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Steinmeiers Rechenkünste 31 Millionen Äquivalente

07.08.2009 ·  Komplizierte Begriffe wie „Vollzeitäquivalente“ verbieten sich quasi von selbst. Also spricht SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier lieber von „Erwerbstätigen“, deren Zahl von derzeit 31 Millionen auf mindestens 33 Millionen erhöht werden müsse.

Von Sven Astheimer
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In Wahlkampfzeiten sind einfache Botschaften gefragt. Gerade in Fernsehinterviews verbieten sich komplizierte Begriffe wie „Vollzeitäquivalente“ quasi von selbst. Also hat SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier in dieser Woche lieber von den „Erwerbstätigen“ gesprochen, deren Zahl binnen eines Jahrzehnts von derzeit 31 Millionen auf mindestens 33 Millionen erhöht werden müsse, um Vollbeschäftigung zu schaffen. Doch die Zahl der Erwerbstätigen - also aller Selbständigen, Angestellten, Arbeiter und Beamten - pendelt seit Jahren um die Marke von 40 Millionen, wie das Statistische Bundesamt ausweist.

Auch der zweite gängige Indikator, die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, konnte nicht gemeint sein (F.A.Z. vom 5. August). Die Verwirrung ist seitdem nicht nur unter Lesern dieser Zeitung groß, woher die 31 Millionen stammen, mit denen der Außenminister nun auf Sommerreise durch das Land zieht.

4 Millionen neuen Arbeitsplätzen bis 2020

Die Auflösung lautet, dass es in Steinmeiers Deutschland-Plan nicht um konkrete Personen (Erwerbstätige), sondern um sogenannte Vollzeitäquivalente geht. Dabei handelt es sich um eine vor allem im Personal-Management verwendete Vergleichsgröße, mit der sich das geleistete Arbeitsvolumen in Vollzeitarbeitsplätze umrechnen lässt. Weil in Deutschland unter anderem die Teilzeitquote gerade unter Frauen relativ hoch ist und derzeit rund 1,4 Millionen in Kurzarbeit sind, fällt diese Vollzeitkräftebetrachtung mit derzeit rund 31 Millionen deutlich niedriger aus als die Zahl der Erwerbstätigen.

Nach Steinmeiers Rechnung muss das Potential von 4 Millionen neuen Arbeitsplätzen bis 2020 ausgeschöpft werden, um bei gleichzeitig angenommenen Arbeitsplatzverlusten im Saldo auf bis zu 34 Millionen Vollzeitstellen zu kommen. Die kommunikative Panne lag darin, beide Konzepte ohne Erklärung miteinander zu vermengen.

Hauptsache, die Person ist nicht arbeitslos gemeldet

Die Umrechnung ist für die eigentliche Frage nach der Vollbeschäftigung auch gar nicht nötig, wird diese doch anhand der Arbeitslosigkeit und damit wiederum nach Köpfen definiert. Derzeit gilt Vollbeschäftigung unter Ökonomen bei einer Arbeitslosenquote von bis zu 4 Prozent als erreicht. Dabei ist es egal, ob jemand als Selbständiger 60 Stunden in der Woche arbeitet, als Metallarbeiter 36 Stunden oder als Teilzeitkraft 20 Stunden - Hauptsache, die Person ist nicht arbeitslos gemeldet. Sogar Arbeitslose in Weiterbildungsmaßnahmen, die während der Dauer nicht gezählt werden, entlasten die Quote.

Um der Vollbeschäftigung näher zu kommen, muss in den kommenden Jahren zumindest rechnerisch auch nicht zwangsläufig mehr Beschäftigung aufgebaut werden. Denn bedingt durch die Alterung der Gesellschaft, schrumpft das Arbeitskräfteangebot (ohne Zuwanderung) zwischen den Jahren 2000 und 2040 um 16 Millionen. Die Trendwende setzte im vergangenen Jahr ein. Auch in diesem Jahr wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter um mehr als 100.000 abnehmen.

Drängen weniger Leute auf den Arbeitsmarkt, kann die Erwerbslosigkeit also schon abgebaut werden, wenn die Zahl der Arbeitsplätze konstant bleibt. Diese Betrachtung setzt allerdings voraus, dass die Qualifikation der Arbeitslosen auch den Anforderungen der Arbeitgeber entspricht - was unter Fachleuten als eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre gilt.

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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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