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Sachsen-Anhalt „In sechs Jahren wird es brutal“

05.08.2010 ·  Sachsen-Anhalt will sich mit düsteren Prognosen nicht abfinden. Die Regierung wirbt zuversichtlich um Abwanderer, Akademiker und Unternehmer. Ein Gespräch mit Kultusministerin Birgitta Wolff und Wirtschaftsminister Reiner Haseloff.

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Können Sie jungen Menschen noch guten Gewissens empfehlen, ihre Zukunft in Sachsen-Anhalt zu planen?

Haseloff: Aber ja. Die Region wird oft unterschätzt. Wir haben die stärkste Wirtschaft im Osten, und unsere Infrastruktur ist gut genug, um Horrorszenarien zu vermeiden. Das wissen aber wenige. Viele denken, hier gibt es nur Steppe. Sicherlich haben wir Regionen mit Problemen, aber die gibt es anderswo auch. Und wir haben die beste Kleinkinderbetreuung der Welt. Frau Wolff ist ja auch aus Georgetown hergekommen ...

Waren die Alternativen so schlecht?

Wolff: Im Gegenteil, ich habe Rufe aus Wien und Münster abgelehnt. Ich kannte Magdeburg schon aus einer Lehrstuhlvertretung und fand die Arbeitsbedingungen hier richtig gut.

Was ist besser als im Westen?

Wolff: Sachsen-Anhalt ist ein Turn-around-Kandidat. Jeder weiß, wir müssen was tun. Es gibt nicht gleich tausend Gründe, warum eine Idee nicht geht, sondern es heißt "machen Sie mal". Mit Masterplänen "von oben" würgt man gute Ansätze oft nur ab. Man muss schauen, wo etwas läuft, und dann überlegen, ob man gute Beispiele herausstellen und kopieren kann.

Wollen Sie uns etwa sagen, dass Sie gar kein Standortproblem haben?

Haseloff: Nein. So eine abrupte demographische Veränderung mit der Halbierung der Jahrgänge gab es außer im Dreißigjährigen Krieg noch nie. Das weiß man schon lange, aber viele haben es verdrängt. Ich sage den Arbeitgebern: Noch haben wir ausreichend Arbeitskräfte, es gibt noch mehr als 7000 Ingenieurstudenten. Wenn aber 80 Prozent der Elektrotechnik- und Maschinenbauabsolventen in den Westen gehen und ihr auf euren Stellen sitzenbleibt, dann ist das ein Vermittlungsproblem.

Warum gehen junge Leute?

Haseloff: Konzerne im Westen entfalten die größere Sogwirkung, gegen Marken wie Daimler oder Siemens kommen unsere Start-ups nicht an. Wir bilden somit die Elite für den Westen aus. Eigentlich brutal wird es dann in etwa sechs Jahren, wenn wir auch die Reserve nicht mehr haben. Derzeit kann ich noch sagen: Greift zu, formal sind die Leute da.

Wolff: Ein anderes Problem ist die Bezahlung. Wenn ich Absolventen zu Arbeitgebern geschickt habe, kamen die zurück und sagten: Toller Laden, nette Leute, aber die Bezahlung ist ein Witz. Die Unternehmer regten sich auf über Gehaltsforderungen von 35 000 Euro, weil ihr Meister nach 25 Jahren weniger als 2500 Euro im Monat verdiente.

Haseloff: Bei Tariflöhnen haben wir 80 Prozent vom Westniveau erreicht, bei den Reallöhnen etwa 75 Prozent und bei den Akademikern rund 70 Prozent. Aber der Aufholprozess stagniert.

Dafür lebt es sich hier doch günstiger...

Wolff: Ja, man zahlt etwa für Theaterkarten weniger, Mieten sind niedriger.

Sie versuchen es auch mit Stipendienprogrammen. Mit mäßigem Erfolg.

