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Sonntagsökonom Gott ist tot, es lebe der Staat

05.12.2004 ·  Es vergeht kein Treffen liberaler Ökonomen, auf dem sich Teilnehmer nicht sorgenvoll wie hilflos fragen, warum der Sozialismus so schwer auszurotten ist. Nobelpreisträger James Buchanan mit Antworten.

Von Karen Horn
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Für liberale Ökonomen ist es ein trauriges Paradoxon: Da hat die Geschichte bewiesen, daß der Sozialismus nichts taugt, und doch sind der Bazillus der kollektiven Gleichmacherei und die instinktive Ablehnung des Markts der Menschheit nicht auszutreiben.

Da machen sich die deutschen Sozialdemokraten zu Anwälten einer als "Bürgerversicherung" verklärten zweiten Einkommensteuer, angeblich der Gerechtigkeit zuliebe. Da hebelt der französische Wirtschaftsminister den Marktmechanismus aus, soweit es geht, indem er Supermärkten, Versicherungen und Banken Preisobergrenzen aufdrängt. Da wählen die Spanier, die wirtschaftlich mit Jose Maria Aznar nicht schlecht gefahren sind, doch wieder sozialistisch.

Es vergeht kein Treffen liberaler Ökonomen oder Think Tanks, auf dem sich die Teilnehmer nicht gleichermaßen sorgenvoll wie hilflos fragen, warum dies so ist. James Buchanan, Träger des Nobel-Gedächtnispreises 1986, hat eine Antwort - und legt damit den Finger in die Wunde: Die Liberalen verschlössen die Augen davor, daß viele Menschen vor Freiheit und Eigenverantwortung Angst hätten, schreibt er jetzt in einem Aufsatz für eine Sonderausgabe der Zeitschrift "Public Choice". Sie verwendeten nicht genug Energie darauf, die komplexen marktlichen Prozesse zu erklären.

Individuelle Freiheit unter kollektiver Kontrolle

Buchanan definiert Sozialismus in einem umfassenden Sinne als ein System, in dem die individuelle Freiheit der Menschen unter der kollektiven Kontrolle weitgehend verschwindet. Er unterscheidet vier Motivationen für sozialistisches Gedankengut: die praktische, die paternalistische, die distributive und die "parentale". Die praktische Motivation, die von vergemeinschafteten Produktionsmitteln unter zentraler Kontrolle eine größere wirtschaftliche Effizienz erwartete, sei "tot und beerdigt" und werde auch so schnell nicht wieder auferstehen. Es sei weithin anerkannt, daß diese Vorstellung auf einer "Anmaßung von Wissen" über die Verarbeitung von Informationen in der Gesellschaft beruhe.

Die paternalistische Motivation indes, nach der manche Menschen zu ihrem Glück gezwungen werden müßten, stelle schon eine größere Gefahr da. Schließlich sei die Anmaßung einiger Eliten, dem Rest der Bevölkerung die eigenen Lebensentwürfe aufzudrängen, schon jetzt überall zu beobachten: im Umweltschutz ebenso wie in den aktuellen "Kreuzzügen gegen Tabak und Fettleibigkeit". Das demokratische Mehrheitsprinzip verhindere hier nur die schlimmsten Übergriffe. Auch die auf "soziale Gerechtigkeit" zielende distributive Motivation werde so bald nicht verschwinden. Auch Liberale täten sich oftmals mit der ungleichen Einkommensverteilung schwer, die sich aus dem natürlichen Marktprozeß ergeben könne. Doch auch dieses Motiv ist nach Buchanan nicht dominant: Die Armen neigten vergleichsweise wenig dazu, die Reichen im Zuge des demokratischen Prozesses auszubeuten.

Die wichtigste und gefährlichste Quelle

Als wichtigste und gefährlichste Quelle, aus dem sich der Sozialismus auch in Zukunft speisen wird, macht der amerikanische Nobelpreisträger die "parentale" Motivation aus, sozusagen das Gegenstück zum Paternalismus. Er definiert "Parentalismus" als Haltung jener Menschen, die danach strebten, Werte oktroyiert zu bekommen - sei es von anderen Menschen, dem Staat oder einer transzendenten Macht. Jedes Kind sei daran gewöhnt, unbekümmert seine Freiheit zu genießen, sich dabei aber an einen von außen - von den Eltern - schützend vorgegebenen Rahmen halten zu müssen. Dies verleihe seinem Leben Stabilität und Vorhersehbarkeit. Im Erwachsenenalter dann fehle dieser Schutz. "Nur wenige Menschen sind als Individuen stark genug, die komplette Breite ihrer Freiheit und die damit einhergehende Verantwortung anzunehmen, ohne irgendeinen Ersatz für den elterlichen Schutz zu suchen." Der Glaube an Gott als transzendente Kraft, die eine Form von Vater- oder Mutterschaft darstelle, erfülle genau diese Aufgabe.

Ordnung das Opfer der Freiheit wert

In einer aufgeklärten, säkularisierten Gesellschaft, in welcher der Glaube an Gott immer mehr verlorengehe, übernehme der Staat diese Rolle. Er befreie das Individuum von der Last seiner Verantwortung als einem unabhängig wählenden und handelnden Erwachsenen. Buchanan warnt karikierend: "Gott ist tot, es lebe der Staat." Im Gegenzug reduziere der Staat zwar auch die individuelle Freiheit, nach Belieben zu wählen und zu handeln. "Aber für manche Menschen mag die Ordnung, die der Staat bereitstellt, dieses Opfer der Freiheit durchaus wert sein." Daß sich aus dieser Quelle des Sozialismus kein reißender Strom ergibt, ist nach Buchanan nur den budgetären Realitäten zu verdanken. In dem Maße, wie die Beitragslasten für den wuchernden Sozialstaat ins Astronomische stiegen, nehme auch das Gefühl der Bevormundung und Enteignung zu. Es rege sich Protest.

Trotzdem ruft Buchanan die Liberalen zu einer psychologisch intelligenteren Verbreitung ihrer Ideen auf: Bisher hätten sie die Sehnsucht der Menschen nach Sicherheit, die nach dem Verlust des Glaubens um so stärker hervorgebrochen sei, nicht ernst genug genommen. Sie müßten in Zukunft besser erklären und zeigen, daß der einzelne Mensch auf eigenen Füßen zu stehen vermöge, daß er weder Gott noch den Staat als Elternersatz brauche. Und daß gerade der anonyme Markt ihm in dieser Unabhängigkeit am besten helfe.

James M. Buchanan: Afraid to Be Free. Dependency as Desideratum. Public Choice (2004).

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.12.2004, Nr. 49 / Seite 36
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