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Schweden Kranksein lohnt sich in Schweden

29.06.2006 ·  Der schwedische Ministerpräsident Göran Persson preist gerne das Gesundheitssystem seines Landes als Modell für andere. Die Mehrzahl der Schweden teilen seine Ansicht nicht - sie wissen warum.

Von Robert von Lucius, Stockholm
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Nur in den vergangenen Tagen hat der Fußball das Lieblingsthema vieler Schweden verdrängt - die medizinische Versorgung. Während der sozialdemokratische Ministerpräsident Göran Persson gerne das schwedische Modell preist und als beneidenswertes Vorbild für andere Europäer hinstellt, vermag er seine Landsleute von den Vorzügen seiner Gesundheitspolitik schwerlich zu begeistern.

Sie weisen auf lange Wartezeiten hin, auf eine Psychiatrie, die Fachleute nach Mittelkürzungen als "verzweifelt" einstufen, und auf den Ärztemangel. Viele Ausländer, auch mehrere hundert Deutsche, werden von schwedischen Krankenhäusern angeworben, während schwedische Ärzte und Krankenschwestern ins Ausland ziehen.

Beispielhafte Patientenhotels

Dabei hat Schweden nicht nur in der medizinischen Forschung und der Medizingerätetechnik manch Wegweisendes vorzuweisen. Beispielhaft sind seine, wenn auch wenigen Patientenhotels, die an Hospitäler angeschlossen sind und in die junge Mütter wenige Stunden nach der Geburt umziehen können. Damit sparen sie Kosten und haben eine angenehmere Umgebung.

Auch kritische Patienten loben meistens die Schwestern und Klinikärzte, die trotz ihres im europäischen Vergleich geringen Jahresverdienstes - allerdings bei relativ kurzen Arbeitszeiten - engagiert und ohne Streikgedanken ihre Arbeit verrichten. Kritik üben die Patienten aber an den Politikern und der Gesundheitsverwaltung.

Weltspitze oder unteres Mittelmaß in Europa?

Während unlängst der damalige Sozial- und Gesundheitsminister das schwedische Gesundheitswesen als "das Beste der Welt" bezeichnete, stuft es die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa (OECD) in einer vergleichenden Studie als "unteres Mittelmaß" in Europa ein. Wartezeiten und Leistungen haben sich aufgrund ständiger Mittelkürzungen ständig verschlechtert.

Zu Kürzungen im Gesundheitswesen kam es vor allem während der Finanzkrise in den neunziger Jahren - also sowohl während der kurzen bürgerlichen als auch während der sozialdemokratischen Regierungszeit. Die Zahl der Krankenhausbetten wurde halbiert, das Ärzte- und Verpflegungspersonal um ein Viertel zurückgefahren. Schweden merkte, daß es sich den bis dahin üppigen Sozialstaat nicht mehr leisten konnte.

Statistisch sind die Schweden häufig krank

1980 lag der Anteil von Ausgaben für das Gesundheitswesen am Bruttoinlandsprodukt bei 9,1 Prozent. Bis 1998 sank er auf 7,9 Prozent, 2003 stieg er aber wieder auf 9,4 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit mehr als vier Jahrzehnten. Dabei dürfte der höchste Kostenanteil nicht auf die Ärzte entfallen, auch nicht auf die Kliniken oder die Arzneimittel, sondern auf die Sozialversorgung. Nirgendwo in Europa sind, gemessen an der Bevölkerung, mehr Menschen krank geschrieben als in Schweden, obwohl die Schweden gleichzeitig eine hohe Lebenserwartung haben. Mit Krankschreibungen wie auch mit Frühpensionierungen werden hohe Arbeitslosenzahlen geschönt.

Es lohnt sich in Schweden, krank zu sein, in einer Gesellschaft, die sich in mehr als sieben Jahrzehnten fast ununterbrochener Herrschaft einer Partei an staatliche Fürsorge gewöhnt hat: Drei Fünftel der Bevölkerung hängt durch Einkommen oder Beihilfen von der öffentlichen Hand ab. Das lähmt die Eigeninitiative und belastet den finanziellen Spielraum für die Gesundheitsversorgung. Wer krank ist, erhält vom Staat bis zu 600 Tage lang Krankengeld, in den ersten 100 Tagen 80 Prozent des Lohns bis zur Einkommenshöchstgrenze von 2150 Euro, danach etwas weniger. Auch daher sind prozentual dreimal so viele Schweden krank geschrieben wie Deutsche.

