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Standort Deutschland Hohe Gewinne, fehlende Arbeitsplätze

03.12.2004 ·  Die Arbeitslosigkeit steigt, während sich in den Konzernen des Dax 30 ein Gewinnsprung von durchschnittlich 60 Prozent abzeichnet. Zahlreiche Konzerne vermögen Erwartungen der Anleger zu erfüllen, wenn nicht in Deutschland, dann woanders auf der Welt.

Von Jürgen Dunsch
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Gewinn ist nicht alles, aber ohne Gewinn ist alles nichts. Getreu dieser simplen Devise haben zahlreiche deutsche Unternehmen in diesem Jahr vieles erreicht. Die Automobilindustrie steckt zwar in einem Tief, Karstadt-Quelle kämpft um eine bessere Zukunft, und mehrere Banken bleiben hinter ihren Zielen zurück. Aber vielerorts reiben sich die Manager die Hände. Konjunkturschwäche, Ölpreisängste, Dollarverfall? BASF, Eon, Thyssen-Krupp und Co. sind zufrieden wie lange nicht mehr. Für 2004 zeichnet sich in den Konzernen des Dax 30 ein Gewinnsprung von durchschnittlich 60 Prozent ab. Der Index hat am Freitag ein Jahreshoch erreicht. Viele Aktionäre können sich auf Dividendenerhöhungen und kursbelebende Aktienrückkäufe freuen.

Der Trunk aus dem Freudenkelch hat indes einen bitteren Beigeschmack. Die Arbeitslosigkeit nähert sich offenbar unaufhaltsam der deprimierenden Zahl von 4,5 Millionen, und selbst die erfolgreichen Unternehmen tun anscheinend nichts dagegen. Ganz im Gegenteil reiht sich selbst dort wieder ein Abbauprogramm an das andere. Es keimt ein Verdacht: Erfolg scheint Stellenabbau nicht zu verhindern. Ist das Streichen von Arbeitsplätzen womöglich sogar eine Voraussetzung dafür?

Im Griff internationaler Investoren

Die Unternehmenswelt ist heute im Griff internationaler Investoren. Sie erwarten je nach Branche Eigenkapitalrenditen vor Steuern zwischen 15 und 25 Prozent. Dies gilt weitgehend unabhängig von Ländern und Zinsen am Kapitalmarkt. Es mutet schon merkwürdig an, daß sich die Inflationsraten und die Anleiherenditen auf langjährigen Tiefs bewegen, die Erwartungen der Anleger an die Unternehmen hingegen offenbar in Stein gemeißelt sind. Jammern hilft jedoch nicht. Zahlreiche Konzerne vermögen die hohen Renditeerwartungen zu erfüllen, wenn nicht in Deutschland, dann woanders auf der Welt. Diese bilden den Maßstab, nach dem sich letztlich auch ein Autozulieferer in Niedersachsen oder eine Maschinenfabrik in Bayern zu richten hat.

Der Kapitalismus hat mit seinen großen Kapitalsammelstellen in Gestalt der anonymen Aktiengesellschaften Investitionen, technischen Fortschritt und Wohlstandsmehrung in zuvor nicht gekanntem Maße gebracht. Man muß sich über die Folgen im klaren sein, wenn ein börsennotiertes Unternehmen, das nicht von reichen Familien oder mildtätigen Stiftungen, sondern vom Wohlwollen nüchtern vergleichender Kapitalgeber abhängt, auf Rendite zugunsten von Arbeitsplätzen verzichtet: Die Investoren wenden sich von ihm ab, die Kreditgeber ebenfalls. Lieferanten und Kunden werden mißtrauisch. Selbst die Mitarbeiter und Führungskräfte, die Belegschaftsaktien oder Aktienoptionen halten, verlieren das Vertrauen. Am Ende steht, wenn nicht die Insolvenz, so doch die Gefahr einer Übernahme. Ist sie erfolgreich, wird der neue Herr im Haus seinerseits die überzähligen Arbeitsplätze abbauen und - im Fall von Synergieeffekten - noch eine größere Zahl darüber hinaus. Soweit die Theorie.

Gesellschaftspolitischer Sprengstoff

Aber zweifellos bergen die allerorten zu beobachtenden Stellenstreichungen gesellschaftspolitischen Sprengstoff. Der Eindruck macht sich breit, den Managern falle angesichts der Konjunkturschwäche, der neuen Konkurrenten in den EU-Beitrittsländern und der Billiganbieter in Fernost nichts anderes ein, als die Axt ans Personal zu legen: Sozialpläne statt intelligenter Arbeitszeitmodelle, Arbeitsplatzverlagerungen statt neuer Produkte.

Vielerorts wird gesündigt. Der Misere bei Karstadt-Quelle liegt ein jahrelanges Managementversagen zugrunde, der Abbau der Pharma-Forschung bei Bayer ist Folge einer krassen Verkennung der internationalen Entwicklung in dieser Branche. Doch solche Einzelfälle lenken vom wahren Defizit ab. Die erste starke Periode in vielen Konzernen seit dem Jahr 2000 hat ihren Ursprung in den guten Geschäften im Ausland. In Deutschland wird nur wenig verdient - wenn überhaupt.

Hochlohnland mit Ertragsproblem

Das Hochlohnland hat ein Ertragsproblem. Dies ist keine flüchtige Jahreserscheinung, sondern Teil einer schleichenden und erst allmählich ins Bewußtsein dringenden Entwicklung. Wer in Deutschland profitabel bleiben will, kommt an einer ständigen Überprüfung des Personalstandes nicht vorbei. Zum Beispiel im Chemiekonzern BASF: In den ersten neun Monaten schoß der Nettogewinn auf knapp 1,5 Milliarden Euro und damit auf etwa das Doppelte des Vorjahres. Zugleich geht der Personalabbau im Stammwerk Ludwigshafen weiter. Bis Ende 2010 wird die Zahl der Mitarbeiter um 3600 auf dann 32.000 sinken - übrigens im Einverständnis mit dem Betriebsrat und ohne betriebsbedingte Kündigungen. Zum Vergleich: 1990 waren auf dem größten zusammenhängenden Chemieareal des Kontinents noch 58.000 Leute beschäftigt. Die Tatsache, daß die BASF im unternehmerischen Traumland Amerika weiterhin auf keinen grünen Zweig kommt, macht die Sache nicht besser.

Wettbewerb und Gewinn sind Innovationspeitschen. Sie halten ein Unternehmen unter Dampf und schaffen letztlich auch Arbeitsplätze - nicht in subventionierten Nischen, sondern auf Feldern mit hoher Nachfrage. Die Politik, die so gerne von Innovationen redet, kann diese am besten fördern, indem sie vernünftige Rahmenbedingungen zimmert. Familienunternehmen mögen sich zeitweise mit einer geringeren Rendite bescheiden. Doch auch hier muß der Cash-flow stimmen, und unter dem Eindruck von Basel II kommt es mehr denn je auf eine reißfeste Eigenkapitaldecke an. Wettbewerb findet nicht im Festzelt statt. Je schneller sich ein Land darauf einstellt, die Arbeitskosten in den Griff bekommt und neue Ideen entwickelt, desto eher kommt es aus dem Tief. Wir brauchen nicht eine Fülle von Ein-Euro-Jobs zum Säubern von Parkbänken. Wir benötigen mehr wagemutige Gründer wie einst beim Softwarekonzern SAP.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Dezember 2004
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Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

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