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Veröffentlicht: 02.11.2010, 10:05 Uhr

Schweden und Norwegen Kampagne für bargeldlose Gesellschaft

Die Skandinavier gebrauchen immer seltener Scheine und Münzen. In Schweden und Norwegen setzen sich Gewerkschaften sogar für eine völlig bargeldlose Gesellschaft ein - Angst vor einem Verlust privater Freiheit haben sie nicht.

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© Bedrohte Art: Münzgeld aus Norwegen

Der spektakulärste Geldraub in der Geschichte Norwegens fand vor sechs Jahren an einem Montagmorgen mitten in Stavanger statt: In schwarzen Overalls stürmen die Täter die Zentrale des größten Bargeld- und Kassendienstleisters im Land, liefern sich auf dem Domplatz eine Schießerei mit der Polizei, töten dabei einen Beamten und entkommen an jenem 5. April 2004 mit 57,4 Millionen Kronen (umgerechnet knapp 6,9 Millionen Euro). Die Erinnerung daran ist im ganzen Königreich noch so lebendig, dass die vor vier Wochen in den Kinos angelaufene Verfilmung des Raubs schon jetzt ein Kassenschlager ist - und Wasser auf die Mühlen von Jorunn Berland. Denn die Chefin der Gewerkschaft der norwegischen Finanzbranche will auf dem Verbandstag Ende November eine Debatte darüber anzetteln, ob Bargeld noch zeitgemäß oder nur ein zur Kriminalität verlockendes Relikt aus vergangenen Tagen ist. Am liebsten wäre ihr, das lässt Berland im Gespräch durchblicken, Norwegen schaffte seine Münzen und Banknoten ganz ab.

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Was in deutschen Ohren exotisch klingt, ist in Skandinavien keine allzu abenteuerliche Vorstellung. Schon jetzt zählen die Nordeuropäer, die bis auf die Finnen beharrlich den Euro scheuen und an Krone und Øre festhalten, zu den eifrigsten Kartenzahlern der Welt. Das britische Marktforschungsunternehmen Lafferty Group hat ermittelt, dass jeder Däne im Schnitt 166-mal im Jahr mit Karte zahlt; der Durchschnitt auf der Welt liegt bei knapp 28 Kartentransaktionen je Verbraucher und Jahr. In keiner anderen Region Europas ist außerdem die je Karte umgesetzte Summe höher als in Skandinavien: Für Dänemark ermittelt Lafferty hier einen Durchschnittswert von 12 947 Dollar, Norwegen folgt mit 8646 Dollar, Schweden mit 6187 Dollar. Deutschland liegt bei 5444 Dollar.

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Und während in Deutschland nur ein Drittel dieser Summe direkt an der Kasse gezahlt und Karten vor allem bei Bestellungen etwa im Internet zum Einsatz kommen, ist das Verhältnis in Nordeuropa umgekehrt: Bis zu 95 Prozent aller Kartenzahlungen werden dort im Einzelhandel getätigt. Das Frühstücksbrötchen beim Bäcker oder das Feierabendbier am Tresen - auch Kleinstbeträge lassen sich in Skandinavien in den meisten Fällen problemlos mit der Plastikkarte begleichen. Die Probe aufs Exempel machte im vergangenen Dezember die Polizeichefin von Stockholm auf dem Weihnachtsmarkt in der Hauptstadt: Sie zückte sogar am Christbaumstand ihre Karte.

„Bargeld braucht nur noch deine Oma - und der Bankräuber"“

Nach Stockholm ist nun auch Jorunn Berland gereist, denn ihre schwedischen Kollegen haben schon vor zwei Jahren die Kampagne "Bargeldlos jetzt" ins Leben gerufen. Auf ihrer Internetseite vermelden sie seither laufend Fortschritte im Kampf gegen Münzen und Scheine und bringen das Thema auf griffige Merksätze: "Bargeld braucht nur noch deine Oma - und der Bankräuber" heißt einer davon; "Ein verlorener Fünfhunderter ist für immer weg" warnt ein anderer Spruch. Sogar auf Bierdeckeln und Postkarten bringt das Bündnis, dem sich die Polizeigewerkschaft genauso angeschlossen hat wie der Verband der schwedischen Einzelhändler, diese Botschaften unters Volk.

Nüchterner, volkswirtschaftlich gewichtiger klingen Daten, welche die schwedische Notenbank ermittelt hat: Bei jeder Barzahlung fallen im Durchschnitt 4,6 Kronen Transaktionskosten an (umgerechnet ein halber Euro), je Kartenzahlung sind es nur 3 Kronen. Statt Gebühren für den Karteneinsatz empfiehlt die Studie den Banken deshalb eine Gebühr für das Abheben von Bargeld an Automaten. Die norwegische Notenbank will demnächst die kleinste Münzeinheit, 50-Øre-Stücke (umgerechnet 6 Euro-Cent), aus dem Verkehr ziehen; am anderen Ende der Skala könnten die Tage der 1000-Kronen-Scheine gezählt sein.

Sowohl in Schweden als auch in Norwegen begründen die Gewerkschaften ihr Engagement mit dem Sicherheitsaspekt. Dass auch Steuertricks und Schwarzarbeit in einer bargeldlosen Gesellschaft erheblich schwerer würden, ist in ihrer Darstellung nur ein willkommener Nebeneffekt. "Wir hatten in diesem Sommer sehr viele Überfälle", klagt Jorunn Berland, auch wenn keiner so dramatisch war wie der Raub von Stavanger. "Es geht ja nicht nur um Bankangestellte, sondern auch um Busfahrer, Verkäufer an Tankstellen und Kiosken."

Die Bargeldgegner können auf die allgemein positive Einstellung ihrer Landsleute neuen technischen Lösungen gegenüber vertrauen; vor dem Bezahlen per SMS etwa, wie es in den Stockholmer Stadtbussen möglich ist, scheut sich kaum jemand. Auch die Furcht vor einem Überwachungsstaat und die Sorge um mögliche Folgen einer lückenlosen Speicherung persönlicher Ausgaben sind in Nordeuropa vergleichsweise gering.

Von alldem ist Deutschland weit entfernt. Mehr als vier Fünftel aller Zahlungsvorgänge entfallen nach Auskunft der Bundesbank hierzulande auf Bargeld, in Schweden ist das Verhältnis umgekehrt. Auch wertmäßig steht Bargeld in Deutschland für deutlich mehr als die Hälfte aller Transaktionen. Frühestens in sieben Jahren, rechnet der Einzelhandelsverband HDE hoch, könnten die Umsätze gleichauf liegen.

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