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Sozial und rentabel (2) Unternehmen schmücken sich mit Familienfreundlichkeit

29.12.2006 ·  Betriebskindergärten, „Elchmonate“, Pflegepausen und Familienbeauftragte. Unternehmen werben zunehmend mit dem Zertifikat „familienfreundlich“ für sich. Die Krankheitsquote sinkt und die Zufriedenheit der Mitarbeiter steigt.

Von Georg Giersberg
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Die Mitarbeiter der Bausparkasse Schwäbisch Hall haben Glück. Wenn bei ihnen in der Familie jemand pflegebedürftig wird, können sie sich an ihren Arbeitgeber wenden. Die Bausparkasse gehört zu den ersten Unternehmen in Deutschland, die für ihre Mitarbeiter und deren Angehörige ein Altersheim (Seniorenstift) mit angeschlossener Pflegeabteilung gebaut haben. Was sich zunächst etwas skurril liest, ist bei näherem Hinsehen wahrscheinlich nur der Anfang eines neuen Trends.

„Noch ist das die Ausnahme“, sagt Stefan Becker, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Beruf und Familie GmbH, Frankfurt, „aber wer heute bei familienfreundlichem Unternehmen immer nur an Kinder und deren Betreuung denkt, der denkt zu kurz.“ Schließlich hätten in der Regel mehr als 10 Prozent der Beschäftigten eines Unternehmens zu Hause einen Pflegefall, gibt er zu bedenken. „Es gibt Unternehmen wie die Frankfurter Fachhochschule, in denen das Durchschnittsalter der Mitarbeiter bei 51 Jahren liegt. Da sind in der Regel keine Kinder mehr zu betreuen.“

Keine Oma in der Nähe

Schwäbisch Hall hat schon in den siebziger Jahren einen Betriebskindergarten gebaut, weil die vielen zugezogenen Familien aus ganz Deutschland keine Oma in der Nähe hatten. Jetzt stehen die gleichen Familien vor der Frage, was sie mit ihren pflegebedürftigen Angehörigen machen, die weit weg wohnen. Schwäbisch Hall hat nicht nur das Seniorenstift vor zehn Jahren gebaut, bei der Bausparkasse gibt es auch die sogenannte Pflegepause. Für Mitarbeiter mit pflegebedürftigen Angehörigen sind Pflegepausen von bis zu zwei Jahren möglich.

Für die Gemeinnützige Beruf und Familie GmbH ein Idealfall. Die Initiative der gemeinnützigen Hertie-Stiftung auditiert Unternehmen auf ihre Familienfreundlichkeit und stellt entsprechende Zertifikate aus. Ein zunächst zähes Geschäft. Im Jahr 1999 hatte man Mühe, zehn Unternehmen zu finden, die sich als familienfreundlich auditieren ließen. Inzwischen ist daraus ein Renner geworden. Allein in diesem Jahr bekommen mehr als 200 Unternehmen und Einrichtungen das Zertifikat, familienfreundlich zu sein. Das wird für drei Jahre vergeben und muß dann neu erworben werden.

Sieben schwangere Mitarbeiterinnen auf einmal

„Wir haben einen hohen Frauenanteil in der Produktion und wollten etwas zur Motivation tun“, begründet Marketingleiterin Julia Romswinkel von der Altmärker Fleisch- und Wurstwaren GmbH im sachsen-anhaltischen Stendal die Bewerbung um ein Zertifikat. Man habe schon bisher viel getan, wie flexible Arbeitszeiten eingeführt oder auf Familien mit Kindern Rücksicht bei der Urlaubsplanung genommen. Dennoch glaubt man, noch mehr tun zu müssen, „denn unser Krankenstand ist mit gut 4 Prozent noch zu hoch“.

Der Berliner Verlag Klaus Wagenbach sah sich plötzlich sieben schwangeren Mitarbeiterinnen gegenüber. „Das Potential hervorragend ausgebildeter Frauen brachliegen zu lassen, nur weil um 16 Uhr der Kindergarten schließt, das können wir uns nicht leisten“, begründet Verlegerin Susanne Schüssler die Einführung flexibler Arbeitszeiten.

Adidas hat eine Familienbeauftragte

„Die Kosten der Wiedererlangung des Wissens von Eltern sind viel höher als die Ausgaben für einen familienfreundlichen Arbeitsplatz“, begründet Adidas-Personalchef Matthias Malessa das Bemühen des börsennotierten Sportschuhherstellers im fränkischen Herzogenaurach um ein Höchstmaß an Familienfreundlichkeit.

Adidas gehört zu den wenigen Unternehmen, die eine Familienbeauftragte haben, ein separates Budget für Familienfreundlichkeit von jährlich knapp 100.000 Euro und ein umfangreiches Angebot für Eltern von der flexiblen Arbeitszeit über Rückkehrseminare bis hin zu Familien-Sportprogrammen oder Krippenplätzen. Wobei Familienfreundlichkeit nicht immer teuer sein müsse, fügt Malessa hinzu.

