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Schottische Unabhängigkeit : Little England

Im Zwiespalt: Die Briten stehen Europa kritisch gegenüber Bild: Reuters

Wenn die schottischen Nationalisten und die englischen EU-Paranoiker nicht aus ihren Wolkenkuckucksheimen herabsteigen, wird Great Britain zu Little England - zum eigenen Schaden.

          Man mag es nicht glauben: Ausgerechnet Großbritannien, europäisches Heimatland der Pragmatiker und Materialisten, ist drauf und dran, sich zwei schwere Wirtschaftsschocks selbst zuzufügen – ohne Not und äußeres Zutun. Zusammengenommen, würden sie Europas drittgrößte Volkswirtschaft erbeben lassen. Im September stimmen die 5,3 Millionen Schotten in einem Volksentscheid darüber ab, ob sie den Engländern die gemeinsame Nation aufkündigen und einen souveränen Staat gründen. London will das mit allen Mitteln verhindern.

          Ein zweites Referendum hat dagegen der britische Premierminister David Cameron seinen Landsleuten versprochen. Im Jahr 2017 sollen die Briten entscheiden, ob ihr Land aus der EU austritt. Die schottischen Separatisten wiederum wollen nach der Unabhängigkeitserklärung der EU beitreten. Dabei sind Schottland, England und Wales ein über Jahrhunderte verwachsener Wirtschaftsraum. Wie soll der weiter funktionieren, wenn womöglich bald ein Teil innerhalb und der große Rest außerhalb des europäischen Binnenmarkts liegt?

          Die Separatisten holen auf

          So unwirklich das Szenario aus ausländischer Sicht anmuten mag: Great Britain könnte tatsächlich zu Little England zusammenschrumpfen und die Zugbrücken nach Europa hochziehen. Meinungsumfragen zeigen regelmäßig, dass mehr Briten gegen die EU als für sie stimmen wollen. In Schottland liegen zwar bisher die Separatisten im Rückstand, aber sie holen stark auf. Eine verlässliche Mehrheit für den Status quo gibt es nicht.

          In London sitzt ein schwacher Premierminister. Cameron will sein Land in der EU halten, aber er ist zum Getriebenen des antieuropäischen Hardliner-Blocks in seiner Konservativen Partei und der oppositionellen rechtspopulistischen UK Independence Party geworden. In Edinburgh wiederum regiert mit absoluter Mehrheit ein charismatischer Menschenfischer. Der schottische Ministerpräsident Alex Salmond von der Scottish National Party verspricht seinen Landsleuten das Blaue vom Himmel.

          Die Debatte um Schottland und Europa driftet immer stärker in faktenfreies Territorium ab. Der Diskurs, der für die Nation von existentieller Bedeutung ist, droht zum Spielball von Stimmungsmachern und Wunschdenkern zu werden. So fabulieren Englands Europa-Gegner, das Land müsse die Segel setzen, den müden und krisengeschüttelten Kontinent hinter sich lassen und, befreit von den Richtlinien und Paragraphen der EU-Technokraten, auf den Handel mit wachstumsstarken Schwellenländern setzen.

          Ausländische Banken nutzen London

          Das klingt schneidig, nur haben die Briten laut OECD schon heute mit die liberalsten Arbeits-, Kapital- und Gütermärkte der industrialisierten Welt – trotz des angeblichen Regulierungswahns aus Brüssel. Nach dem EU-Austritt wäre jedoch der freie Zugang zum europäischen Binnenmarkt weg, zu dem größten gemeinsamen Markt für Güter und Dienstleistungen der Welt. Knapp die Hälfte der britischen Exporte gehen bisher nach Europa – allen voran die Finanzdienstleistungen. Die vielen ausländischen Banken sind vor allem deshalb in London, weil sie von dort aus europäisches Geschäft machen können. Der Austritt würde die Zukunft der City als Bankfiliale Europas akut bedrohen.

          Die Debatte um Schottlands Unabhängigkeit ist ähnlich losgelöst von der Wirklichkeit. Der Separatist Salmond verspricht den Schotten einen nationalen „Ölfonds“, in dem Steuereinnahmen aus dem Nordseeöl für die Zukunft angelegt werden sollen. Tatsächlich liegen die meisten noch verbleibenden Öl- und Gasreserven auf schottischem Territorium, und bisher fließt das Geld nach London. Aber die Einbußen durch wegfallende gegenläufige Transferzahlungen aus dem Süden wären nach der Abspaltung voraussichtlich größer als die zusätzlichen Öleinnahmen. Die angeblichen Überschüsse, die Salmonds Ölfonds füllen sollen, sind eine Fata Morgana.

          Der größte Schwachpunkt der Separatisten ist jedoch die Währungsfrage. Salmond will das Pfund behalten, aber London schließt eine solche formelle Währungsunion mit einem souveränen Schottland aus. Zu Recht: Die Euro-Krise hat gezeigt, welche Zerstörungskraft gemeinsames Geld ohne eine koordinierte staatliche Haushaltspolitik haben kann. Doch ohne den Rückhalt der Bank von England wäre Schottland hoffnungslos überfordert, wenn es etwa im Falle einer neuen Finanzkrise mit neuer eigener Währung seinen beängstigend überdimensionierten Bankensektor retten müsste. Die währungspolitische Ungewissheit nach der Abspaltung wäre Gift für den Wirtschaftsstandort Schottland.

          Noch ist es nicht zu spät. Bis zum Schotten-Referendum sind es noch sieben Monate. Bis zum Volksentscheid über Europa bleiben noch drei Jahre. Genügend Zeit, um der Vernunft zum Sieg zu verhelfen und Little England zu verhindern. Aber dafür müssen die schottischen Nationalisten und die englischen EU-Paranoiker aus ihren Wolkenkuckucksheimen herabsteigen.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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          Quelle: F.A.Z.

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