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Sinkende Einkommens-Ungleichheit Warum Arm und Reich wieder gleicher werden

 ·  Die Einkommen armer und reicher Leute nähern sich in Deutschland wieder an. Und zwar schon seit 2005. Das liegt vor allem daran, dass die Arbeitslosigkeit sinkt. Aber es gibt noch andere Gründe.

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© dpa Die Reichen sind nicht mehr so viel reicher: Yachten im Frankfurter Westhafen.

Es ist eine riesige Überraschung: Die Lohneinkommen – nicht: die Vermögen – der Deutschen sind seit Jahren wieder gleicher verteilt als noch vor wenigen Jahren. Forscher sprechen von einer „statistisch signifikanten Trendumkehr“, so hieß es am Donnerstag im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Jahre lang hatte genau dieses Institut davon berichtet, dass sich die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen öffne.

Hauptgrund: Weniger Arbeitslose

Die Hauptursache für die Trendwende  ist die steigende Erwerbsbeteiligung in Deutschland. Noch Anfang 2005 lag die Zahl der Arbeitslosen bei mehr als 5 Millionen. Heute beträgt sie - auch infolge der langjährigen Lohnzurückhaltung - weniger als 3 Millionen. Wer arbeitet, verdient in den meisten Fällen mehr Geld als zuvor in der Arbeitslosigkeit. Rund 7 Millionen der Stellen sind zwar „Minijobs“, auf denen viele Rentner, Jugendliche oder ehemalige Hausfrauen arbeiten. Aber auch deren Anzahl stagniert.  Mehr als 41 Millionen Deutsche sind heute insgesamt erwerbstätig, mehr als je zuvor und knapp 2 Millionen Menschen mehr als vor 10 Jahren. Das erhöht die Einkommen der Haushalte deutlich.

Dabei war Arbeitslosigkeit lange der Hauptfaktor, der die Ungleichheit der Einkommen in die Höhe trieb. Die Statistiker des DIW betrachten die Haushaltseinkommen. Jetzt steigen die Einkommen vieler Geringverdiener-Haushalte, wenn zum Beispiel ein Mitglied einer Familie eine neue Arbeitsstelle findet.

2011 wird es noch gleicher

Wie der Arbeitsmarktökonom Markus Grabka vom DIW am Donnerstag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte, rechnet er auch für das vergangene Jahr 2011 mit einer Fortsetzung des Trends – also eine weitere Angleichung höher und niedriger Einkommen. Das liege daran, dass die Arbeitslosigkeit weiter zurückgegangen sei und die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung verbreiteter sei.

Allein für dieses Jahr gebe es einen Zuwachs von rund 575.000 sozialversicherungspflichtigen Stellen in Westdeutschland und 100.000 in Ostdeutschland. Auch die hohen Lohnabschlüsse weit über der Inflationsrate in der Chemie- und Metallbranche und dem öffentlichen Dienst dürften zu einer weiteren Nivellierung der Ungleichheit führen.

Der Höhepunkt war 2005

Das DIW untersuchte sowohl die verfügbaren Einkommen als auch die Markteinkommen. Zum “verfügbaren Einkommen“ gehören auch staatliche Transfers - etwa „Hartz 4“-Leistungen oder Kindergeld. Das „Markteinkommen“ umfasst Lohn-, aber auch Kapital- oder Vermietungs-Einkünfte. Für beide Einkommensmaße gilt der Befund der Trendwende. Erstmals hatte das DIW schon 2008 vorsichtig auf diese Entwicklung hingewiesen.

Bis 2005 hatte sich die „Lohnschere“ hingegen über viele Jahre geöffnet. Den „Höhepunkt“ erreichte die politisch oft kritisierte Ungleichverteilung der Löhne demnach 2005. Seitdem kehre sich der Trend langsam wieder um, geht aus der an diesem Donnerstag in Berlin vorgestellten neuen Studie des DIW hervor. Sie basiert auf Daten des „sozioökonomischen Panels“ (Soep), einer der größten jährlichen Befragungen von vielen tausend Haushalten auf der Welt.

