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Standortbedingungen Griechenland und Italien sind für Investoren Entwicklungsländer

155 Tage warten bis zum Stromanschluss und das Doppelte eines Jahreseinkommens für eine Baugenehmigung - trotz der Reformbemühungen sind die Rahmenbedingungen für Unternehmen einer neuen Studie der Weltbank zufolge in den europäischen Krisenländern oft schwierig. Vor allem Italien kommt kaum voran.

© REUTERS Bei den Baugenehmigungen belegt Italien Platz 103 in der Auswertung der Weltbank

Laut der neuen Weltbankstudie „Doing Business 2012“ haben die Euro-Krisenländer ihre Qualität als Standort für Unternehmen etwas verbessert. Trotz gewisser Fortschritte sei es aber noch nicht gelungen, ein wirklich wirtschafts- und gründerfreundliches Umfeld zu schaffen. Vor allem Italien stagniere relativ zu den besten EU-Standorten. Griechenland liege weit abgeschlagen. Zu diesem Ergebnis kommen Ökonomen der Commerzbank in einer Auswertung der Weltbankstudie. „Alles in allem sehen wir keinen Reformdurchbruch in der Breite“, schreiben Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, und die Analystin Ulrike Rondorf.

Philip Plickert Folgen:

Italien konnte zwar im Weltbank-Ranking vom 87. auf den 73. Platz aufsteigen, es habe seine Attraktivität für Unternehmen aber nur verglichen mit einigen Entwicklungsländern wie Sambia oder Namibia verbessert. Krämer zählt einige Beispiele für sehr schwerfällige und ineffiziente Verwaltung auf: Laut Fallstudien der Weltbank müssen italienische Mittelständler - sofern sie kein Schmiergeld zahlen - 155 Tage auf einen Stromanschluss warten. Vor einem Jahr waren es sogar 185 Tage. Eine Baugenehmigung zu erhalten kostet das 1,8-Fache eines durchschnittlichen Jahreseinkommens. Verglichen mit dem hypothetischen Top-EU-Standort, der sich aus den Bestwerten zusammensetzt, liegt Italien weit abgeschlagen auf dem drittschlechtesten Platz in der EU-Liste. Gegenüber 2009, dem Ausbruch der Krise, hat sich der Abstand zu den Top-Standorten sogar etwas vergrößert. „Das ist ein weiterer Beleg für unsere These, dass Ministerpräsident Monti als Reformer gescheitert sein dürfte“, urteilt der Commerzbank-Ökonom hart.

Portugal nur knapp hinter Deutschland

Viel bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen bietet Portugal. Es hat seine Position im Weltbank-Ranking leicht auf Rang 30 gesteigert. Im EU-Vergleich liegt es im oberen Drittel. Seit Ausbruch der Krise hat es durch verschiedene Reformen seine Position verbessert. „Portugal liegt damit nur noch knapp hinter Deutschland“, lobt Krämer. Bauvorhaben werden nun schon im Durchschnitt nach 108 Tagen (zuvor 282 Tage) genehmigt. In Deutschland dauert es im Schnitt 97 Tage, in Italien hingegen 234 Tage. Portugal hat auch die Abwicklung von Außenhandelsgeschäften beschleunigt. Was die Weltbank nicht berücksichtigt, aber Krämer hervorhebt, ist der Faktor der Lohnstückkosten. Hier habe Portugal „zwei Drittel des Verlusts an preislicher Wettbewerbsfähigkeit wettgemacht, den es zuvor erlitten hatte“.

„Außerhalb der Gefahrenzone“ sei mittlerweile Spanien, das seinen Standort seit Krisenbeginn durch verschiedene Reformen deutlich attraktiver gemacht hat. Dadurch ist es im Weltbank-Ranking vom 49. auf den 44. Platz aufgestiegen. Es liegt nun nicht mehr im unteren Drittel der EU-Länder. Krämer hebt besonders Reformen im Steuersystem hervor: Die Steuerbelastung der Unternehmen ist gesunken, die Steuererklärungen sind einfacher und schneller zu erledigen. Zudem wurde das Konkursrecht reformiert, so dass Gläubiger schneller ihre Forderungen erhalten.

Griechenland hinter Ghana und Botswana

Ein düsteres Bild bietet Griechenland, das als Unternehmensstandort nur geringe Fortschritte gemacht hat, wie die Weltbank-Studie zeigt. Zwar hat sich einiges getan, etwa im Steuersystem, im Insolvenzrecht und in der Außenhandelsabwicklung. Im Weltbank-Ranking liegt es nun auf Platz 78 (im Vorjahr 109). Das ist aber ein Platz im Feld der Entwicklungsländer. Für eine Verbesserung gegenüber den EU-Ländern, den relevanten Wettbewerbern, reichte es nicht. Im Gegenteil: Relativ zur EU ist das Land weiter zurückgefallen. „Im Weltbankranking befindet sich Griechenland hinter Ländern wir Ghana und Botswana“, kritisiert Krämer. Griechenland macht Unternehmern das Leben schwer. Geschäftsgründer müssen elf separate Verwaltungsschritte durchlaufen, während in Slowenien nur zwei reichen. Zudem sind die Rechte von Investoren nur mangelhaft gesichert.

Die jährliche Weltbank-Studie „Doing Business“ misst in 10 Kategorien mit 37 Unterkategorien, wie gut oder schlecht Unternehmer in einem Land zurechtkommen. Gemessen wir, wie leicht es ist, ein Geschäft oder eine Fabrik zu eröffnen, wie lange Baugenehmigungen dauern, wie schnell man einen Elektrizitätsanschluss bekommt und wie teuer es ist, Grunderwerb registrieren kann. Berücksichtigt werden zudem die Verfügbarkeit von Kredit, der rechtliche Schutz von Investoren, die Handelsabwicklung, die Durchsetzbarkeit von Verträgen und das Involvenzrecht. Auf den ersten sieben Plätzen des Weltbank-Rankings liegen Singapur, Hongkong und Neuseeland, die Vereinigten Staaten, Dänemark, Norwegen und Großbritannien. Das wirtschaftsfreundliche Irland liegt auf Platz 15. Deutschland hat sich 2012 leicht auf den 20. Platz verbessert (plus 2). Frankreich ist von Platz 26 auf Platz 34 gerutscht.

Quelle: F.A.Z.

 
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