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Soziale Kosten : Süchtige kosten die Gesellschaft 60 Milliarden Euro

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Alkoholabhängige erkranken an Leberzirrhose, verursachen Autounfälle, müssen in psychiatrischen Kliniken betreut werden. Sucht ist teuer. Nicht nur für die Abhängigen, sondern auch für alle anderen. Das geht so nicht weiter.

          Für das nächste Spiel setzen sie alles auf eine Karte. Pathologische Zocker, die tagelang in Spielhöllen hocken und dabei zusehen, wie die Automaten ihnen das Geld vom Konto fressen. Sie verzocken alles, im Kasino, im Wettbüro oder im Internet, sie lügen, betrügen, stehlen; sie verlieren ihren Arbeitsplatz und ihre Familien - und das nur für das nächste Spiel. Und das sind viele.

          Unterschiedlichen Schätzungen zufolge leiden in Deutschland zwischen 150.000 und 400.000 Menschen unter Spielsucht. Ihr Anteil am gesamten Umsatz der Glücksspiel-Branche beträgt laut einer Studie des Hamburger Professors Michael Adams 56,4 Prozent, obwohl sie nur rund elf Prozent der Spieler ausmachen.

          Die sozialen Kosten sind durchaus berechenbar

          Doch diese Spieler verzocken nicht nur ihr eigenes Geld, sie sorgen auch für Folgekosten, die die Gesellschaft zu tragen hat - wie etwa die Behandlung psychischer Erkrankungen, Kriminalitätsbekämpfung oder Produktivitätsverluste. Diese Kosten sind schwierig zu berechnen, vor allem weil eine klare Abgrenzung zu Folgekosten anderer Süchte nahezu unmöglich ist. Bisweilen überschneidet sich die Spielsucht nämlich mit der Alkoholabhängigkeit. Zehn Prozent der Alkoholsüchtigen sind pathologische Spieler. Und 38 Prozent der Spieler hängen an der Flasche.

          Bei der Alkoholsucht, unter der in Deutschland schätzungsweise zwischen 1,3 und 2,5 Millionen Menschen leiden, sind die sozialen Kosten durchaus berechenbar. Mit fast 27 Milliarden Euro, so Adams, belasten Alkoholabhängige die Gesellschaft. Sie erkranken an Leberzirrhose, verursachen Autounfälle, müssen in psychiatrischen Kliniken betreut werden.

          Das Arbeitskapital der Alkoholkranken verschwindet vom Markt, sie werden arbeitsunfähig und gehen früher in Rente - rund 70.000 von ihnen sterben jährlich wegen ihrer Sucht, wodurch auch wichtiges Know-How und Arbeitskraft verloren gehen.

          Bei der Tabaksucht zeigt sich ein ähnliches Bild. Mindestens 33 Milliarden Euro kosten kranke Raucher und solche, die deshalb früher aus dem Job ausscheiden als ihre nichtrauchenden Kollegen. Zum Vergleich: Die Zigarettenindustrie hat 2009 gerade mal 23 Milliarden Euro umgesetzt.

          Der Alkohol- und Tabakkonsum sinkt

          Soweit die Fakten des Professor Adams. An Gegenmaßnahmen wird kontinuierlich gefeilt, seit Jahren sinken Alkohol- und Tabakkonsum in Deutschland - leicht aber stetig. Trotzdem haben diese Süchte weiterhin immense Kosten zur Folge. Längst fordern Suchtforscher daher tiefere und raschere Einschnitte. Adams schreitet dabei besonders forsch voran. Die Tabaksteuer müsse um 30 Prozent rauf. Dies könne den Zigarettenkonsum der 16 Millionen Raucher im Land um 12 Prozent verringern, bei Jugendlichen sogar um 36 Prozent, schätzt er. Außerdem sollten die Tabakkonzerne zwei Euro zusätzliche Steuer bezahlen- für jeden Glimmstängel, den ein Minderjähriger raucht. Das würde die Konzerne belasten, Jugendliche aber vom Rauchen abhalten, Folgekosten verringern und Konsum umleiten.

          Die deutsche Alkoholsteuer wurde seit fast 30 Jahren nicht mehr erhöht und ist eine der niedrigsten in der Europäischen Union - ganz im Gegensatz zur Umsatz- oder Einkommenssteuer. „Damit sagen wir quasi den Leuten: Sauft so viel ihr könnt, während wir Arbeitnehmern so viel abknöpfen, dass es sich kaum mehr lohnt, zu arbeiten“, sagt Adams.

          Sind Steuererhöhungen die Lösung?

          Der Wissenschaftler plädiert für eine bessere Steuerstruktur. Würde man die Alkoholsteuer auf europäischen Durchschnitt anheben, ergäbe dies 2,6 Milliarden Euro mehr. 5,7 Milliarden wären es, wenn man skandinavische Verhältnisse einführte. Dann stiege die Steuer auf einen Liter Bier von 9 Cent auf einen Euro, der Bierpreis entsprechend. Adams schätzt, dass dann das unter Jugendlichen beliebte Rauschsaufen um 37 Prozent abnähme.

          Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, sieht in Steuererhöhungen nicht die Lösung: „Zum einen ist die Tabaksteuer in den vergangenen Jahren mehrfach erhöht worden, und eine Anhebung der Alkoholsteuer würde alle Konsumenten treffen und nicht die Süchtigen, die die größten Kosten verursachen.“

          Ein Verbot von Glücksspielautomaten

          Richtig, und falsch zugleich. Denn die mäßigen Trinker könnten die Preissteigerung besser verschmerzen, die notorischen Alkoholiker aber schlechter. Die Einführung der Alkopops-Steuer im Jahr 2004 beispielsweise führte dazu, dass die Nachfrage nach den Trendgetränken bei Jugendlichen erheblich zurückging. Insgesamt sei zu beobachten, so Adams, dass Preissteigerungen vor allem den Konsum von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zurückschraubt - gerade die Gruppen, die es besonders zu schützen gilt.

          Die Spieler wollen Adams und andere Suchtexperten vor allem mit einem Verbot von Glücksspielautomaten befreien. Mehr als 3 Milliarden Euro schlucken die Automaten pro Jahr. Und sie sind darauf ausgelegt, die Menschen süchtig zu machen, behaupten Gegner. Hier brauche es dringend striktere Regeln, meint Adams. Damit die Spieler weder das eigene Geld noch das Geld der Gesellschaft verspielen.

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