20.04.2006 · Deutschland ist nach einer Bertelsmann-Studie weiter Schlußlicht bei Wachstum und Beschäftigung unter 21 Industrienationen. Die Integration älterer Menschen in den Arbeitsmarkt sei ein gravierendes Problem.
Trotz positiver Stimmung der Wirtschaft liegt Deutschland in einem Vergleich der 21 führenden Industrienationen durch die Bertelsmann Stiftung bei Wirtschaftswachstum und Beschäftigung weiterhin auf dem letzten Platz. Der deutsche Punktwert bei dem Standortranking sei im Vergleich zum Herbst 2005 abermals leicht gesunken, teilte die Stiftung am Donnerstag in Gütersloh mit.
Am besten schnitten Irland und die Vereinigten Staaten ab. Ein „gravierendes Problem“ und Grund für das trübe Bild des Standorts Deutschland sei vor allem die hohe Arbeitslosigkeit älterer Menschen. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von drastisch steigenden Staatsausgaben für Altersteilzeit. Davon profitieren vor allem Konzerne.
Norwegen und Irland vorbildlich
Der Studie zufolge sind in keinem der 21 untersuchten Industrieländer so viele Menschen über 50 Jahre arbeitslos wie in Deutschland. Die Arbeitslosenquote der 55- bis 64jährigen liege in Deutschland bei 11,3 Prozent, in den Vergleichsländern durchschnittlich bei 4,4 Prozent. Spitzenreiter sind Norwegen und Irland, die bei den 55- bis 64jährigen auf eine Arbeitslosenquote von nur 1,1 und 2,4 Prozent kommen.
Gleichzeitig sei in Deutschland die Erwerbsbeteiligung - Menschen die einen Job haben oder Arbeit suchen - in dieser Altersgruppe mit 44,2 Prozent „extrem gering“. Grund der hohen Arbeitslosigkeit älterer Menschen sei die Arbeitsmarktpolitik mit dem Trend zu Frühverrentung und Altersteilzeit.
Ausgaben für Altersteilzeit steigen
Die Ausgaben für Altersteilzeit der Bundesagentur für Arbeit (BA) stiegen in den ersten drei Monaten 2006 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um ein knappes Fünftel auf 306 Millionen Euro, wie ein BA-Sprecher auf Anfrage in Nürnberg sagte. Während die Bundesregierung auf die Rente mit 67 setzt, verringern immer mehr Deutsche bereits mit 55 Jahren ihre Arbeitszeit. Damit setzt sich ein seit Jahren anhaltender Trend fort. Alternativen für einen vorzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben gibt es für Ältere bisher kaum.
Der BA-Sprecher nannte die Entwicklung nicht überraschend: Die Ausgaben der Bundesanstalt für Arbeit für Altersteilzeit haben sich in den vergangenen sechs Jahren mehr als vervierfacht. Waren es im Jahr 2000 noch gut 270 Millionen Euro, stiegen die Aufwendenungen
im vergangenen Jahr auf mehr als 1,1 Milliarden Euro.
Grundlage ist das Altersteilzeitgesetz. Es bietet Arbeitnehmern die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit mit 55 Jahren auf die Hälfte zu mindern. Die BA gibt einen Zuschuß, wenn dafür Arbeitslose und Ausgebildete eingestellt werden. Die Altersteilzeit steht aber in der Kritik, weil sie statt der Eingliederung Älterer in den Arbeitsmarkt die Frühverrentungspraxis der Unternehmen fördert. Sie soll 2009 auslaufen.
Großkonzerne sparen auf Kosten des Staats
Tatsächlich nutzten vor allem Großkonzerne die Altersteilzeit als kostensparendes Instrument zur Verjüngung ihrer Belegschaft, schreibt die „Welt“. Als Beispiele nennt das Blatt den Autobauer Volkswagen und die Deutsche Telekom.
Nach Aussage der Bertelsmann Stiftung haben vor allem auch der mit 0,7 Prozent unterdurchschnittliche Zuwachs der Beschäftigtenzahlen und das im internationalen Vergleich mit rund 30.000 Euro geringe Pro-Kopf-Einkommen das deutsche Ergebnis heruntergezogen. In 15 der 21 untersuchten Staaten sei dieser Wert teils um bis zu 50 Prozent höher als in Deutschland.
Als kritisch bewertete die Stiftung die Staatsverschuldung - im laufenden Jahr werde sich der Schuldenstand auf etwa 72 Prozent des Bruttoinlandsprodukts belaufen. Daher seien Konsolidierungspläne wie die Erhöhung der Mehrwertsteuer von 2007 an unzureichend. Vor allem die Subventionen gehörten auf den Prüfstand, forderte die Stiftung. Die deutsche Staatsquote sei mit aktuell 45,7 Prozent überdurchschnittlich hoch - die Spitzenreiter der Studie hätten Staatsquoten von unter 40 Prozent.
Die Stiftung hatte erstmals im Herbst 2004 ein internationales Standort-Ranking veröffentlicht, das die Entwicklung von 21 Industrienationen vergleicht und bewertet (siehe dazu: Standort: Niederschmetternde Bilanz für Deutschland). Ein Erfolgsindex mißt die aktuelle Lage der Länder hinsichtlich Arbeitsmarkt und Wirtschaftswachstum. In einem zweiten Schritt wird ein so genannter Aktivitätsindex ermittelt, der politische Maßnahmen widerspiegelt.
Bei diesem Wert verbesserte sich Deutschland nach Punkten im Vergleich zum Herbst 2005 leicht - blieb aber auf dem 16. Platz knapp hinter Österreich. Grund der höheren Punktzahl sei etwa die vergleichsweise geringe Jugendarbeitslosigkeit. Allerdings überschatteten massive Schwierigkeiten diese kleinen Erfolge, urteilte die Stiftung. In Sachen Arbeitslosigkeit, Wirtschaftswachstum oder Staatsverschuldung sei keine nachhaltige Besserung in Sicht.
Pro-Kopf-Einkommen
Sören Mackeben (mackeben)
- 20.04.2006, 16:47 Uhr
Vorbildlich - Skandinavien und die Schweiz
Fionn Huber (fionn)
- 20.04.2006, 17:45 Uhr
Das ist in der Tat sehr bedenklich...
Peter Luther (nesraeb)
- 20.04.2006, 19:29 Uhr
Bertelsmann kommt zu dem Ergebnis ...
Andreas Neubert (Citizen_Kane)
- 20.04.2006, 19:50 Uhr
"Wenn wir bei der roten Laterne stehn"
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 20.04.2006, 21:55 Uhr
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