28.12.2006 · Indien ist zum Wachstumsliebling avanciert. Doch immer noch lebt knapp ein Viertel der Inder unter der Armutsgrenze. Oft sind es die Unternehmen, die sich für sie engagieren. Auch aus Eigennutz. Erster Teil der neuen FAZ.NET-Serie „Sozial und rentabel“.
Von Christoph Hein, BombayIndien ist der jüngste Wachstumsliebling der Weltwirtschaft. Aus 9,2 Prozent könnten mittelfristig 10 Prozent Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts werden. Indische Unternehmen übernehmen rund um die Erde Wettbewerber. Indien besitzt Atomwaffen und spielt seine wachsende Macht auf der globalen politischen Bühne aus. Der wirtschaftliche Aufschwung und die milliardenschwere Entwicklungshilfe aus dem Ausland haben in den vergangenen Jahren die Zahl der Bedürftigen in Indien stark verringert.
Der wachsende Wohlstand in den Städten führt freilich in die Irre: Das Land zwischen Himalaja und Indischem Ozean wird auf Jahre hinaus ein Armenhaus bleiben. Wer Indien nur mit den steigenden Börsenkursen des Sensex, mit der zunehmenden Kaufkraft einer noch jungen Mittelschicht und explodierenden Immobilienpreisen gleichsetzt, verschließt die Augen vor dem wahren Indien.
Ein knappes Viertel unter der Armutsgrenze
Immer noch lebt ein knappes Viertel der Inder unterhalb der Armutsgrenze. Das Pro-Kopf-Einkommen, berechnet nach Kaufkraft, liegt bei 3400 Dollar im Jahr. Zum Vergleich: In China lebt ein Zehntel der Menschen unterhalb der Armutsgrenze, das Durchschnittseinkommen liegt bei 6800 Dollar. Mehr als 1500 Kinder sterben in Indien an Durchfallerkrankungen - täglich.
Auf der jüngsten Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Singapur beschrieb Ravindra Kumar, Chefredakteur der Tageszeitung „The Statesman“, das wirkliche Indien jenseits der Leuchtreklamen Bombays: „Stellen Sie sich vor, eintausend Kinder werden geboren. Von ihnen sterben - statistisch betrachtet - 80 bis 90, bevor sie fünf Jahre alt werden. Von den verbliebenen 910 Kindern schaffen es 875 in eine Grundschule. Bis sie zehn Jahre alt werden, haben 350 von ihnen die Schule verlassen. Es bleiben 525 Kinder. Von ihnen machen gerade einmal 175 einen höheren Schulabschluß. 825 der eintausend indischen Kinder aber sind dann schon tot oder längst ohne Bildung ausgeschieden.“
Soziale Projekte gehören zum guten Ton
Sonia Gandhi, führende Politikerin des Landes, faßt es so zusammen: „Die Wirtschaft darf nicht auf Kosten unserer sozialen Verantwortung wachsen.“ Entsprechend ihrem sozialen Umfeld haben sich zahlreiche indische Unternehmer seit Jahrzehnten engagiert. „Für Unternehmer in Indien gehört es zum guten Ton, sich in sozialen Projekten zu engagieren“, sagt Dirk Matter, Geschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer in Düsseldorf.
Sicher, es gibt sie, und es gibt sie oft in Indien: die Umweltsünder, die Ausbeuter, diejenigen, die Kinder zu Bedingungen wie im Manchester-Kapitalismus schuften lassen. Aber es gibt auch die anderen, die den oft unfähigen Regierungen ein Stück ihrer Verantwortung zum Schaffen erträglicher Lebensumstände abnehmen. Indische Unternehmer organisieren Blutspendedienste und Schülerfreizeiten, verschenken Computer und bauen Schulen, helfen Blinden und Gelähmten, bringen Erwachsenen Lesen und Schreiben bei, gründen Krankenhäuser.
Milde Gaben genügen nicht
Mit - durchaus nützlichen - milden Gaben indes ist es nicht getan. „Ein neues, integriertes Geschäftsmodell verbreitet sich“, sagt Arun Maira, Chairman der Berater von Boston Consulting: „Heute ist es mehr und mehr gefragt, den Menschen Gutes zu tun und zugleich den Gewinn zu steigern.“ Der Softwarekonzern Satyam etwa hat 300 Bauern die englische Sprache und Grundkenntnisse am Computer beigebracht. Heute arbeiten sie für Satyam in Andhra Pradesh. „Es ist ein völlig anderer Ansatz als der philanthropische, den viele amerikanische Unternehmen verfolgen: Hier bilden Unternehmen aus, um die eigenen Gewinne abzusichern. So profitieren beide Seiten - das Unternehmen und die Gesellschaft“, sagt Maira.
