13.07.2005 · Die sieben rot-grünen Jahre in Berlin waren aus Schweizer Sicht ein Riesenerfolg. Nicht nur der Molkereiunternehmer Müller floh vor dem deutschen Fiskus, auch etliche deutsche Mittelständler kamen in die Schweiz.
Von Konrad Mrusek, BürgenstockWirtschaftsförderer der Schweizer Kantone haben schon immer gerne im deutschen Teich nach Investoren geangelt, weil dieser so groß ist und die fiskalische Wasserqualität vielen Firmen nicht schmeckt. Die sieben rot-grünen Jahre in Berlin waren in dieser Hinsicht ein besonders ertragreicher Fischzug: Nicht nur der Molkereiunternehmer Theo Müller floh vor dem deutschen Fiskus nach Zürich, auch etliche deutsche Mittelständler kamen in die Schweiz. Selbst Boris Becker ließ sich in der Steueroase Zug nieder, was indes eher mit der Standortwahl seines langjährigen Geschäftspartners Hans-Dieter Cleven zu tun hat, des ehemaligen Metro-Finanzchefs.
Wünschen sich also Schweizer Wirtschaftsförderer zur Zeit nichts sehnlicher, als daß der Bundeskanzler nach der nächsten Wahl wieder Gerhard Schröder heißt? Ist Rot-Grün ihre politische Lieblingsfarbe in Berlin? So direkt würde das kein Standort-Promoter sagen, denn Eidgenossen sind höflich und nicht so deutsch-deutlich. Und wenn einer auf diese Frage antwortet, dann tut er es differenziert. „Auf Dauer wäre Rot-Grün nicht ganz in unserem Sinne“, sagt Bernhard Neidhardt, der Leiter des Amtes für Wirtschaft und Arbeit im Kanton Zug.
Deutschland wichtigster Exportmarkt
„Es nützt uns ja nichts, wenn Deutschland immer schwächer wird, weil dann auch die Schweizer Wirtschaft langfristig nicht stark sein kann.“ Deutschland ist der mit Abstand wichtigste Exportmarkt, daher gibt es eine Korrelation zwischen den Wachstumsraten beider Länder. Trotz der engen Verknüpfung werden die Kantone die deutsche Erholung keineswegs dadurch unterstützen, daß sie weniger Firmen ködern. Denn einigen Gebirgskantonen, wie etwa Uri, geht es schlecht. Sie brauchen Investoren, weil die Armee als bisher großer Arbeitgeber sparen muß.
Die Methoden des Schweizer Standortmarketings in Deutschland werden vermutlich jedoch eine Spur vorsichtiger werden. Denn die Plakate, die etwa eine Region des Kantons Luzern (Seetal) letztes Jahr in einigen deutschen Städten aufstellte (“Kommen Sie zu uns, da zahlen Sie keine Steuern“), behagten vielen nicht. Erich Vorburger vom Kanton Nidwalden sagt: „Solch ein Standort-marketing ist mir zu plakativ und in der Aussage auch falsch. Unternehmen zahlen auch hier Steuern, aber weniger als im Nachbarland.“
Schweiz wird weiter vorne bleiben
Auch wenn Deutschland unter einer CDU-Regierung die Gewinnsteuern senkt, der Abstand zur Schweiz wird bleiben. Denn hier senkt man auch. Einerseits wegen der osteuropäischen Konkurrenz, die die Schweiz ebenfalls spürt. Zum anderen wegen des internen Steuerwettbewerbs. Die Kantone, die anders als deutsche Bundesländer eine Finanzhoheit und damit eigene Steuern haben, versuchen sich gegenseitig zu unterbieten, um Firmen anzulocken. Teilweise nutzen sie für solche fiskalische Entlastung jenen Teil der Zinserträge, der ihnen aus dem Goldverkauf der Notenbank zusteht.