Werbung mit dem Zertifikat „familienfreundlich“

Für Adidas war das niedrige Durchschnittsalter der Belegschaft und die Gefahr, daß man durch Elternschaft erhebliche Ausfälle würde hinnehmen müssen, der Grund, über eine familienfreundliche Arbeitsplatzgestaltung nachzudenken.

Vielen Unternehmen geht es bei ihrer Bewerbung um das Zertifikat „familienfreundlich“ auch schlicht darum, Familienfreundlichkeit zu systematisieren, um nicht bei jeder Schwangeren oder bei jedem Pflegefall neu nachdenken zu müssen. Vor allem die Pflegefälle haben es in sich, „weil sie sich im Gegensatz zur Elternschaft nicht ankündigen“, wie Becker sagt. Ein Schlaganfall führt dazu, daß von jetzt auf gleich eine Lösung gefunden werden muß. „Dann ist es gut, wenn man Vorschläge in der Schublade hat.“

Zwei „Elchmonate“ für den Vater

Das gelte aber auch für den bevorstehenden Beginn des von der Bundesregierung beschlossenen Elterngeldes. Von Januar 2007 an können Alleinerziehende zwölf und Eltern 14 Monate 67 Prozent ihres letzen Nettogehalts bekommen, wenn sie zu Hause Kinder betreuen. Viele Unternehmen stehen vor der Frage, wie sie vor allem die zwei Monate für den zweiten Ehepartner (meist der Vater) überbrücken. Aus Schweden weiß man, daß Väter diese zwei Monate gern in der schönen Jahreszeit nehmen; sie werden dort auch die Elchmonate genannt.

Becker geht davon aus, daß für die meisten Unternehmen eine Überbrückung mit Zeitarbeitskräften die sinnvollste Lösung des Problems ist. Becker rät aber auch den Eltern, nicht ganz auszusteigen, sondern mit einem kleinen Stundenkontingent im Beruf zu bleiben. Das schmälere zwar das Elterngeld, erleichtere aber den Wiedereinstieg ins Berufsleben.

Positiv von der Konkurrenz abheben

Andere Firmen wollen sich mit höherer Familienfreundlichkeit attraktiver für neue Mitarbeiter machen. So konkurriert ZF Lenksysteme in Schwäbisch Gmünd mit allen anderen Autoherstellern und Automobilzulieferern im Raum Stuttgart um Mitarbeiter und habe sich als familienfreundlich zertifizieren lassen, um sich positiv abzuheben.

Und im Rheinland weiß jeder, daß Schwarz Pharma in Monheim (zwischen Köln und Düsseldorf) einen eigenen Kindergarten hat, in dem die Kinder nach den Methoden der italienischen Erzieherin Montessori erzogen werden. Da die Zahl der auditierten Firmen mit mehr als 400 schon hoch sei, beginne langsam der Wettbewerbsdruck, daß man sich auditieren lassen müsse, um nicht gegenüber der Konkurrenz zurückzufallen.

Die Wertigkeit der Familie erhöhen

Alle Versuche, Kinderfreundlichkeit in Ertragszahlen auszudrücken, sind gescheitert. „Die Möglichkeit, sein krankes Kind zu betreuen, ist in Euro nicht meßbar“, gibt Becker zu bedenken. Es gehe darum, die Wertigkeit der Familie zu erhöhen. Für die gemeinnützige Hertie-Stiftung formuliert deren Präsident Endres zwei Gründe, familienfreundlich zu sein.

„Der Familienverbund muß erhalten bleiben können, wenn unsere Gesellschaft nicht zurückfallen soll“, sagt Endres und fügt hinzu, daß qualifizierte Frauen neben der Familie einem Erwerb nachgehen können sollen. Wissenschaftlich untersucht wurde es bisher kaum, was Familienfreundlichkeit im Unternehmen bringt.

72 Unternehmen als familienfreundlich ausgezeichnet

Das will das von der Hertie-Stiftung geförderte „Forschungszentrum familienbewußte Personalpolitik“ in Münster nachholen. Unter Leitung von Professor Irene Gerlach hat man zunächst einmal 72 Unternehmen befragt, die bereits als familienfreundlich ausgezeichnet worden sind. Dabei ist herausgekommen, daß die Mitarbeiter in familienbewußten Unternehmen seltener krank sind oder fehlen und zufriedener sind.

Daher sieht Becker in der Familienfreundlichkeit keine Sozialmaßnahme für wirtschaftlich gute Zeiten. Wie man an der Deutschen Telekom, an Airbus oder der Commerzbank sehe, würden familienfreundliche Maßnahmen in schwierigen Zeiten beibehalten, sagt Becker.

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Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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