Haseloff: Obwohl die Studenten bis zu 600 Euro im Monat bekommen und viele Stipendien sogar mit Übernahmegarantien ausgestattet sind, kriegen wir nicht alle Plätze besetzt. Die jungen Leute kennen ihren Marktwert und wollen keine Bindung eingehen, weil sie wissen, dass sie gut unterkommen werden.

Dann bleiben nur höhere Löhne.

Haseloff: Die sind nicht beliebig zahlbar. Unser Strukturproblem zwanzig Jahre nach der Wende besteht in der Unternehmensgröße: 90 Prozent der 59 000 Firmen haben höchstens 20 Mitarbeiter.

Wolff: Ich würde nicht nur vom Geld reden, sondern von attraktiveren Jobs.

Was heißt denn "attraktiv"?

Haseloff: Schnelle Karrieren zum Beispiel. Viele Gründer aus der Zeit nach der Wende sind heute über sechzig Jahre alt und haben in der Familie keine Nachfolger, so dass ein Absolvent relativ schnell zum geschäftsführenden Gesellschafter werden kann.

Wie kann man innerhalb der kommenden sechs Jahre noch gegensteuern?

Wolff: An verschiedenen Punkten der Bildungsskala ansetzen. Dieses Jahr haben 240 junge Leute in einem Sonderprogramm den Hauptschulabschluss gemacht, die das normalerweise nicht geschafft hätten. Außerdem arbeiten wir länderübergreifend an einem Mitteldeutschen Abitur, um bei Pisa noch weiter vorne mitzuspielen. Zudem fördern wir Entrepreneurship. Es gibt zwei Netzwerke für Ausgründungen aus Hochschulen, und wir machen schon in Grundschulen Kinder spielerisch mit dem Gedanken vertraut, dass jemand später mal Arbeitsplätze schaffen muss - und sie das auch selbst sein könnten.

Haseloff: Zudem haben wir als Pflicht für alle Sekundar- und Hauptschüler das Programm Brafo eingeführt, in dem alle Schüler mit vier regionalen Berufsbildern in Kontakt kommen. Durch bessere Berufswahlvorbereitung in den Schulen wollen wir die hohe Abbrecherquote unter Azubis von 23 Prozent senken.

Damit werden Sie aber noch nicht Ihr Fachkräfteproblem lösen.

Haseloff: Zu all dem haben wir 21 000 Fernpendler angeschrieben, ob sie nicht in Sachsen-Anhalt arbeiten wollen. 1300 haben wir nach einem Jahr schon zurück vermittelt. Außerdem sind laut Umfragen 60 Prozent der Weggezogenen prinzipiell rückkehrbereit. Um die werden wir uns jetzt bemühen. Und bei Älteren zwischen 60 und 65 Jahren haben wir noch 30 Prozent Erwerbsbeteiligung, da ist noch viel Potential.

Haben die Arbeitgeber den Ernst der Lage noch nicht erkannt?

Haseloff: Natürlich spüren es die Unternehmer, wenn früher auf drei Ausbildungsstellen 60 bis 80 Bewerbungen kamen und jetzt nur noch zehn. Heute haben wir Geburtenjahrgänge von 16 000, 1990 waren es 32 000. Davon geht rund die Hälfte aufs Gymnasium. Also bleiben optimistisch gerechnet 8000 Kandidaten. In diesem Jahr hatten wir 11 500 betriebliche Ausbildungsplätze. Da fehlt rein mathematisch ein Drittel.

Und wenn die Lücke bleibt?

Haseloff: Natürlich müssen wir unsere Volkswirtschaft nicht innerhalb von 14 Tagen dichtmachen. Aber der potentielle Mangel limitiert die Wachstumsmöglichkeiten der Unternehmen und damit auch den Angleichungsprozess an den Westen. In drei Jahren läuft die EU-Förderung aus und 2019 der Solidarpakt. Bis dahin muss unsere Volkswirtschaft selbsttragend sein. Das werden wir trotz aller Probleme auch schaffen.

Das Gespräch führten Holger Appel und Sven Astheimer.

Quelle: F.A.Z.
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