Niemand zahlt höhere Steuern als die Schweden

Bezahlt wird das, ebenso wie die medizinische Versorgung, überwiegend aus Steuern und nur zu einem geringen Teil aus Gebühren und Arbeitgeberabgaben: Niemand zahlt höhere Steuern als die Schweden. Nur in kommunistischen Staaten lag 1990 der öffentliche Anteil an den Gesundheitsausgaben höher als in Schweden, wo er 89,9 Prozent betrug. Seitdem ist er leicht gesunken, weil für jeden Arztbesuch eine Patientengebühr von 13 bis 26 Euro fällig wird und für Medikamente eine Gebühr von bis zu 100 Euro jährlich.

Trotzdem lag der öffentliche Anteil auch ein Jahrzehnt später höher als in jedem anderen OECD-Land. Eine Diskussion über Mißbräuche oder Reformen gibt es auch in den Monaten vor der Wahl im September nicht. Die Regierung stoppte sanfte Reformversuche der Bürgerlichen - die Privatisierung einiger Kliniken und die freiere Zulassung privater Ärzte - rasch.

Die EU macht Druck

Auch Versuche, die mittelbare staatliche Kontrolle der Pharmapreise aufzuheben - alle Apotheken sind in einer staatseigenen Vertriebskette vereint, selbst einige rezeptfreie Mittel dürfen nur dort verkauft werden -, kommen nicht von der insgesamt braven Opposition, sondern von der EU: Der Europäische Gerichtshof bemängelte unlängst das Apothekenmonopol. Die Regierung deutete das Urteil aber eng und setzte es nur teilweise um.

Die Kürzung in der Versorgung wird vor allem auf drei Gebieten sichtbar: der Zahnbehandlung, den Wartezeiten und der "Priorität" bei der Versorgung. Die Zahnbehandlung wurde weitgehend aus dem staatlichen System herausgelöst. Jugendliche erhalten eine kostenfreie Behandlung, Rentner Zuschüsse. Alle anderen müssen Plomben oder Wurzelbehandlungen selbst bezahlen.

Polnische Zahnklinik, thailändische Krankenhausaufnahme

Aufgrund der stark gestiegenen Kosten und dank der Liberalisierung eröffnete ein Unternehmer im vergangenen November in Stockholm eine Zahnklinik mit ausschließlich ausländischen Ärzten, überwiegend Polen. Ähnliches bahnt sich für Operationen an. Ein thailändisches Krankenhaus eröffnete eine Aufnahme in Stockholm, in der Diagnosen erstellt und Termine vereinbart werden. In Phuket kann man dann Operation und Urlaub verbinden und lange Wartezeiten - im Fall von Hüftoperationen, grauem Star oder Prostata von 18 Monaten oder länger - umgehen. Zumindest müssen im öffentlichen schwedischen Gesundheitswesen alle gleich lang warten: Es versucht wohl niemand, schwarze Kassen einzurichten oder die Ärzte zu bestechen.

Wer aber Geduld hat, erhält die notwendige Behandlung auch. Die Eindämmung der Gesundheitskosten führte nicht über eine Prioritätenliste, nach der zum Beispiel ältere Patienten keine künstliche Hüfte mehr erhielten - obwohl der Reichstag darüber seit vielen Jahren ebenso vage wie folgenlos debattiert. Sie kommt statt dessen über eine künstliche Verknappung des Zugangs zum Arzt. Krankenhäuser der Gemeinden und Kreise entschieden sich für weniger Ärzte und weniger Betten. Hausärzte, zumal solche, die Hausbesuche machen, gibt es nur wenige. An Orthopäden, Radiologen und Bestrahlungsgeräten für Krebskranke mangelt es.

Viele Kranke gehen gar nicht erst zur "Pflegezentrale", in der sich staatliche oder kommunale Ärzte dezentralisiert zu einer Art Poliklinik zusammengeschlossen haben, sondern gleich zur überlasteten Notaufnahme des nächsten Krankenhauses. Zu diesen Schwierigkeiten kommt eine weitere in Schweden beliebte Übung hinzu: Verantwortlichkeit und Kosten abschieben; und zwar von den Gesundheitsämtern auf die Sozialbehörden, vom Staat auf die Gemeinden und die Arbeitgeber - und vor allem aber weg von der Politik.

Quelle: F.A.Z., 29.06.2006, Nr. 148 / Seite 12
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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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