Die Berater von TNS haben eine Rangfolge derjenigen Länder aufgestellt, die es nach Umfragen ernst meinen mit der Sozialverantwortung der Unternehmen (Corporate Social Responsibility, CSR). Darin schnitt Indien, nach Thailand, am zweitbesten ab. Der schnell wachsende Reichtum der wenigen zwingt auch Indiens Unternehmen, darauf zu achten, daß die Gegensätze nicht zu kraß ausfallen - andernfalls gefährden sie langfristig auch ihren eigenen Erfolg.
Tata - das Aushängeschild des sozialen Gewissens
Neu aber ist die Hilfe für die Unterprivilegierten, gerade in Indien, nicht. Denn schon zu Beginn der Industrialisierung verfügten die großen Unternehmen über Stiftungen, die sich im sozialen Bereich, mehr und mehr auch im Umweltsektor, engagieren. „Wir wirtschaften etwas anders, aber mit Erfolg“, sagt etwa Gopal Gopalakrishnan, Geschäftsführer von Tata Sons Ltd., der F.A.Z..
Der Stiftungskonzern Tata, im Westen dank des Ringens um den Stahlriesen Corus ein Begriff, ist so etwas wie das Aushängeschild des Unternehmens mit sozialem Gewissen in Indien. Tata hat Städte errichtet, Krankenhäuser gebaut, Universitäten gegründet. Tata Steel etwa arbeitet in der Erz- und Kohleprovinz Orissa mit den Menschen, die für den (nicht immer freiwilligen) Verkauf ihres Landes für neue Stahlwerke und Minen entschädigt wurden, daran, ihre Gelder sinnvoll zu nutzen. Die soziale Infrastruktur, am augenfälligsten in der von Tata gegründeten Stahlstadt Jamshedpur, erinnert zeitweise an diejenige der Kombinate im früheren Ostblock - die Fabrik begleitet die Familie vom Geburt bis zum Tode, und das oft über Generationen.
Unternehmen wollen von sozialem Ansatz profitieren
Nur so erklärt sich auch das selbst in kommunistischen Kreisen oft positive Bild des indischen Unternehmers. Viele Fabrikantendynastien begannen in Indien frühzeitig, ihren Mitarbeitern besondere Sozialleistungen zukommen zu lassen - so wie etwa Krupp oder Bosch in Deutschland. Dabei handelt es sich nicht nur um ein reines Geben. Die indischen Unternehmen wollen von ihrem sozialen Ansatz durchaus profitieren: Die indische Unternehmensgruppe Birla etwa ist einer der großen Krankenhausbetreiber Indiens. Die Hospitäler sind hervorgegangen aus denjenigen, die zunächst für die Mitarbeiter gegründet worden waren.
„CSR wird in Indien vor allem in bezug auf die neuen Industriezweige wie Software- und Internetfirmen diskutiert. Aber auch die alte Industrie engagiert sich seit langem intensiv. Unser Unternehmen etwa hat 60 Dörfer adoptiert im Umkreis unserer Fabriken, das heißt, wir beeinflussen das Leben von mehr als 100.000 Menschen. Wir konzentrieren uns auf drei Ziele: Investitionen in Gesundheit oder Ausbildung, Investitionen in den Agrarbereich wie Wassergewinnung oder Aufforsten und Investitionen in den Umweltschutz“, berichtet MS Mehta, Vorstandschef von Hindustan Zinc Ltd.
Auslandsinder überweisen hohe Summen
Hinter dem wachsenden Interesse an CSR fallen die unmittelbaren Spenden zurück. So kürzten im vergangenen Fiskaljahr die indischen Konzerne ihre ausgewiesenen Hilfszahlungen um ein Drittel auf 2,8 Milliarden Rupien (48,8 Millionen Euro). Spitzenreiter ist der größte indische Mischkonzern, Reliance Industries, gefolgt vom Software- und Beratungsriesen Infosys. Gekürzt haben ausgerechnet die führenden Geber: Die großzügigsten zehn des Vorjahres verringerten ihren Beitrag von 1,7 auf 1,1 Milliarden Rupien.
Doch auch aus ganz anderer Quelle wird der Aufbau Indiens gefördert: Die Millionen von Auslandsindern überweisen hohe Summen an ihre Familien in der Heimat. Die selbstgesteuerte, innerfamiliäre Entwicklungshilfe macht in ihrer Summe etwa ein Viertel des gesamten Exportvolumens Indiens aus. Anders gesagt: „Der Betrag ist fast achtmal so hoch wie die Entwicklungshilfe, die Indien aus dem Ausland erhält, und fünfmal so hoch wie die ausländischen Direktinvestitionen“, hat Kumar berechnet.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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