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Schweiz Trotz vieler Anreize zum Sparen steigen die Kosten

03.07.2006 ·  Ausländisches Lob schmeichelt zwar den Eidgenossen, doch die Hymnen können sie nicht so ganz nachvollziehen. Die Kopfpauschale macht das Gesundheitssystem nicht billiger. Viele Schweizer brauchen einen staatlichen Zuschuß.

Von Konrad Mrusek
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Das Schweizer Gesundheitssystem hat einen vorzüglichen Ruf, und die gesetzliche Krankenversicherung, die eine Einheitsprämie (Kopfpauschale) nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder kennt, wurde vor sechs Jahren von der Bertelsmann-Stiftung sogar als vorbildlich prämiert. Ausländisches Lob schmeichelt zwar den Eidgenossen, doch die Hymnen können sie nicht so ganz nachvollziehen. Denn es gibt einen eklatanten Widerspruch.

Obgleich das System viele Sparanreize bietet, etwa durch Prämien-Rabatte bei hoher Eigenbeteiligung, steigen die Gesundheitskosten dennoch jährlich um rund 5 Prozent. Daher wächst auch in der Schweiz der Unmut darüber, daß die Politiker selbst den Anstieg der Kosten in der Pflichtversicherung (KVG) nicht bremsen können. Inzwischen erhalten 40 Prozent der Haushalte Zuschüsse vom Staat, weil eine vierköpfige Familie in der Grundversicherung eine monatliche Prämie von etwa 800 Franken zahlen muß - und zwar aus der privaten Tasche. Es gibt keinen Arbeitgeberbeitrag.

Ob arm oder reich - dieselbe Prämie

Als Angela Merkel noch nicht deutsche Bundeskanzlerin war und für die Kopfpauschale warb, hat sie sich vermutlich vom Schweizer System inspirieren lassen. Hier zahlt jeder - ob arm oder reich - dieselbe Prämie. Das wirkt auf den ersten Blick unsozial. Es hat aber in ökonomischer Hinsicht den Vorteil, daß niemand wegen einer höheren Belastung zum Mehrkonsum verleitet wird - nach der Devise: Was ich bezahlt habe, das will ich, wenn ich schon krank bin, als Leistung auch wiederhaben. Selbst Kinder zahlen einen verminderten Pauschalbetrag von rund 100 Franken, wobei dieser ebenfalls privat zu berappen ist. Es gibt Vorschläge der schweizerischen Sozialdemokraten, daß diese Kosten der Staat und damit der Steuerzahler übernimmt. Die Kopfpauschale unterscheidet sich nur nach dem Wohnsitz: Es gibt ländliche Kantone, wie etwa Appenzell, in denen die Bürger seltener zum Arzt gehen und daher die Prämien niedrig sind. In städtischen Kantonen - Spitzenreiter ist Genf - müssen die Bürger weitaus mehr für die Grundversorgung bezahlen, weil dort mehr medizinische Leistungen nachgefragt werden. Eine Regel gilt indes in allen 26 Kantonen: Alle Schweizer müssen eine medizinische Basisversicherung abschließen; insofern ist dies tatsächlich eine Bürgerversicherung.

Privatversicherungen gibt es nur für zusätzliche Leistungen, die über die recht großzügig abgesteckte Grundsicherung hinausgehen, also etwa für Einzelzimmer in der Klinik oder für die Zahnbehandlung. Die meisten Schweizer verzichten indes auf eine Zahnarztversicherung, weil die teuer ist, und putzen sich dafür von Kindheit an lieber gründlich die Zähne. Auch gibt es viele Dentalhygieniker, die das Kariesrisiko senken.

