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Sanktionen gegen Russland : Die Fußball-WM 2018 wegnehmen?

Michael Fuchs, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union, hat die Frage aufgeworfen Bild: Pein, Andreas

Erste Politiker erwägen die Absage der WM, um Putins Ukraine-Politik zu strafen. Gesucht werden Sanktionen, die weh tun, ohne die deutsche Wirtschaft zu treffen. Doch sie müssen Teil einer Gesamtstrategie sein.

          Die Tonlage in der Debatte um angemessene Reaktionen auf das russische Vorgehen auf der Krim wird schriller. Wirtschaftsexperten streiten, ob Deutschland und die EU sich Sanktionen angesichts der wechselseitigen Verflechtungen überhaupt leisten können und welchen Preis man dafür zu zahlen bereit sei. Erstmals wird in Berlin auch in Frage gestellt, ob Russland noch der richtige Ort für die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 sei. „Ob es vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse wirklich angemessen ist, in vier Jahren eine Fußball-Weltmeisterschaft in Russland auszurichten, das kann man durchaus in Frage stellen“, sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union Michael Fuchs (CDU) dieser Zeitung am Freitag. Wirtschaftsvertreter wiesen darauf hin, dass die russische Elite und nicht zuletzt Präsident Wladimir Putin selbst sehr an solchen Prestigeprojekten hingen. Die bis zu 50 Milliarden Euro teure Winterolympiade sei Beleg dafür. Das gelte auch für das sehr große Finanzengagement des staatlichen Energiekonzerns Gasprom als offizieller Partner des europäischen Fußballwettbewerbs Champions League.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Solche „weichen Sanktionen“ dürften nicht für sich stehen, sagte Fuchs. Sie müssten Teil eines breiter angelegten Vorgehens sein. Dazu gehöre, die Abhängigkeit von Öl- und Gaslieferungen aus Russland zu überdenken. Laut Bundesregierung stammten zuletzt 35 Prozent des deutschen Verbrauchs aus Russland. „Ich halte es für angebracht, das sich die deutsche Wirtschaft mehr um alternative Bezugsquellen für Gas und Öl kümmert“, sagte Fuchs. Das sei von langfristiger Bedeutung. Denn damit würden Deutschland und Europa weniger erpressbar. Er verwies auf alternative Bezugsquellen am Kaspischen Meer, in Nordafrika oder durch Tanker, die verflüssigtes Gas aus Südamerika, der Arabischen Halbinsel oder aus Amerika nach Europa brächten. Als Unternehmer habe er immer darauf geachtet, sich nie in die Abhängigkeit großer Lieferanten oder Kunden zu begeben.

          Strafen gegen Vertraute des Präsidenten

          An diese wechselseitige Abhängigkeit erinnerte der Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Deutschland könne sich „eine solche Sanktionspolitik gar nicht leisten, weil wir im Zuge der Energiewende zunehmend auf russische Gaslieferungen angewiesen sind“, sagte er der „Passauer Neuen Presse“.

          In Wirtschaftskreisen, die einer kritiklosen Unterstützung regenerativer Energien unverdächtig sind, wurde das als überspitzt zurückgewiesen. Einerseits seien die Gasimporte über einen längeren Verlauf betrachtet eher stabil. Auch stünden viele Gaskraftwerke still, weil sie ihre Kosten nicht verdienten und ihr Betrieb teurer sei als der von Kohlekraftwerken. Grund ist, dass die Flut von Ökostrom den Börsenpreis für Elektrizität auf Tiefstwerte drückt. Insofern ziehe das Argument, der Ökostromausbau reduziere die Abhängigkeit von Energieimporten, wenn auch zu hohen Kosten.

          Die EU-Staats- und -Regierungschefs hatten vereinbart, Gespräche mit Russland über Visa-Erleichterungen auf Eis zu legen. Reiseverbote, Kontensperrungen und zur Not Wirtschaftssanktionen könnten hinzukommen, sollten die diplomatischen Bemühungen um eine Beilegung der Krise ohne Erfolg bleiben. Frankreich drohte mit Strafen gegen Vertraute des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

          Mit Sanktionen schneidet man sich immer ins eigene Fleisch

          Grundsätzlich gegen Wirtschaftssanktionen sprach sich der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Marin Wansleben, aus. Er wies aber darauf hin, dass es eine breite Schicht in Russland gebe, die „wie wir“ ein großes Interesse an einer engen Kooperation habe. „Viele Russen haben inzwischen in Westeuropa Häuser und schicken auch ihre Kinder hierhin auf Schulen und Universitäten.“

          Deutschland ist neben China der größte Handelspartner Russlands. Auto- und Landmaschinenhersteller setzen dort große Teile der Produktion ab. Auch für die Lebensmittelwirtschaft ist das Land ein attraktiver Markt, ebenso für Baustoffhersteller und Handelskonzerne. Auch andere Staaten sind eng mit Russland verwoben: In London haben viele reiche Russen einen Wohnsitz, am dortigen Finanzplatz wickeln sie ihre Geldtransaktionen ab.

          Nichts von wechselseitigen Sanktionen hält der Osteuropa-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Ewald Böhlke. Moderne Nationen zeichneten sich durch eine starke Vernetzung aus. Mit Sanktionen schneide man sich immer in das eigene Fleisch. Wer über Sanktionen rede, müsse immer den Satz mitdenken: „Wie viel bin ich bereit, dafür zu zahlen?“ Stark treffen könne man Russland mit einem Lieferboykott für Technik in der Öl- und Gasindustrie, sagte Böhlke. Europa müsse aber auch damit rechnen, dass sich das Land mit seinen großen Gas- und Ölvorräten dann stärker asiatischen Märkten zuwende.

          Quelle: F.A.Z.

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