„Die Vermögensungleichheit wird abnehmen“

Seit 2006 erlebt Deutschland einen Wirtschaftsaufschwung. Zwar wurde der 2009 von heftiger Rezession unterbrochen. Doch die schlug sich, anders als vorangegangene Wirtschaftsflauten,  kaum auf den Arbeitsmarkt nieder.

Erstmals seit Jahren schrumpfte 2010 auch die Mittelschicht nicht mehr weiter.  Diesen Trend der schwindenden Mittelschicht hatte das DIW über Jahre kritisiert. Erstmals gebe es nun wieder eine „ganz leichte Stabilisierung der Einkommens-Mittelschicht“, sagte Markus Grabka der F.A.Z. Das freilich sei eine Stabilisierung auf „niedrigem Niveau“. Ober der Trend dauerhaft anhalten werde, wisse er noch nicht. Er sehe jedenfalls auch für das kommende Jahr die Tendenz, „dass die Vermögensungleichheit tendenziell weiter abnehmen wird“.

Löhne sind trotzdem oft nicht schneller gestiegen als die Inflation

Einen Schluss erlaubt die Studie aber nicht: dass die Löhne seit 2005 stetig gestiegen seien. In vielen Jahren stagnierten die Reallöhne sogar.

Die Statistik macht zudem keine Aussage über die Verteilung der Vermögen. Das Geld- oder Immobilienvermögen der Deutschen verdoppelte sich in den vergangenen 20 Jahren in etwa.  Das reichste Zehntel der Deutschen besitzt 61 Prozent des Vermögens oder 5,8 Billion Euro. Es gibt rund 920 000 Vermögensmillionäre. Die untere Hälfte der Deutschen ist im Durchschnitt dagegen ohne jeden Euro Vermögen.

Erst kürzlich wurde im Armuts- und Reichtumsbericht wieder darauf hingewiesen, dass der soziale Aufstieg schwieriger geworden sei. Für viele Menschen – die Geringverdiener – ist es schwieriger geworden, sich ein Vermögen aufzubauen. Richtig reich, ging aus dem Armutsbericht hervor, könnten nur Unternehmer werden – nicht aber Angestellte. Andererseits zahlen die Spitzenverdiener einen Großteil der Steuern und Abgaben. Die oberen 25 Prozent der Einkommensbezieher stemmen rund 75 Prozent des Einkommenssteueraufkommens.

Kapitaleinkünfte werden unwichtiger

Aber die Finanzkrise führte auch dazu, dass die Kapitaleinkünfte seit 2009 nicht mehr so viel beitragen zum Haushaltseinkommen, sagt Markus Grabka. Denn die Zinsen sind seitdem niedriger als zuvor. Auch das trägt zur Trendumkehr der Einkommens-Verteilung bei.

Trotzdem dürfte der Befund des DIW die Befürworter der Vermögenssteuer – wie die SPD und Gewerkschaften – nicht zu einem Umdenken animieren, da die Vermögensverteilung bis jetzt weiter auseinandergeht - erst für die Zukunft erwartet Grabka auch beim Vermögen eine Annäherungstendenz. Von einer „immer weiter aufgehenden  Schere“ zwischen Arm und Reich wird man dennoch nicht mehr so einfach reden können wie bisher.

Das Ergebnis der DIW-Studie passt ins Bild, das die OECD vom internationalen Vergleich zeichnet. Ihre Studie zeigt, dass die Ungleichheit der Löhne in Deutschland nicht so groß ist, wenn man sie mit anderen Industrieländern vergleicht. In den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Japan oder Italien sind die Löhne ungleicher verteilt. Deutschland liegt etwa auf einer Linie mit Frankreich oder Irland und  nahe am internationalen Durchschnitt.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft.

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