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Schiefergas Fracking gegen Putin

Schiefergas könnte Europa auf viele Jahrzehnte unabhängig vom russischen Import machen. Kippt der politische Widerstand gegen die umstrittene Fördermethode wegen der Krim-Krise?

© AFP Vergrößern Fracking in Kalifornien – im dichtbesiedelten Europa gäbe es größere Probleme

„Fracking hätte schon vor drei Jahren diskutiert werden müssen“, findet Peter Ramsauer (CSU), der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses im Bundestag. „Den Deutschen geht es zu gut“, glaubt EU-Energiekommissar Günther Oettinger (CDU) und kritisiert den Widerstand gegen das Fracking „aus emotionalen Gründen“. Die Krim-Krise hat Europa schlagartig vor Augen geführt, wie abhängig es von den Erdgaslieferungen aus Putins Russland ist – und schon kocht auch die Debatte um das Schiefergas-Fracking wieder hoch. Dabei werden große Mengen eines Gemischs aus Wasser, Sand und Chemikalien in das Bohrloch gepresst, um Risse in unterirdische Gesteinsschichten zu sprengen. Zuvor unerreichbare Erdgasvorkommen können so ausgebeutet werden.

Bisher blockieren die meisten Regierungen in Europa aus Umweltschutzgründen die Fördermethode. Gegner befürchten unter anderem, der Chemiecocktail könnte das Grundwasser vergiften. Aber kann es sich die Europäische Union auf Dauer leisten, den vermuteten Energieschatz zu ignorieren? Bevor sich Russland im März die Krim-Halbinsel einverleibte, war die Antwort eindeutig: Fracking sei „eine Technologie mit erheblichem Risikopotential“, deren Umweltauswirkungen bisher „nicht ausreichend geklärt“ seien, heißt es im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung, der gerade mal vier Monate alt ist.

Das unpopuläre Thema wurde auf die lange Bank geschoben. Aber gilt das auch noch, nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vergangene Woche unter dem Eindruck der Krim-Krise „eine neue Betrachtung der gesamten Energiepolitik“ angekündigt hat?

Infografik / Der Schiefergasschatz © F.A.Z. Vergrößern Der Schiefergasschatz

Klar ist, dass die Abhängigkeit Europas vor allem von den Erdgasimporten Russlands bedenklich steigen wird, wenn nichts geschieht. Schon heute deckt die EU mehr als 60 Prozent ihres Gasverbrauchs durch Import. Weil die eigene Förderung schrumpft und der Verbrauch wächst, werde der Anteil der Einfuhr bis zum Jahr 2035 auf mehr als 80 Prozent klettern, erwartet die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris. Russland ist mit einem Drittel der Importe mit Abstand wichtiger Gaslieferant der EU – und die Krim-Krise hat die Risiken dieser Abhängigkeit gezeigt: Die Wahrscheinlichkeit, dass es durch die Wirren in der Ukraine zu Pipelineschließungen nach Europa komme, sei „immer noch gering, aber es ist jetzt ein mögliches Szenario geworden“, kommentierten kürzlich die Energieanalysten der amerikanischen Großbank Citigroup. So sehen das viele Fachleute.

Kann das Schiefergas Europa aus der Energiefalle retten? Befürworter verweisen auf die Vereinigten Staaten: Dort hat die Fracking-Förderung binnen weniger Jahre zu einer Angebotsschwemme geführt. Experten prognostizieren, Nordamerika werde schon bald unabhängig von Erdgaseinfuhren sein. Auch in Europa werden große Lagerstätten vermutet, aber der Unsicherheitsfaktor dieser Schätzungen ist bisher groß. Es wären zahlreiche Probebohrungen nötig, um sie zu verifizieren. Als die gründlichsten Prognosen gelten in Fachkreisen die Studien der amerikanischen Energiebehörde EIA. Die taxierte Europas Schiefergaslagerstätten vergangenen Sommer auf rund 13 Billionen Kubikmeter. Mehr als die Hälfte davon dürften in Polen und Frankreich lagern.

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Es sind verlockende Zahlenspiele: Beim heutigen Verbrauch würde das vermutete Schiefergas ausreichen, um den kompletten Erdgasbedarf in der EU für gut drei Jahrzehnte zu decken. Auf Importe aus Russland auf dem heutigen Niveau könnte Europa sogar für ein ganzes Jahrhundert verzichten. Auch Deutschlands Position könnte sich dramatisch verbessern: Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe taxiert die Schiefergasvorkommen hierzulande auf bis zu 2,3 Billionen Kubikmeter. Rechnerisch würde das reichen, um die heutigen Einfuhren aus Russland für 77 Jahre durch eigenes Gas zu ersetzen. Allerdings beziehen sich die Schätzungen auf die technisch förderbaren Vorkommen. Ob die Ausbeutung zu wirtschaftlich tragbaren Kosten möglich wäre, ist damit nicht gesagt.

In der Krim-Krise hilft das Schiefergas Europa nicht weiter. „Es würde mindestens fünf Jahre dauern, um die europäische Förderung in Gang zu bringen“, erwartet Jan Stuart, Chefanalyst der Großbank Credit Suisse für den Energiesektor – wenn denn der politische Wille und die gesellschaftliche Akzeptanz da wären. Bisher aber forcieren nur Polen, Rumänien und Großbritannien die Jagd nach dem Gas. Ein zentrales Problem der Förderung spielt in der Debatte bisher kaum eine Rolle: „Sie brauchen bei der Fracking-Förderung zwischen zehn- und hundertmal so viele Bohrlöcher wie bei konventionellen Erdgasvorkommen“, sagt der Geologe und frühere Shell-Chairman Ron Oxbburgh. Jede Bohrung verursacht aber Baustellenverkehr, macht Lärm und erschüttert den Boden. In den Weiten der amerikanischen Prärie mag das kein Problem sein – im dichtbesiedelten Europa könnte es zu einem Hindernis werden.

Wegen der vielen Bohrungen steigt auch die Zahl der Betriebsunfälle. Britische und amerikanische Wissenschaftler weisen in einem gerade erschienen Aufsatz im Fachblatt „Marine and Petroleum Geology“ darauf hin, dass es allein in der Marcellus-Lagerstätte im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania binnen acht Jahren in mehr als 500 Fällen zu Beschädigungen am Bohrloch kam. „Die Vielzahl der Bohrungen ist sicherlich ein Problem bei der Schiefergasförderung“, sagt der Energiewirtschafts-Professor Richard Davies von der Universität im britischen Durham, der zu den Autoren der Studie zählt. Auch diesseits des Atlantiks müssten wohl ganze Wälder von Bohrtürmen hochgezogen werden: Fast 70000 Fracking-Bohrungen seien nötig, um Europas Schiefergas abzuzapfen, prognostizierte kürzlich der Internationale Verband der Öl- und Gasindustrie.

Quelle: F.A.Z.

 
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