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Standortdebatte Die Planwirtschaft der Unternehmen

06.04.2005 ·  Standortflüchtlinge, Stellenstreicher, Steuervermeider, Absahner: Deutschland hadert mit seinen Unternehmen. Kann es so weitergehen? Nein, der ehrbare Kaufmann mit Vorbildfunktion kann seine Vorteile bewahren.

Von Jürgen Dunsch
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Deutschland hadert mit seinen Unternehmen. Nicht erst seit der Aufforderung des Kanzlers, mehr Investitionsfreude zu zeigen, liegt der Unmut über die Vorstände offen zutage. Standortflüchtlinge, Stellenstreicher, Steuervermeider, Absahner - die Liste der Vorwürfe ließe sich beliebig verlängern. Der Ärger entlädt sich nicht zuletzt über die großen, an der Börse notierten Konzerne, da der von ihnen verbreitete Hauch des Kapitalismus besonders eisig erscheint.

Fast jeder Quartalsbericht folgt offenbar einer Blaupause höheren Managementwissens: Nach dem Stellenabbau werden die Rationalisierungserfolge gefeiert. Danach setzt der Vorstand neue Zielmarken, die vielfach nur über einen weiteren Personalabbau erreichbar sind. Die Erfolge solcher Axthiebe läßt sich das Management dann mit fürstlichen Gehältern entgelten.

Rückgrat Familienunternehmen

Kann es so in der Wirtschaft weitergehen? Deutschland glaubt ein Gegenmodell zu haben. Es sind die Mittelständler, das immer wieder beschworene „Rückgrat der deutschen Volkswirtschaft“, genauer gesagt die Familienunternehmen. Sie gelten als vertrauenswürdig in einer Zeit, in der selbst eine bessere Qualifikation nicht die Angst um den Arbeitsplatz zu nehmen vermag. Die Dax-Unternehmen haben 2004 insgesamt mehr verdient als im letzten Boomjahr 2000, und auch die Ausblicke sind überwiegend zuversichtlich.

Doch was nützt das in der öffentlichen Stimmungswoge, in der nach einer Forsa-Umfrage weit mehr als 90 Prozent der Menschen die Sicherung oder Schaffung von Arbeitsplätzen als die vordringlichste Aufgabe von Unternehmen ansehen, aber nur 42 Prozent das Erwirtschaften hoher Gewinne, das doch die Voraussetzung für Arbeitsplätze bietet?

Weitere Rationalisierungen

Es sind die Familienunternehmen, die anscheinend den Gleichklang zwischen Gewinnen und Arbeitsplätzen herstellen und dabei dem Standort in besonderem Maße die Treue halten. Sie stellen mehr als zwei Drittel aller Arbeitsplätze und vier Fünftel aller Ausbildungsplätze in Deutschland bereit. Im Grunde müßten sie der beste Verbündete der Regierung in Berlin sein, wäre da nicht die Klage über hohe Lohnnebenkosten, verknöcherte Arbeitsmärkte, staatliche Regelungswut und steuerliche Nachteile.

Aber die Tugenden der Familienunternehmen sind zum Mythos verklärt worden. Sie haben mit der Wirklichkeit einer globalisierten Wirtschaft nur noch begrenzt zu tun. Auch der Hausgerätehersteller Miele kann sich dem nicht entziehen, fast 1100 wegfallende Arbeitsplätze hierzulande sind der Preis. 350 Stellen umfaßt der angekündigte Personalabbau bei dem Automobilhersteller Karmann. 330 Arbeitsplätze streicht der Fliesenhersteller Villeroy&Boch im Rahmen einschneidender Rationalisierungsmaßnahmen.

Konsens statt Konflikt

Dessenungeachtet ist der Goodwill gegenüber dem Mittelstand groß, durchaus mögliche Abstriche halten sich in engen Grenzen. Die den Unternehmern zugeschriebenen positiven Eigenschaften wie Flexibilität und Standorttreue werden in den Beziehungen zu Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern durch die Einschätzung ergänzt, die Betriebe setzten eher auf Konsens als auf Konflikt.

Die Beobachtung ist wichtig, denn die „große Familie“ der inhabergeführten Unternehmen spiegelt zugleich eine Grundbefindlichkeit der Deutschen wider. Es ist ein Charakterzug, der auch der alten „Deutschland-AG“ innewohnte. Das Konzept ist bekannt: Banken und Versicherungen beherrschten zahlreiche Großunternehmen als Kreditgeber, Anteilseigner und Kapitalvertreter im Aufsichtsrat. Ergänzt durch die Mitbestimmung der Arbeitnehmer, sorgten sie für das geräuschlose Arbeiten der Maschine - im Zweifel auch zu Lasten der anderen Aktionäre.

Betriebliche Planwirtschaft

Unter dem Druck der Globalisierung zerbröselt die Deutschland-AG, aber sind die neuen Netzwerke besser? Es sind ja keine Vitamin-B-freien Räume entstanden. Die neuen Clubs bestehen vielerorts aus Leuten von McKinsey und Roland Berger. Private-Equity-Fonds mit ihren Querverbindungen haben Banken und Versicherungen als Anteilseigner abgelöst. Investmentbanken wie Goldman Sachs bei Karstadt-Quelle sind zu entscheidenden Machtfaktoren geworden. Niemand will den Aktionären ihre Eigentumsrechte streitig machen. Aber die Frage muß erlaubt sein, ob zum Beispiel der Rückzieher der Deutschen Börse aus dem Übernahmeversuch der London Stock Exchange (LSE) unter dem Druck mehrerer internationaler Hedge-Fonds die beste Lösung war.

Keine Frage, wer als Unternehmen auf Dauer überleben will, kommt an klaren Renditekennziffern, internationalen Vergleichsmaßstäben und ständiger Restrukturierung nicht vorbei. Einseitig darauf fixiert, verkümmert Unternehmertum aber zur betrieblichen Planwirtschaft. Kurzfristige Zielerreichung ersetzt langfristiges Denken, Bilanzkosmetik notfalls die Wirklichkeit.

Den internationalen Kapitalmärkten nicht verschließen

Es stimmt nachdenklich, wenn Jürgen Heraeus, der Aufsichtsratsvorsitzende des gleichnamigen Technologieunternehmens, sagt: Theoretisch könnte Heraeus noch Personal einsparen, anonyme Aktionäre anstelle von Familieneigentümern würden sicher darauf dringen. Dabei ist die Frage doch eher, ob nicht motivierte und dem Betrieb verbundene Mitarbeiter die Produktivität mindestens ebenso zu steigern vermögen.

Die deutschen Unternehmen können und dürfen sich den internationalen Kapitalmärkten nicht verschließen. Die Kreditvergabe der Banken nach den Richtlinien von Basel II zeigt auch dem letzten Mittelständler, daß er nicht mehr im nationalen Wolkenkuckucksheim lebt. Aber es gibt keinen Grund für die Annahme, daß der ehrbare Kaufmann mit Vorbildfunktion auch unter den neuen Bedingungen seine Vorteile nicht bewahren kann. Seine eigenen Prinzipien, richtig eingesetzt, stellen einen Wettbewerbsvorteil dar.

Quelle: F.A.Z., 06.04.2005, Nr. 79 / Seite 11
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Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

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