http://www.faz.net/-gqe-755ib
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 18.12.2012, 10:54 Uhr

„Schattenbericht“ „Armut verfestigt sich“

Wer arm ist, bekomme in Deutschland immer weniger Chancen, seiner Armut zu entfliehen: Die Nationale Armutskonferenz fordert flächendeckende Mindestlöhne und gesetzliche Mindestrenten.

© dpa Das Risiko, arm zu werden ist größer als gedacht, schreibt der Bericht der Armutskonferenz

Wer arm ist, bekommt in Deutschland immer weniger Chancen, seiner Armut zu entfliehen. Seit einigen Jahren gebe es hierzulande die Tendenz, nach der sich Armut verfestige. Das geht aus dem Bericht der Nationalen Armutskonferenz (NAK) hervor, eines Zusammenschlusses sozial engagierter Gruppierungen, darunter der Caritasverband, das Rote Kreuz, der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Freie Wohlfahrtspflege.

Mit ihrem eigenen „Schattenbericht“ kommentiert die NAK den jeweils aktuellen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Die vierte Ausgabe dieser Analyse könnte noch in dieser Woche vom Kabinett verabschiedet werden. Die NAK fordert beispielsweise, in Deutschland flächendeckende gesetzliche Mindestlöhne einzuführen. „Mini-Löhne heute führen zu Mini-Renten morgen“, erklärte die NAK.

Gesetzliche Mindestrente

Außerdem verlangt sie: „Sozialversicherte, existenzsichernde Erwerbsarbeit im ersten und zweiten Arbeitsmarkt muss mit einem bundesweit bedarfsgerechten Ausbau von Betreuungsangeboten einhergehen.“ Erziehungs- und Pflegezeiten sowie Phasen der Erwerbslosigkeit müssten für die Rente „beitragsfähig“ gestaltet werden. Letztendlich schütze nur eine gesetzliche Mindestrente effektiv vor Altersarmut.

Mehr zum Thema

Zugleich kritisierten die Autoren des Berichts, dass die Politik die Chancen für einen Aufstieg überbewerte. Kleingeredet werde dagegen das Risiko zu verarmen. Auch das Auseinanderdriften von Arm und Reich werde in der Bundesregierung infrage gestellt.

Eine Frage der Definition

In der gesamten Armuts- und Reichtumsdebatte ist immer von zentraler Bedeutung, wie Armut konkret definiert wird. In der Praxis werden dafür verschiedene Ansätze verwendet. Die Vereinten Nationen und die Weltbank beispielsweise kategorisieren einen Menschen als arm, wenn er weniger als 1,25 Dollar am Tag zur Verfügung hat.

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden, Eurostat und die OECD definieren Personen als arm, deren monatliches Nettoeinkommen weniger als 60 Prozent des nationalen Durchschnitts beträgt - für Singles in Deutschland liegt diese Schwelle derzeit beispielsweise bei 952 Euro im Monat.

Wissenschaftlicher Beirat: Altersarmut ist kein generelles Problem

Altersarmut ist in Deutschland nach Einschätzung von anderen Fachleuten kein generelles gesellschaftliches Problem. Armutsgefährdet sei eher die junge Generation, lautet das Fazit des am Dienstag in Berlin vorgestellten Gutachtens des unabhängigen wissenschaftlichen Beirats beim
Bundeswirtschaftsministerium.

Danach seien „unzureichende Erwerbsbiografien“ eine Gefahr, im späteren Alter in die Armut zu rutschen. Deshalb seien Maßnahmen wie Qualifizierung und Integration in den Arbeitsmarkt am ehesten geeignet, „die Altersarmut an der Wurzel zu packen“.

Auch spricht sich der Beirat in seinem Gutachten gegen gesetzliche Zusatzrenten aus. Die meisten derzeit diskutierten Vorschläge würden vor allem die Beitragszahler und die Steuerzahler belasten. Außerdem lehnen die Experten eine stärkere Anerkennung von Erziehungszeiten, von Zeiten der Erwerbsminderung oder der Arbeitslosigkeit ab.

Quelle: FAZ.NET/dpa/AP

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Die Vermögensfrage Früher in den Ruhestand ohne Rentenminderung

Ausgleichszahlungen können Rentenabschlägen entgegenwirken. Doch genutzt haben sie 2014 lediglich 967 Arbeitnehmer. Dabei können sie durchaus lukrativ sein. Mehr Von Barbara Brandstetter

20.08.2016, 15:38 Uhr | Finanzen
Essen Gabriel hält Rente mit 69 für bekloppte Idee

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat sich bei seiner Sommerreise in Essen gegen den Vorschlag der Bundesbank ausgesprochen, das Renteneintrittsalter auf 69 Jahre zu erhöhen. Mehr

21.08.2016, 18:53 Uhr | Politik
Flüchtlinge Was wir Migranten schulden - und was nicht

Die Flüchtlingsfrage spaltet die Deutschen, sie spaltet Europa. Nun, da sich mit sinkender Flüchtlingszahl die Emotionen etwas gelegt haben, ist eine Inventur der Argumente angebracht, um die gesellschaftliche Atmosphäre etwas zu entgiften. Mehr Von Professor Dr. Richard Schröder

19.08.2016, 11:14 Uhr | Politik
Zur Rente in die Sonne Nobeldorf für Briten an der Algarve

Im Süden Portugals ist es wärmer als in England, die Lebenshaltungskosten sind niedriger – darum ziehen immer mehr britische Rentner an die Algarve, um ihren Lebensabend hier zu verbringen. Das portugiesische Nobeldorf Monte da Palhagueira in der Nähe von Faro bietet den Ruheständlern von der Insel neben Villen auch medizinische Versorgung, und das alles auf Englisch. Mehr

23.08.2016, 11:42 Uhr | Reise
Immobilien Obergrenze für Hauskredite

Das Eigenheim komplett kreditfinanziert – das könnte bald vorbei sein. Die Regierung will mit einem Gesetz gegen Risiken aus Immobilienblasen vorgehen. Mehr Von Christian Siedenbiedel und Hendrik Wieduwilt

19.08.2016, 08:06 Uhr | Wirtschaft

Steuerwahlkampf

Von Holger Steltzner

Der deutsche Staat erzielt einen satten Haushaltsüberschuss. Vielleicht lautet der nächste Wahlkampfschlager ja wieder Steuersenkung. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden