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Schulpolitik : Sorgen um die Bildungschancen der Gymnasiasten

Leistungskurse im Fach Chemie könnten in Zukunft nicht mehr zustandekommen. Bild: Helmut Fricke

Den Gymnasien sollen die Mittel gekürzt werden. Das bekommen vor allem die Oberstufen zu spüren – besonders die „kleinen Fächer“ könnten leiden.

          In der Nachbetrachtung der hessischen Kommunalwahl waren sich die Wahlverlierer einig: Der Bund, die Flüchtlingspolitik, die allgemeine Stimmung seien schuld, hieß es von schwarzen und grünen Landes- und Lokalpolitikern.

          Lisa     Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Doch die Stimmung dürfte auch etwas mit einer ureigenen Landesaufgabe zu tun haben: der Schulpolitik. Eine schwarz-grüne Landesregierung mit einem CDU-Ministerpräsidenten und einem CDU-Kultusminister kürzt den Gymnasien die Mittel und investiert die Ersparnis in Inklusion, Ganztagsbetreuung und Förderung von Zuwanderern. Ähnliche Ansätze verfolgen die Landesregierungen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, die nach Umfragen an diesem Sonntag wohl ebenfalls abgewählt werden dürften.

          In Hessen hat die Oppositionspartei SPD verlangt, diese Entscheidungen rückgängig zu machen, weil sie sich um die Chancen der Gymnasiasten sorgt. Mancher Beobachter reibt sich verwundert die Augen: Ist nicht die CDU die Partei, die das Gymnasium gegen die Bestrebungen der SPD, mehr Gesamtschulen einzurichten, verteidigt?

          Viele bildungsbürgerliche Eltern, die Stammklientel der Gymnasien, protestieren teilweise öffentlich gegen die im Frühjahr 2015 bekanntgegebenen Maßnahmen. Sie hoffen, die Regierung zum Umlenken bewegen zu können – bevor die Schulen über die Leistungs- und Grundkurse für das nächste Schuljahr entscheiden. Allerdings hat das Kultusministerium gerade bekräftigt, man werde an den Kürzungen festhalten.

          Weniger Lehrerstunden für die Oberstufen

          Was Eltern und auch Lehrer so aufbringt, bezeichnet Kultusminister Alexander Lorz als „eine behutsame Umlenkung von Stellenressourcen über mehrere Jahre“. Sie sei nötig geworden, weil das Land wegen der Schuldenbremse nicht mehr ausgeben könne. Um mehr Mittel für die anderen schulischen Aufgaben zu haben, werden den Oberstufen weniger Lehrerstunden zugewiesen.

          In der Oberstufe richtet sich die Zuweisung von Stunden und Lehrern nicht mehr nach der Zahl der Klassen, sondern nach der Schülerzahl. Deshalb habe die Kürzung nur zur Folge, dass die Kurse etwas größer würden, erklärte Lorz und rechnete vor, die durchschnittliche Schülerzahl je Oberstufenkurs werde in der Einführungsphase von 19,6 auf 21,2 steigen und in der Qualifikationsphase von 18,9 auf 19,9 in Grundkursen sowie von 16,8 auf 17,8 in Leistungskursen. Das hört sich nach wenig an.

          Ingrid Häußler und Boris Schmidt sehen das allerdings ganz anders: Hinter den geringen Durchschnittswerten verbärgen sich Verschlechterungen der Lernbedingungen, beklagen die Mitglieder im Landeselternbeirat. Ihre Rechnungen sind andere: Verteile man zum Beispiel 110 Schüler wegen des Wegfalls von nur wenigen Lehrerwochenstunden auf vier statt auf fünf Grundkurse, dann lernten nicht 22, sondern 27 Schüler in einem Kurs. „Das ist eine Steigerung der Schülerzahl je Kurs von knapp 25 Prozent.“

          „Kleine Fächer“ litten unter der Kürzung

          In der Ernst-Reuter-Schule, einem Frankfurter Oberstufengymnasium, ist im laufenden Schuljahr eine Lehrerstelle weggefallen. Im kommenden wird knapp eine zweite gestrichen, ebenso im Folgejahr. Bisher bietet man Leistungskurse in Spanisch, Physik, Chemie und sogar Informatik an, also in Fächern, die von relativ wenigen Schülern gewählt würden, sagt Direktorin Monika Schmidt-Dietrich. Dieses umfassende Angebot werde man nicht aufrechterhalten können. Wählten für das nächste Schuljahr nur zwölf Schüler den Leistungskurs Chemie, komme er nicht zustande. Unwahrscheinlich geworden sei auch ein zweiter Leistungskurs in Mathematik, man werde wohl nur einen mit sehr vielen Schülern haben.

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