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Sprit, Strom, Milch Und das soll ein fairer Preis sein ...

15.06.2008 ·  Ob Bier, Sprit, Strom oder Milch: Überall fordern die Menschen einen „fairen Preis“. Natürlich auch für die Arbeit - da soll ein flächendeckender Mindestlohn her. Richten soll das alles der Staat. Das kann eigentlich nur schiefgehen.

Von Lisa Nienhaus
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In Österreich ist ein Kampf ausgebrochen. Dabei geht es nicht um Tore, Mannschaftsaufstellungen oder das schönste Trikot, sondern um den Bierpreis, genauer gesagt um den fairen Bierpreis beim Fußballgucken. Wiens offizielle Fanzone verlangt 4,50 Euro für die Halbe Bier des dänischen Brauers Carlsberg. Unverschämt und unangemessen finden das die Kunden. Doch die Veranstalter halten den Preis durchaus für fair. Schließlich müssten sie hohe Standmieten zahlen, seien gezwungen, teures Carlsberg zu verkaufen, und hätten strenge Sicherheitsauflagen, kontern sie.

Fairness ist offenbar ein ziemlich relativer Begriff. Aber er artikuliert ein Gerechtigkeitsgefühl und stachelt die Leidenschaften an. Fair soll nicht nur der Preis für Bier sein, sondern erst recht für Strom, für Benzin oder für Milch. Fair heißt nicht, dass alles immer nur billiger sein soll. So ist es nur (fast) immer bei Sprit und Strom. Doch der Michpreis galt in den vergangenen Wochen als unanständig niedrig. Und der Preis für Arbeit – der Lohn – ist (fast) immer zu niedrig, weshalb jetzt wenigstens Geringverdiener Mindestlöhne bekommen sollen.

Der neueste Vorschlag: ein „Sozialtarif“ für Strom

Die Forderung nach fairen Preisen wird von den Deutschen stets von zustimmendem Gemurmel begleitet. Der neueste Vorschlag: ein „Sozialtarif“ für Strom, dessen Höhe gestaffelt sein soll nach dem individuellen Einkommen; 54 Prozent der Zeitgenossen sagen, das sei ein guter Vorschlag.

Schwierig wird es erst dann, wenn jemand diese Fairness bezahlen soll. Erkundigt man sich bei normal verdienenden Stromkunden, ob sie bereit sind, selbst höhere Energiepreise zu zahlen, um den günstigen Tarif für die Schlechtergestellten zu finanzieren, sagen 75 Prozent nein. 15 Prozent sind unentschlossen. Nur zehn Prozent sind bereit, selbst auf Geld zu verzichten, um die Preise für die Bedürftigen etwas zu drücken. So schnell ist es vorbei mit der Fairness, wenn es ans eigene Portemonnaie geht.

Die Milchbauern schwammen auf einer Welle des öffentlichen Mitleids

Ähnlich ergeht es auch der Milch. Die Milchbauern, die in den vergangenen Wochen von den Handelskonzernen mehr Geld für ihr Naturprodukt forderten, schwammen auf einer Welle des öffentlichen Mitleids und gaben vollmundig bekannt, der Konsument sei bereit, einen fairen (also einen höheren) Preis für seine Milch zu zahlen. „Faire Preise akzeptieren die Leute“, stimmte Landwirtschaftsminister Horst Seehofer ein.

Doch die Leute lügen sich gerne in die eigene Tasche und rühmen sich der Großherzigkeit. Die Überprüfung der Wohltatsabsicht fällt ernüchternd aus, wie abermals ein Blick nach Österreich zeigt. Dort gibt es seit Sommer 2006 „A faire Milch“, die mit 1,19 Euro pro Liter deutlich teurer ist als gewöhnliche Milch. Dafür verdienen die Bauern zehn Cent pro Liter mehr. Die Verpackung wirbt mit Arbeitsplätzen in der Region und dem Erhalt der österreichischen Milchwirtschaft. Und was machen die Verbraucher, die doch so gerne mehr zahlen, wenn das Geld bei den Bauern ankommt? Kurzzeitig haben sie wirklich mitgemacht, und die faire Milch erlangte einen kleinen Marktanteil von drei Prozent. Mittlerweile dümpelt dieser aber nur noch bei 1,5 Prozent. Es ist keinesfalls die große Masse der Menschen, die bereit ist, für „faire Milch“ mehr Geld zu zahlen.

Zwei Drittel der Bevölkerung finden einen Mindestlohn gut

Beim Mindestlohn, dem „fairen Preis für Arbeit“, ist das nicht anders. Einen flächendeckenden Mindestlohn finden zwei Drittel der Bevölkerung fair und gut. Sogar unter Führungskräften und Managern von 800 Unternehmen befürworten ihn 60 Prozent, wie eine neue Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) ergab.

Das RWI hat die Unternehmen aber auch gefragt, was es für sie bedeuten würde, falls der Mindestlohn von 7,50 Euro wirklich käme. 16 Prozent von ihnen sagten, dann würden sie Mitarbeiter entlassen. In Ostdeutschland wollten sogar 41 Prozent Stellen streichen, in einigen Branchen, etwa bei den Friseuren und den Wachleuten, sogar mehr als 70 Prozent. Frei nach der Devise: Wir sind für Fairness, aber wir können sie nicht bezahlen.

Nicht kaufen oder woanders kaufen - das ist einfach

Es ist paradox: Offenbar haben Arbeitgeber eine persönliche Wertschätzung für die Dienstleistung ihrer Angestellten, die höher ist als das, was sie am Ende dafür hinblättern wollen oder können. Und Kunden schätzen zwar bestimmte „faire“ Produkte und deren Produzenten, sind aber nur zu einem kleinen Teil bereit, dafür auch mehr zu zahlen.

Einfacher ist es, wenn die herrschende Stimmung den geltenden Preis zu hoch findet. Einfach nicht zu kaufen oder woanders, das lässt sich schneller und erfolgreicher erledigen, wie noch einmal ein Blick auf Wiens Fanzone zeigt. Dort bleiben die Besucher aus. Und schon deutet sich eine Lösung an. So haben die Gastronomen mittlerweile eine Happy Hour eingeführt, in der Bier einen Euro weniger kostet. Wem das nicht reicht, der geht zur Konkurrenz. Die bietet in inoffiziellen Fanzonen inoffizielles Fanbier zu „fairen Preisen“ an, etwa für 2,90 Euro. Das Erfolgsgeheimnis: Die Verbraucher haben einfach die Gesetze des Marktes angewandt. Wo die Nachfrage zurückgeht, muss sich der Preis etwas einfallen lassen.

Ein schier übermächtiger Gegner

Doch nicht immer haut die Marktlösung hin. Etwa an der Zapfsäule, wo der Benzinpreis stetig steigt, oder beim Strom. Hier steht der Konsument einem schier übermächtigen Gegner gegenüber – und ruft nach dem Staat. Der soll den Benzinpreis senken und den Energieriesen Sozialtarife vorschreiben oder gleich die Strompreise selbst festlegen – auf fairem Niveau, versteht sich.

Doch das ist nicht ungefährlich. „Man kann sehr viel Schaden anrichten, wenn man Preise verzerrt“, warnt Christian Wey vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Denn woher kennt der Staat den passenden (und eventuell dann fairen) Preis überhaupt? Ein zu niedriger Preis kann dazu führen, dass Unternehmen keinen Anreiz mehr zur Investition haben, die Verbraucher keinen Anreiz zum Strom- oder Benzinsparen und die Konkurrenten keinen Anreiz, neue Energieformen zu entwickeln. Ein zu hoher Preis dagegen belastet die Verbraucher noch mehr. „Der ökonomisch faire Preis ist der Marktpreis“, sagt Wey deshalb und rät zu marktnäheren Maßnahmen, um Marktmacht zu kontrollieren, etwa zur Stärkung des Wettbewerbs zwischen Unternehmen.

Offensichtlich eine Herzensangelegenheit für viele Menschen

So weit, so ökonomisch vernünftig. Doch damit ist es nicht getan. Denn offensichtlich ist ein irgendwie gearteter gerechter Preis eine Herzensangelegenheit für viele Menschen. Das gilt nicht nur, wenn es darum geht, selbst weniger zu zahlen, sondern auch, wenn anderen, schlechter gestellten Menschen ein Auskommen ermöglicht werden soll. Ökonomisch ist das kein Problem, solange die Menschen frei entscheiden können, ob und wann sie für welche Art von Fairness bereit sind, Geld auzugeben. Das Vorbild liefern Fair-Trade-Produkte. Hier zahlt der Kunde mehr und bekommt im Gegenzug das gute Gefühl, etwas für die Bauern in der Dritten Welt zu tun.

Die Idee funktioniert. Doch noch sehen die Kontrolleure des Fair-Trade-Siegels keine Veranlassung, sich um deutsche Milchbauern, Biertrinker oder Billigfriseure zu kümmern. „Wenn es den Menschen in Burkina Faso irgendwann ähnlich gut geht wie uns, könnten wir darüber nachdenken“, sagt TransFair-Geschäftsführer Dieter Overath. „Aber das werde ich vermutlich nicht mehr erleben.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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