26.12.2004 · Im Sonntagsökonomen gibt die F.A.S. ein paar Einsichten in falsche Ansichten: Vier populäre volkswirtschaftliche Thesen, die Sie möglichst schnell vergessen sollten.
Von Patrick WelterDie wirtschaftspolitische Diskussion in diesem Jahr war wie immer geprägt von Wahrheiten und Irrtümern. Im Sonntagsökonomen gibt die F.A.S. ein paar Einsichten in falsche Ansichten: Vier populäre volkswirtschaftliche Thesen, die Sie möglichst schnell vergessen sollten.
1. Der Handel mit China und Osteuropa schadet Deutschland
Zahlreiche „deutsche“ Güter werden mittlerweile in China, Osteuropa und in anderen aufstrebenden Ländern hergestellt und nach Deutschland eingeführt. Die hiesigen Unternehmen nutzen ihre Investitionschancen im Ausland und verlagern Arbeitsplätze. Was aber sollen wir den Chinesen dann noch verkaufen, wo sollen wir arbeiten? Im Jahr 2004 schien diese populäre These höhere Weihen zu erlangen. Der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Samuelson erklärte, daß Freihandel mit China den Wohlstand der Industriestaaten schmälere. Weil immer besser ausgebildete Chinesen technisch schwierigere Produkte herstellen können, könnten die Industriestaaten für ihre Hochtechnologie nur noch weniger Geld verlangen.
Diese Angst vor dem Wettbewerber ist so alt wie die Marktwirtschaft. Daimler-Chrysler sorgt sich, daß BMW mehr Autos verkauft, und der Fleischermeister blickt besorgt, wenn der Supermarkt um die Ecke eine Wursttheke einrichtet. Konkurrenz erfordert eben Anstrengung, um mitzuhalten. Doch Konkurrenz belebt auch das Geschäft - und alle profitieren: von technischem Fortschritt, von besseren, von billigeren Produkten. In Deutschland grassiert die Angst vor China, weil Unternehmen im Regulierungsdickicht vor der hohen Steuerlast und den hohen Lohnkosten fliehen. Dies ist kein Naturgesetz. Im Standortwettbewerb können Regierung und Gewerkschaften dafür sorgen, daß Unternehmen sich hierzulande wohl fühlen und Arbeitsplätze schaffen. So lehrt der Handel mit China und Osteuropa die Deutschen, daß Wohlstand immer neu erarbeitet werden muß. Deshalb darf man den internationalen Handel nicht beschränken.
2. Die EZB muß die Aufwertung des Euro bremsen
Der Wechselkurs des Euro ist ein Preis, vergleichbar dem Preis eines Brötchens. Wenn mehr Brötchen nachgefragt werden, steigt ihr Preis. Das freut den Bäcker, und der Kunde klagt. Niemand käme darob auf die Idee, das Kanzleramt zur Backstube umzuwidmen, um den Brötchenpreis niedrig zu halten. Wenn Anleger Kapital im Euro-Raum investieren, werden mehr Euro nachgefragt. Der Euro wird teurer; der Wechselkurs steigt. Das freut hiesige Verbraucher und Unternehmen, weil sie ausländische Waren und Dienstleistungen günstiger beziehen können, und es ärgert die Exporteure, weil ihre Produkte international weniger nachgefragt werden. Soll die Europäische Zentralbank (EZB) also mehr Euro herstellen, damit der Euro billig bleibt? Besser nicht.
Die EZB soll die Preisstabilität im Innern der Währungsunion wahren. Der Wechselkurs des Euro ist dabei nur Nebenbedingung, kein Ziel. Das wäre auch vermessen: Niemand weiß, wo der richtige Preis für ein Brötchen liegt, geschweige denn für einen Euro. Ökonomen können nur erklären, daß sich am Markt ein Preis bilden wird - nicht mehr und nicht weniger. Die amerikanische Regierung hat dies verstanden. Sie versteht auch, daß die Weichen für das Wachstum einer großen Volkswirtschaft im Inland und nicht an der Wechselkursgrenze gestellt werden. Im großen Euro-Raum ist diese Erkenntnis nicht weit verbreitet. Werden mehr Euro hergestellt, um seinen Preis an den Devisenmärkten zu senken, steigen auf Dauer auch die Preise im Inland. Das war es dann mit der Preisstabilität.
3. Deutschland braucht nationale Champions
Ökonomen wissen nicht, ob Deutschland Boxweltmeister braucht. Ökonomen wissen aber, daß viele Boxweltmeister zu Starallüren neigen und sich für Auftritte teure Sonderkonditionen garantieren lassen. Ähnlich ist es mit großen Unternehmen. Gelten sie als Aushängeschild des Standorts, lassen sie sich dies oft teuer bezahlen - mit Schutz vor Wettbewerb, mit großzügigen öffentlichen Aufträgen, mit Subventionen für kaum verkaufbare Transrapids.
Gehen große Unternehmen in Konkurs, lassen sich Politiker nur mit Mühe davon abhalten, Steuergelder hinterherzuwerfen. Deutschland braucht deshalb keine politisch gezüchteten nationalen Champions, sondern gute Bedingungen für alle Unternehmen. Falls sich im Wettbewerb nationale Weltgrößen entwickeln, ist dagegen nichts einzuwenden. Wenn aber Politiker glauben, besser als der Markt zu sein, sollten sie Unternehmer werden.
4. Die Bildung ist zu wichtig, um sie den Ländern zu überlassen
Mit dieser These in der Föderalismus-Debatte hat Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn gezeigt, daß ihr Amt überflüssig, ja schädlich ist. Gerade weil die Bildung so wichtig ist, darf der Bund sich nicht einmischen. Im Wettbewerb der Länder kann dann Bayern mit Berlin konkurrieren, wie man Schüler und Studenten gut ausbildet, und alle anderen können sich ein Beispiel nehmen. Die wichtigste Kraft des Wettbewerbs ist es, Wissen hervorzubringen - auch Wissen über die Bedingungen, wie man Wissen vermittelt. Frau Bulmahn weiß das nicht. An ebendiesem Nichtwissen sind die Zentralverwaltungswirtschaften gescheitert.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
| EUR/USD | 1,2373 | +0,03% |
| Rohöl Brent Crude | 103,29 $ | +0,04% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |
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