http://www.faz.net/-gqe-cst
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.01.2007, 16:30 Uhr

Sozialabgaben Das Geld kriegen immer die anderen

„Mehr Netto vom Brutto“ hatte Bundeskanzlerin Merkel versprochen. Das Gegenteil ist eingetreten. Die Umverteilung nimmt zu. Nicht einmal 41 Prozent der Bundesbürger finanzieren ihren Lebensunterhalt noch selbst.

von
© dpa Was passiert mit den Sozialabgaben?

Irgendwas ist ins Rutschen gekommen in Deutschland. Nicht einmal 41 Prozent der Bundesbürger finanzieren ihren Lebensunterhalt noch selbst. Wer es tut, der hat von seiner Arbeit immer weniger. Zeile für Zeile auf dem Gehaltszettel schnurrt Brutto zu Netto. Steuern und Sozialabgaben, alles weg. Wohin fließen die Sozialabgaben?

Georg Meck Folgen:

Das Geld nimmt der Staat und verteilt es - und immer kriegen es die anderen. Und die anderen, das ist die Kehrseite der Entwicklung, die werden immer mehr. So wird immer schwieriger, was von Jean-Baptiste Colbert am Hofe des Sonnenkönigs Ludwig XIV. einst zur höchsten Form der Staatskunst erhoben wurde: nämlich die „Gans so zu rupfen, daß man möglichst viel Federn bei möglichst wenig Geschrei bekommt“.

Mehr zum Thema

Ist das überhaupt gerecht?

Das Volk murrt, die Kritik am Steuer- und Abgabenstaat wird lauter. Denn schon jetzt arbeiten die Deutschen die Hälfte des Jahres für den Staat, für die anderen. Jeder zweite verdiente Euro geht durch die Umverteilungsmaschinerie. Die Nettolöhne sind heute niedriger als vor 15 Jahren. „Die Menschen brauchen mehr Netto von ihrem Brutto, damit sie sich mehr Eigenverantwortung leisten können“, hatte Angela Merkel als Kanzlerkandidatin versprochen.

Was des Staates ist © F.A.Z. Vergrößern

Es kam anders, groß ist die große Koalition vor allem beim Abkassieren: Zum Jahreswechsel tritt die größte Steuererhöhung in der deutschen Nachkriegsgeschichte in Kraft: Mehrwertsteuer hoch, von 16 auf 19 Prozent. 20 Milliarden Euro sammelt die Regierung allein dadurch zusätzlich ein. Außerdem kürzt sie Pendlerpauschale und Sparerfreibetrag. Die Beiträge zur Rente werden teurer, die Gesundheit sowieso. Was passiert mit den Milliarden? Welche Gegenleistung erhält der Bürger? Und überhaupt: Ist das alles gerecht?

Das Geld ist fest verplant

Um diese Fragen zu klären, bedarf es eines Blickes auf den Gehaltszettel, zum Beispiel beim statistischen Durchschnittsverdiener: 3422,83 Euro weist dessen monatlicher Lohnzettel laut OECD auf. Im Jahr sind das 41.074 Euro. Ist der Durchschnittsdeutsche ein Mann, bekommt er etwas mehr, als Frau etwas weniger. Wenn dieser Prototyp kinderlos und alleine lebt, beläßt ihm der Staat jeden Monat 2005,46 Euro von den Bezügen, etwas mehr als die Hälfte des Bruttoverdienstes. Die Differenz, immerhin 1417 Euro, tritt der Mensch an das Gemeinwesen ab. Widerspruch zwecklos.

Das Geld ist fest verplant: 8568 Euro kassiert das Finanzamt jährlich direkt, von dort wird es - dem Föderalismus sei Dank - auf verschlungenen Wegen ausbezahlt: 45 Prozent landen jeweils beim Bund sowie den Ländern. 10 Prozent gehen an die Bürgermeister in den Kommunen.

Den Wohlfahrtsstaat gibt's auch billiger

Deutschland ist ein Steuerparadies. Sagt die Regierung. Sie meint das nicht im Scherz. Tatsächlich liegen einzelne Gruppen im internationalen Vergleich günstig: Eine vierköpfige Familie muß erst ab einem Jahreseinkommen von 37.000 Euro Steuern bezahlen - an dieser Grenze wiegen sich theoretisch die zu zahlende Einkommensteuer und das zu erhaltende Kindergeld auf. Millionen von Haushalten bleiben so vom Finanzamt verschont. Krankenkassen und Konsorten fordern trotzdem ihr Recht. Die Sozialabgaben müssen bezahlt werden. Und die steigen kontinuierlich.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Neue Rentendebatte Alt gegen Jung

Mit falschen Zahlen und fragwürdigen Behauptungen heizen Politiker den Generationenkonflikt an. Kann der SPD-Vorsitzende mit einem Wahlkampf Alte gegen Junge den Niedergang der Sozialdemokraten stoppen? Mehr Von Holger Steltzner

03.05.2016, 09:43 Uhr | Wirtschaft
Ohne Sprit Milliarden-Programm für E-Autos

Ab Mai soll es 4.000 Euro Prämie beim Kauf eines Elektro-Fahrzeugs geben. Darauf verständigten sich in der Nacht zum Mittwoch Bundesregierung und Autoindustrie. 600 Millionen Euro will der Bund dafür aufwenden. Die andere Hälfte schießen die Autobauer dazu. Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie, verteidigte das Paket. Mehr

28.04.2016, 18:33 Uhr | Politik
Parteiprogramm AfD-Steuerpläne würden Besserverdiener entlasten

Nach einer Studie könnten die Pläne der AfD für einen neuen Steuer-Stufen-Tarif den Staat mehrere Milliarden Euro kosten. Die Partei will dafür bei den Sozialabgaben kürzen. Mehr

25.04.2016, 15:32 Uhr | Wirtschaft
Potsdam Lohnplus von fast fünf Prozent im öffentlichen Dienst

Arbeitgeber und Gewerkschaften haben sich auf ein deutliches Lohnplus für Beschäftigte im öffentlichen Dienst verständigt. In diesem Jahr erhalten die 2,1 Millionen Beschäftigten rückwirkend zum 1. März 2,4 Prozent mehr Geld und zum 1. Februar 2017 noch mal 2,35 Prozent. Mehr

01.05.2016, 18:48 Uhr | Wirtschaft
Steigende Ausgaben Sozialversicherungen machen Milliardengewinn

Nach dem vergangenen Jahr steht bei den Sozialversicherungen ein Plus von 1,2 Milliarden Euro auf der Habenseite. Doch die Entwicklung ist nicht unbedingt positiv. Mehr

29.04.2016, 15:34 Uhr | Wirtschaft

Die billige Milch

Von Jan Grossarth

Keiner hat die Absicht, zehntausende Bauern in den Ruin zu treiben. Und doch geschieht es. Mehr 21 56


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

IWF-Ausblick Warum die Ungleichheit in Asien steigt

Die Ungleichheit der Einkommen steigt in Asien schneller und ist größer als im Rest der Welt. Das analysiert der Internationale Währungsfonds. Ist das ein Problem? Mehr Von Patrick Welter, Tokio 6 13

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“