Geringere Prämie durch hohe Eigenbeteiligung

Vermögende Schweizer können die Krankenversicherungsprämie stark senken, wenn sie eine höhere Eigenbeteiligung wählen. Diese sogenannte Franchise wurde zuletzt auf 2500 Franken (1600 Euro) im Jahr erhöht. Bis zu diesem Betrag zahlt man privat. Tatsächlich ist die Selbstbeteiligung aber höher, weil es darüber hinaus noch einen Selbstbehalt von 10 Prozent (bis höchstens 700 Franken) gibt. Selbst jene Versicherten, die keine hohe Selbstbeteiligung wollen, müssen im Jahr mindestens 1000 Franken der Rechnungen zunächst selbst bezahlen, bevor die Krankenkasse einspringt.

Zwischen den knapp hundert Krankenkassen gibt es Wettbewerb. Man kann im Herbst kündigen und zu einem anderen Anbieter wechseln. Die Konkurrenz ist indes faktisch beschränkt, weil die Kassen bei den Anbietern von Gesundheitsdiensten wenig Spielraum haben. So gibt es einen Vertragszwang mit Ärzten und Spitälern; die Kassen können sich also Leistungen teurer Anbieter nicht verweigern. Einen Wettbewerb der Kassen gibt es vor allem um "gute" Risiken, sprich: um junge und gesunde Prämienzahler, während die Alten nicht so begehrt sind, weil diese viel "kosten".

Ein Fonds gleicht die Risiken aus

Zum Ausgleich solcher unterschiedlicher Risiken gibt es einen Fonds. Er zahlt an jene Kassen, die etwa überdurchschnittlich viele alte Versicherte haben. Das ist nicht das einzige Element, das Solidarität in das System bringt. Einen Ausgleich zwischen Gesunden und Kranken, Reichen und Armen gibt es noch an drei weiteren Stellen. Der Staat finanziert aus den Steuern die Prämienverbilligung für einkommensschwache Haushalte, was etwa 3 Milliarden Franken kostet. Ferner zahlen die Kantone etwa 60 Prozent der Kosten für Spitalaufenthalte. Und zudem ist die Kopfprämie eine Form gesellschaftlicher Solidarität, weil eben Reiche nicht private, sondern gesetzliche Kassen alimentieren. All dies führte vor drei Jahren dazu, daß die Bürger in einer Volksabstimmung ablehnten, von der Kopfprämie zur einkommensabhängigen Versicherung zu wechseln, wie es die Sozialdemokraten vorgeschlagen hatten.

Warum ist aber trotz der Kopfpauschale das Gesundheitssystem so teuer? Warum haben sich in den vergangenen vier Jahrzehnten die Gesundheitsausgaben auf 11 Prozent des Bruttoinlandsprodukts mehr als verdoppelt und liegen damit in etwa auf dem deutschen Niveau? Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen sind die Löhne hoch, was auch viele deutsche Ärzte in Schweizer Kliniken lockt. Zum anderen hat das Land zu viele Spitäler, weil diese den Kantonen gehören. Diese wachen eifersüchtig darüber, daß ihre Bürger vor Ort versorgt werden, weil das Arbeitsplätze und Einnahmen bringt. Ein weiterer Grund ist, daß es die Schweiz nicht geschafft hat, nach der Reform auf der Nachfragerseite der Krankenversicherungen auch eine Reform auf der Anbieterseite zu erreichen, also bei Krankenhäusern und Ärzten. Die Lobbyisten konnten Einschnitte in ihre Pfründe verhindern.

Der Anstieg der Kosten auf 50 Milliarden Franken ist aber auch ein Luxusphänomen: Die reichen Schweizer wollen nun einmal mehr gesundheitliche Dienstleistungen haben. Und mit 65 Prozent zahlen sie den Großteil der Kosten des Systems aus ihrer privaten Kasse, wobei die Grundversicherung mit 16 Milliarden Franken ebenso teuer ist wie jener Teil der zusätzlichen medizinischen Dienste, der ausschließlich privat beglichen wird.

Quelle: F.A.Z., 03.07.2006, Nr. 151 / Seite 15
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Jahrgang 1950, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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