezielten Industriepolitik mit dem Ziel, wettbewerbsfähige Arbeitsplätze zu schaffen und dauerhaft zu sichern, erläuterte Summers den Kongressmitgliedern und Senatoren.

Wachsende Ungleichheit

Doch es wurde während dieser Anhörung auch deutlich, dass durchaus unterschiedliche Ansichten über den Befund der wachsenden Ungleichheit und zumal über die Rezepte zur Linderung bestehen. Jim Saxton, der stellvertretende Ausschussvorsitzende, verwies auf die jüngsten Daten des Amtes für Bevölkerungsstatistik: Der sogenannte Gini-Koeffizient, ein wichtiges Maß für die Einkommensverteilung in der Bevölkerung, habe sich zwischen 2001 und 2005 nicht nennenswert verändert.

„Der Kongress sollte dies bedenken, bevor er unter dem Eindruck einer mutmaßlich wachsenden Ungleichheit tätig wird“, warnte Saxton. Der verhältnismäßig schwache Anstieg der Löhne in den vergangenen Jahren sei ebenfalls kein überzeugendes Argument, sagte der Republikaner. Die verfügbaren Daten überzeichneten die Inflationsrate und ließen darüber hinaus wichtige Faktoren wie Lohnzusatzleistungen außer Betracht.

Konsumausgaben als Wohlstandsmaß

Darauf zielte auch Richard Vedder von der konservativ-liberalen Gedankenschmiede American Enterprise Institute in seinen Bemerkungen ab. „Die Maße, die normalerweise als Beleg für eine wachsende Ungleichheit herangezogen werden, geben kein wahrheitsgetreues Bild ab“, sagte Vedder. Die Einkommensstatistik beispielsweise fuße auf dem Geldeinkommen der Bürger und berücksichtige wichtige Dinge wie die Krankenversicherung, Lebensmittelmarken oder Mietzuschüsse nicht. Weil diese anderen Leistungen mit der Zeit immer wichtiger geworden seien, vor allem für jene Menschen am unteren Ende der Einkommensskala, überzeichne die bloße Einkommensentwicklung die Ungleichheit.

„Wer sich wirklich um das Wohlergehen der Amerikaner sorgt, der sollte lieber auf die Konsumausgaben schauen“, erläuterte Vedder den versammelten Politikern. Gemäß der Einkommensstatistik verdienten die ärmsten fünf Prozent zusammen nur etwas mehr als 7 Prozent dessen, was die reichsten fünf Prozent erhielten. Dafür hätten sie aber rund ein Viertel dessen konsumiert, was die Reichen konsumieren. „Die Ungleichheit im Konsum ist ungefähr ein Drittel kleiner als die der Einkommen“, stellte Vedder fest. Zugleich warnte der Ökonom davor, bestimmte Politiken zur Verringerung der Einkommensungleichheit ins Werk zu setzen. Das gelte beispielsweise für eine progressivere Besteuerung der Einkommen, die unerwünschte negative Folgen für das Wachstum haben könnte. Auch eine wirtschaftliche Abschottung zum vermeintlichen Schutz der Mittelschicht sei der falsche Weg.

„Belohnung“ von Bildung und Ausbildung

Mit etwas anderer Kritik mischt sich Jared Bernstein vom arbeitnehmernahen Economic Policy Institute in die Diskussion ein. Der Ökonom wendet sich gegen den von Präsident Bush vermittelten Eindruck, die wachsende Ungleichheit der Einkommen sei auf eine stärker werdende „Belohnung“ von Bildung und Ausbildung zurückzuführen. „Es gibt keinen Beleg dafür, dass ein hohes Maß an Qualifikation verhältnismäßig mehr einträgt als früher“, sagt Bernstein. Beispielsweise sei in den ersten Jahren des aktuellen Konjunkturaufschwungs der Lohnzuschlag, den Arbeitnehmer mit College-Ausbildung erwarten können, etwas geschrumpft. „An dem grundsätzlichen Umstand, dass eine bessere Ausbildung auch zu höheren Einkommen führt, ändert sich dadurch freilich nichts“, erläutert der Ökonom. Es sei aber zu kurz gegriffen, die wachsende Einkommensungleichheit allein dem Qualifikationsniveau zuzuschreiben. Folglich müsse eine Politik zur Verringerung der Ungleichheit nicht nur auf bessere Bildungsmöglichkeiten zielen, sondern auch Dinge wie einen höheren Mindestlohn und die Stärkung der Gewerkschaften berücksichtigen, sagt Bernstein.

Damit befindet sich Bernstein in großer Nähe zu Präsidentschaftsbewerber John Edwards. Dieser kämpft seit einigen Wochen eifrig für seine Idee von einer umfassenden, verpflichtenden Krankenversicherung für alle Amerikaner. „Ich will in einem Land leben, in dem sowohl Arbeit als auch Wohlstand etwas gelten, weil wir begriffen haben, dass wir stark sind, weil die Menschen hart arbeiten“, sagt Edwards.

Quelle: F.A.Z., 01.03.2007, Nr. 51 / Seite 13
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