So will der nur 35000 Einwohner zählende Kanton Obwalden demnächst die kantonale Körperschaftsteuer von 16 auf 6 Prozent senken. Zusammen mit dem Anteil des Bundes wären das 15,1 Prozent, was der niedrigste Wert im Land wäre. „Nur so kommen wir weiter“, versichert Kurt Bucher, der Wirtschaftsförderer des Kantons. Dies ist eine fiskalische Retourkutsche gegen den Kanton Zug, denn der hat bisher mit 16,3 Prozent die geringsten Steuern und lebt wie die Made im Schweizer Speck.
Ganz von allein ins Steuerparadies
Zug muß schon längst nicht mehr aktiv um Firmen werben; die kommen von allein, weil man auch im Ausland als Steuerparadies wohlbekannt ist. Allein im Vorjahr hat sich die Zahl der Unternehmen um 1200 auf 23000 erhöht; vor zehn Jahren waren es noch 15000. Somit kommt nun auf jeden fünften Einwohner eine steuerzahlende Firma, und darunter sind Konzerne wie etwa Siemens, Glencore (Rohstoffhandel) oder die BASF. Kein Wunder, daß Zug der reichste Schweizer Kanton ist.
Die Wirtschaftsförderer der benachbarten Kantone haben sich dies lange Zeit mit einer Mischung aus Neid und Empörung angeschaut, nun kopieren sie fast alle Zug. Erst waren es lediglich die Kantone Schwyz und Nidwalden, die ebenfalls ihre Steuern senkten. Der Erfolg gab ihnen recht: Sie lockten so manches deutsche Unternehmen wie etwa Kühne & Nagel (Schwyz) oder Fresenius (Nidwalden). Nun werden auch Luzern und Obwalden die Steuern senken. Die Situation ist günstig, denn Zug steckt in einer schwierigen Lage. Der Kanton muß demnächst wegen seines überdurchschnittlichen Wohlstands einen dreistelligen Millionenbetrag zusätzlich in den Schweizer Finanzausgleich abführen, kann somit also bei den Fiskalabgaben nicht so leicht kontern.
„Arbeiten, wo andere Urlaub machen“
Wie gespannt das fiskalische Verhältnis zwischen den Kantonen ist, zeigt sich etwa daran, daß Zug nicht mitmacht bei der regionalen Standort-Promotion „Zentralschweiz“. Dieser gelang es, seit 1996 mehr als 100 Unternehmen mit mehr als 1000 Arbeitsplätzen anzusiedeln.
Wenn die Wirtschaftsförderer der fünf kooperierenden Kantone potentielle deutsche Investoren einladen, dann überreichen sie ihre voluminösen Broschüren am liebsten auf dem Bürgenstock. Auf dieser felsigen Halbinsel im Vierwaldstätter See, in deren Hotels einst Bundeskanzler Konrad Adenauer Ferien machte, wirkt einer der Werbeslogans besonders überzeugend. „Arbeiten Sie dort, wo andere gerne Urlaub machen.“ Vom Bürgenstock sieht man nicht nur große Teile der Innerschweiz, sondern auch die Villen etlicher Deutscher, die sich hier „nur“ als Steuerzahler niederließen oder auch ein Unternehmen gründeten.
Gottschalk als Köder
Die Broschüren der Wirtschaftsförderer sind voll von solchen „Ködern“, mit denen man gerade deutsche Firmen angeln kann. Nidwalden lockt etwa mit Ulrich Bettermann (Stromkomponentenhersteller OBO Betterman) und mit Christoph Gottschalk (Dolce Media). Luzern lichtet Eckhard Schwöbel ab, der für die Medizintechnik-Gruppe B. Braun ein Unternehmen gründete und nach der Pensionierung zum Brauer wurde.
Und wenn Kurt Bucher potentiellen Investoren den Kanton Obwalden zeigt, dann fährt er zu einem anderen deutschen Braun, der einst mit Radios und Rasierapparaten reich wurde und mit der Maxon Motor AG in Sachseln nun Elektroantriebe baut, die auch schon auf dem Mars zu finden sind. Dieses Unternehmen kam damals noch nicht wegen der niedrigen Steuern nach Obwalden, sondern wegen der schönen Berge.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.428,90 | −1,21% |
| EUR/USD | 1,2406 | −0,66% |
| Rohöl Brent Crude | 103,27 $ | −3,35% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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