http://www.faz.net/-gqe-7o1de
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 04.04.2014, 10:56 Uhr

Schiefergas Fracking gegen Putin

Schiefergas könnte Europa auf viele Jahrzehnte unabhängig vom russischen Import machen. Kippt der politische Widerstand gegen die umstrittene Fördermethode wegen der Krim-Krise?

von , London
© AFP Fracking in Kalifornien – im dichtbesiedelten Europa gäbe es größere Probleme

„Fracking hätte schon vor drei Jahren diskutiert werden müssen“, findet Peter Ramsauer (CSU), der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses im Bundestag. „Den Deutschen geht es zu gut“, glaubt EU-Energiekommissar Günther Oettinger (CDU) und kritisiert den Widerstand gegen das Fracking „aus emotionalen Gründen“. Die Krim-Krise hat Europa schlagartig vor Augen geführt, wie abhängig es von den Erdgaslieferungen aus Putins Russland ist – und schon kocht auch die Debatte um das Schiefergas-Fracking wieder hoch. Dabei werden große Mengen eines Gemischs aus Wasser, Sand und Chemikalien in das Bohrloch gepresst, um Risse in unterirdische Gesteinsschichten zu sprengen. Zuvor unerreichbare Erdgasvorkommen können so ausgebeutet werden.

Marcus Theurer Folgen:

Bisher blockieren die meisten Regierungen in Europa aus Umweltschutzgründen die Fördermethode. Gegner befürchten unter anderem, der Chemiecocktail könnte das Grundwasser vergiften. Aber kann es sich die Europäische Union auf Dauer leisten, den vermuteten Energieschatz zu ignorieren? Bevor sich Russland im März die Krim-Halbinsel einverleibte, war die Antwort eindeutig: Fracking sei „eine Technologie mit erheblichem Risikopotential“, deren Umweltauswirkungen bisher „nicht ausreichend geklärt“ seien, heißt es im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung, der gerade mal vier Monate alt ist.

Das unpopuläre Thema wurde auf die lange Bank geschoben. Aber gilt das auch noch, nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vergangene Woche unter dem Eindruck der Krim-Krise „eine neue Betrachtung der gesamten Energiepolitik“ angekündigt hat?

Infografik / Der Schiefergasschatz © F.A.Z. Vergrößern Der Schiefergasschatz

Klar ist, dass die Abhängigkeit Europas vor allem von den Erdgasimporten Russlands bedenklich steigen wird, wenn nichts geschieht. Schon heute deckt die EU mehr als 60 Prozent ihres Gasverbrauchs durch Import. Weil die eigene Förderung schrumpft und der Verbrauch wächst, werde der Anteil der Einfuhr bis zum Jahr 2035 auf mehr als 80 Prozent klettern, erwartet die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris. Russland ist mit einem Drittel der Importe mit Abstand wichtiger Gaslieferant der EU – und die Krim-Krise hat die Risiken dieser Abhängigkeit gezeigt: Die Wahrscheinlichkeit, dass es durch die Wirren in der Ukraine zu Pipelineschließungen nach Europa komme, sei „immer noch gering, aber es ist jetzt ein mögliches Szenario geworden“, kommentierten kürzlich die Energieanalysten der amerikanischen Großbank Citigroup. So sehen das viele Fachleute.

Kann das Schiefergas Europa aus der Energiefalle retten? Befürworter verweisen auf die Vereinigten Staaten: Dort hat die Fracking-Förderung binnen weniger Jahre zu einer Angebotsschwemme geführt. Experten prognostizieren, Nordamerika werde schon bald unabhängig von Erdgaseinfuhren sein. Auch in Europa werden große Lagerstätten vermutet, aber der Unsicherheitsfaktor dieser Schätzungen ist bisher groß. Es wären zahlreiche Probebohrungen nötig, um sie zu verifizieren. Als die gründlichsten Prognosen gelten in Fachkreisen die Studien der amerikanischen Energiebehörde EIA. Die taxierte Europas Schiefergaslagerstätten vergangenen Sommer auf rund 13 Billionen Kubikmeter. Mehr als die Hälfte davon dürften in Polen und Frankreich lagern.

Mehr zum Thema

Es sind verlockende Zahlenspiele: Beim heutigen Verbrauch würde das vermutete Schiefergas ausreichen, um den kompletten Erdgasbedarf in der EU für gut drei Jahrzehnte zu decken. Auf Importe aus Russland auf dem heutigen Niveau könnte Europa sogar für ein ganzes Jahrhundert verzichten. Auch Deutschlands Position könnte sich dramatisch verbessern: Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe taxiert die Schiefergasvorkommen hierzulande auf bis zu 2,3 Billionen Kubikmeter. Rechnerisch würde das reichen, um die heutigen Einfuhren aus Russland für 77 Jahre durch eigenes Gas zu ersetzen. Allerdings beziehen sich die Schätzungen auf die technisch förderbaren Vorkommen. Ob die Ausbeutung zu wirtschaftlich tragbaren Kosten möglich wäre, ist damit nicht gesagt.

In der Krim-Krise hilft das Schiefergas Europa nicht weiter. „Es würde mindestens fünf Jahre dauern, um die europäische Förderung in Gang zu bringen“, erwartet Jan Stuart, Chefanalyst der Großbank Credit Suisse für den Energiesektor – wenn denn der politische Wille und die gesellschaftliche Akzeptanz da wären. Bisher aber forcieren nur Polen, Rumänien und Großbritannien die Jagd nach dem Gas. Ein zentrales Problem der Förderung spielt in der Debatte bisher kaum eine Rolle: „Sie brauchen bei der Fracking-Förderung zwischen zehn- und hundertmal so viele Bohrlöcher wie bei konventionellen Erdgasvorkommen“, sagt der Geologe und frühere Shell-Chairman Ron Oxbburgh. Jede Bohrung verursacht aber Baustellenverkehr, macht Lärm und erschüttert den Boden. In den Weiten der amerikanischen Prärie mag das kein Problem sein – im dichtbesiedelten Europa könnte es zu einem Hindernis werden.

Wegen der vielen Bohrungen steigt auch die Zahl der Betriebsunfälle. Britische und amerikanische Wissenschaftler weisen in einem gerade erschienen Aufsatz im Fachblatt „Marine and Petroleum Geology“ darauf hin, dass es allein in der Marcellus-Lagerstätte im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania binnen acht Jahren in mehr als 500 Fällen zu Beschädigungen am Bohrloch kam. „Die Vielzahl der Bohrungen ist sicherlich ein Problem bei der Schiefergasförderung“, sagt der Energiewirtschafts-Professor Richard Davies von der Universität im britischen Durham, der zu den Autoren der Studie zählt. Auch diesseits des Atlantiks müssten wohl ganze Wälder von Bohrtürmen hochgezogen werden: Fast 70000 Fracking-Bohrungen seien nötig, um Europas Schiefergas abzuzapfen, prognostizierte kürzlich der Internationale Verband der Öl- und Gasindustrie.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Olympia ohne Russland? Vergiftete Spiele

Erstmals könnte an diesem Sonntag eine ganze Nation wegen Dopings von Olympia ausgeschlossen werden. Der sportliche Größenwahn Russlands stürzt das IOC in die tiefste Krise seiner Geschichte. Und die Attacke kommt nicht von außen. Mehr Von Evi Simeoni

24.07.2016, 11:08 Uhr | Sport
Vor den Olympischen Spielen Debatten um Doping in Russland

Der IOC-Vorstand diskutiert, inwiefern russische Athleten von Olympia in Rio ausgeschlossen werden sollen. IOC-Präsident Thomas Bach hatte am Montag verlauten lassen, nach den Ergebnissen des jüngsten Reportes der Welt-Antidopingagentur in Sachen Belege systematischen Dopings in Russland verspreche er die denkbar härtesten Sanktionen. Mehr

20.07.2016, 15:36 Uhr | Sport
Putschversuch Oettinger sieht keine Aussicht auf baldige Visafreiheit für Türkei

In diesem Jahr wird es angesichts der Krise in der Türkei laut dem deutschen EU-Kommissar keine Visaerleichterungen für das Land geben. Es sehe nicht danach aus, als würde Präsident Erdogan der EU entgegenkommen. Mehr

19.07.2016, 03:42 Uhr | Aktuell
Projekt in Albanien Staudamm gefährdet einzigartige Flusslandschaft

Der Fluss Vjosa durchquert Albanien auf dem Weg von seiner Quelle in Griechenland bis zur Mündung in die Adria. Das glasklare Gewässer gehört zu den letzten unberührten Wasserläufen Europas, doch die Regierung in Tirana plant einen Staudamm, um den wachsenden Energiehunger des Landes zu stillen. Die Menschen in dem Dorf Kut sehen dadurch die Grundlage ihrer Existenz gefährdet. Mehr

21.07.2016, 02:00 Uhr | Wirtschaft
Repressionen in Russland Putins kalte Flamme

Putin möchte von seinen Untertanen gefürchtet werden, und sie liefert ihm die Instrumente dazu: Die Abgeordnete Irina Jarowaja sorgt für den gesetzlichen Rahmen der staatlichen Repressalien. Mehr Von Kerstin Holm

21.07.2016, 11:27 Uhr | Feuilleton

Frankfurter Träume

Von Gerald Braunberger

Frankfurt braucht Realismus: London ist eine globale Finanzmetropole und wird es bleiben. Das hat nicht nur historische Gründe. Mehr 10

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden