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Sonntagsökonom Wer wird denn gleich in die Luft gehen

26.06.2006 ·  Rauchen ist gefährlich und endet häufig tödlich. Soll der bevormundende Staat deshalb Rauchverbote in Gaststätten erlassen? Nein. Der Markt hat das Problem des Nichtraucherschutzes schon weitgehend gelöst.

Von Patrick Welter
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Rauchen ist gefährlich und endet häufig tödlich. Daran besteht kein Zweifel, und niemand darf sagen, er habe es nicht gewußt. Jahrzehntelange Bemühungen von Ärzten und Politikern haben die Botschaft in die Köpfe gebracht. Wegen der Risiken hat die Bundesregierung den Tabakkonsum mit einer Strafsteuer belegt, an der sie gut verdient - im vergangenen Jahr rund 14,3 Milliarden Euro oder knapp 3 Prozent des gesamten Steueraufkommens.

Sie verpflichtet zudem die Tabakwarenhersteller zu Warnhinweisen, hat die Tabakwerbung eingeschränkt und trägt das Werbeverbot der Europäischen Union inhaltlich mit - was drastische Eingriffe in die unternehmerische Freiheit darstellt. Trotz aller Bevormundung aber vertraut der Staat im Kern - noch - darauf, daß mündige Verbraucher die Gefahren des Rauchens kennen. Zigaretten, Zigarren und andere Tabakprodukte sind nicht verboten. Die Raucher sollen selbst entscheiden dürfen, ob das Rauchvergnügen ihnen das Krankheitsrisiko und ein kürzeres Leben wert ist.

Theorie der rationalen Sucht

Das entspricht den Prinzipien einer freiheitlichen Gesellschaft, in der jeder für sich selbst verantwortlich ist. Schließlich verbietet der Staat ja auch nicht Risikosportarten und riskante Tätigkeiten wie schnelles Autofahren, das Klettern auf einen Baum, den übermäßigen Verzehr von Zucker oder die Arbeit im Haushalt. Das freiheitliche Prinzip der individuellen Autonomie schließt das Recht auf Selbstschädigung ein.

Aus ökonomischer Sicht steht dem nicht entgegen, daß Nikotinkonsum Abhängigkeiten schafft. Jeder weiß, daß es nicht leicht ist, mit dem Rauchen aufzuhören. Garry Becker und Kevin Murphy haben dazu die Theorie der rationalen Sucht entwickelt. Menschen entscheiden danach unter Abwägung des Suchtpotentials, ob sie mit dem Rauchen beginnen wollen oder nicht. Und wer wollte es ihnen verbieten? Ein Raucher schädigt zunächst sich selbst. Nur er kennt den Nutzen und die Kosten seiner Handlungen; nur er kann entscheiden, ob ihm das Vergnügen den Verzicht auf einige Lebensjahre wert ist. Maßt sich ein Politiker an, diese Entscheidung für andere zu treffen, wird er zum bevormundenden Diktator.

Scarlett-O'Hara Theorie des Nikotinverzichts

Diese marktwirtschaftliche Theorie des Rauchens wird von dem Ökonomen Jonathan Gruber mit dem Verweis auf interne Externalitäten bezweifelt. Gruber unterstellt den Rauchern eine gewisse Schizophrenie. Das heutige Ich suche den kurzfristigen Nikotingenuß und verschiebe den Entschluß, aufzuhören, auf später, weil es die schädlichen Folgen zu gering bewerte. Das künftige Ich aber höre mit dem Rauchen nicht auf, suche abermals den Nikotingenuß und verschiebe die letzte Zigarette auf später. Man kann dies auch die Scarlett-O'Hara-Theorie des Nikotinverzichts nennen: "Morgen ist auch noch ein Tag." Die Lösung solcher zeitinkonsistenter Entscheidungsprobleme sehen Ökonomen in Regelbindungen, die das künftige Verhalten schon heute festlegen. So meint Gruber, der Staat solle den Tabakkonsum regulieren, um den Rauchern in ihrem eigenen Interesse Grenzen zu setzen - und er erwartet dafür noch Applaus der Raucher.

Ein überzeugendes Gegenmodell zur marktwirtschaftlichen Theorie des Rauchens ist dies nicht. In die Befindlichkeit und Wünsche des künftigen Ichs kann sich - wenn überhaupt - nur das heutige Ich hineinversetzen, niemals aber ein Außenstehender. Der Autor dieser Zeilen jedenfalls zieht vor, die Verhandlungen mit seinem künftigen Ich selber zu führen und sie nicht einem Politiker zu überlassen. Gruber aber erteilt dem Staat einen Freibrief, alle Entscheidungen des Bürgers zu regulieren, die die Zukunft betreffen. Hätte er mit seiner Theorie recht, müßte der Staat sich auch in die Entscheidung über die Ausbildung, in die Wahl des Ehepartners oder in den Kauf von Autos und Häusern einmischen. So spricht Gruber wenig marktwirtschaftlich den Menschen die Kenntnis ihrer Präferenzen und die Fähigkeit zur selbstverantwortlichen Entscheidung ab.

Bevormundung der Nichtraucher und Gastronomen

Ein anderes Argument für eine Regulierung des Rauchens sind nicht "interne", sondern tatsächliche Externalitäten. In Gegenwart von Rauchern mutieren Nichtraucher zu Passivrauchern; der Raucher schädigt sich und andere. Darin gründet der Ruf nach einem gesetzlichen Rauchverbot in öffentlichen Räumen wie Gaststätten und Kneipen. Was plausibel klingt, läuft aber auf eine Bevormundung der Nichtraucher und der Gastronomen hinaus - und eröffnet die Frage nach dem Raucherschutz. Übersehen wird, daß der Markt dieses Scheinproblem weitgehend gelöst hat.

Bis auf wenige Ausnahmen wie den staatlich verordneten Zwang zum Gang in Einwohnermeldeämter ist niemand gezwungen, sich an bestimmten Orten aufzuhalten. Besuche etwa von Restaurants oder Bars sind freiwillig. Selbst dort arbeitenden Bedienungen steht es frei, sich eine andere Arbeit zu suchen, sollte sie das Passivrauchen zu sehr stören. Nachfrageseitig spricht so nichts dafür, daß Nichtraucher ohne ihr Einverständnis durch Raucher behelligt werden. Anders formuliert: Wenn Nichtrauchern ihre Gesundheit so wichtig ist, warum treiben sich dann so viele von ihnen in verrauchten Bars herum?

Auch auf der Angebotsseite sorgt der Markt schon heute dafür, daß Nichtraucher nicht über Gebühr durch Rauch behelligt werden. Auf der Jagd nach Gewinnen orientieren sich Unternehmen an den Wünschen der Kunden. Wäre das Bedürfnis nach rauchfreien Restaurants oder Bars wirklich stark ausgeprägt, hätten findige Unternehmer diese Marktlücke schon massenhaft entdeckt.

Wahrscheinlich ist der Wunsch der Nichtraucher nach Schutz vor Externalitäten des Rauchens also weit geringer, als es bevormundende Politiker dem Bürger einreden wollen. In Sachen Rauchverbote ist wohl eher die Gelassenheit des HB-Männchens aus der Zigarettenwerbung der sechziger Jahren geboten: "Wer wird denn gleich in die Luft gehen."

Garry S. Becker, Kevin Murphy: A Theory of Rational Addiction, Journal of Political Economy, 1988.
Jonathan Gruber: Smoking Internalities, Regulation, Winter 2002/2003.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.06.2006, Nr. 25 / Seite 36
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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