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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rohstoffe Weder Erden, noch selten

 ·  China und der Westen streiten über die Seltenen Erden. Am Wochenende hat sich gar die amerikanische Außenministerin Clinton deshalb mit den Chinesen auseinandergesetzt. Aber wie abhängig sind die Firmen hierzulande wirklich?

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Rare Earth hieß die Rockband, die 1969 „I‘m Losing You“ sang. Der Songtitel passt zu den aktuellen Klageliedern aus der Industrie über die Verknappung der Seltenen Erden. „Die Lage ist sehr ernst“, sagt der Unternehmer Ulrich Grillo, Vorsitzender des rohstoffpolitischen Ausschusses des deutschen Industrieverbands BDI. Sogar die Existenz einiger Unternehmen sei gefährdet. Die Seltenen Erden machen zwar nur einen Promilleanteil am Rohstoffeinsatz für Industrieprodukte wie Elektroautos, Windkraftrotoren oder Mobiltelefone aus, sind aber essentiell. Die gute Nachricht aber ist, dass Seltene Erden gar nicht selten sind. Es wird nur noch eine gewisse Zeit dauern, bis sie auch jenseits von China wieder in relevanten Mengen abgebaut werden.

Seltene Erden – also die chemische Gruppe der Lanthanoide – haben auch nichts mit Erde zu tun, sondern sind Metalle, die wiederum geologisch eine Massenware sind. Doch viele Vorkommen blieben in den vergangenen Jahren unangetastet, da China dank niedriger Arbeitskosten, Umwelt- und Arbeitsschutzstandards konkurrenzlos günstig abbauen konnte. Nun aber, da Peking die Exporte des Seltene-Erden-Konzentrats mit dem Namen „Mischmetal“ seit Jahren und 2010 sogar um rund 40 Prozent kürzt, ist der Aufschrei groß. Industrieunternehmen fühlen sich erpresst, Produktionsstandorte nach China zu verlagern. Die chinesische Regierung beteuert jedoch, ihre Macht nicht als Druckmittel einsetzen zu wollen.

Wichtig für Herstellung von Magneten, Batterien, Katalysatoren

Nach eigenem Bekunden will das Land auch weiterhin den Weltmarkt mit den für die Hightech-Branche wichtigen Rohstoffen bedienen. Bei einem Treffen mit der amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton sagte ihr chinesischer Kollege Yang Jiechi am Samstag in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi zu, die Metalle auch weiter zu liefern. Doch so recht traut die westliche Welt den Bekundungen offenbar nicht. Ungeachtet dessen wollen sich die Vereinigten Staaten, Japan, Europa und andere Verbündete nach den Worten Clintons nach Alternativen umschauen.

Seltene-Erden-Metalle wie Scandium, Lanthan, Yttrium oder Neodymoxid gelten wegen ihrer elektrischen und magnetischen Eigenschaften als unentbehrlich für die Herstellung von Starkmagneten, Batterien, Lasergeräten, Katalysatoren, Flachbildschirmen oder Windkraftanlagen. Derzeit fördert China mehr als 95 Prozent der auf der ganzen Welt abgebauten 124.000 Tonnen. Nun blicken also plötzlich deutsche wie amerikanische Unternehmer erschrocken auf ihre totale Abhängigkeit von China. Die Unternehmen sind daran aber nicht ganz unschuldig: Sie kauften lange Zeit Rohstoffe nur dort, wo sie günstig waren, verfolgten aber keine langfristige Strategie.

„Wenn man aus der Kirche rauskommt, ist man immer schlauer“

In Japan, dem China zuletzt angeblich keine Seltenen Erden mehr lieferte, hat sich das schon geändert. Von dort aus erschließen nun die Unternehmen Toyota Tsusho und Sumitomo zusammen mit Partnerunternehmen Vorkommen in Vietnam und Kasachstan. Als eine Folge des Engpasses dürfte auch die deutsche Industrie sich künftig verstärkt um Beteiligungen an der Förderung bemühen. „Wenn man aus der Kirche rauskommt, ist man immer schlauer“, sagt der BDI-Ausschussvorsitzende Grillo über die kurzfristig orientierte Rohstoffpolitik der deutschen Unternehmen. „Aus heutiger Sicht war es vielleicht ein Fehler, aus damaligerSicht war es richtig.“

In spätestens fünf Jahren dürfte sich die Knappheit an Seltenen Erden wieder legen. „Die Position Chinas als führender Rohstofflieferant wird übertrieben dargestellt“, sagt Jens Gutzmer, Professor für Lagerstättenforschung an der TU Bergakademie Freiberg. „Sie basiert nicht auf einem außergewöhnlichen Reichtum an Bodenschätzen, sondern wesentlich auf niedrigen Lohnkosten und geringen Umweltschutzkosten in China, sowie dem politisch-strategischen Willen der Regierung heimische Rohstoffe zu nutzen.“ An der kurzfristigen Abhängigkeit ändert das nichts. Von der Entdeckung einer Lagerstätte bis zur Ausbeutung der Seltenen Erdene vergingen mindestens fünf Jahre, sagt Gutzmer.

In der kalifornischen Mountain Pass Mine soll bald wieder gefördert werden

Die Entwicklung in den Vereinigten Staaten war musterhaft für die Industrieländer. Während 1990 noch mehr als ein Drittel der Weltförderung Seltener Erden in Amerika stattfand, wird dort seit 2001 gar nicht mehr gefördert. Auch Schwierigkeiten mit Umweltbehörden trugen dazu bei. Zugleich vervierfachte sich die Importmenge. Nach Daten der Behörde U.S. Geological Survey verfügen die Vereinigten Staaten noch heute über rund 13 Prozent der Weltreserven, China über gut ein Drittel. In der kalifornischen Mountain Pass Mine solle bald wieder gefördert werden, kündigte der amerikanische Konzern Molycorp an, der größte westliche Förderer Seltener Erden. Bis Ende 2012 sollten dort 20.000 Tonnen „Mischmetal“ im Jahr gewonnen werden, etwa ein Sechstel der globalen Produktion.

Auch in anderen Erdteilen erwägen Bergbaukonzerne neue Förderungen. Lynas will in Australien schon im kommenden Jahr wieder fördern, der Konzern Avalon Rare Metals einige Jahre später in Kanada. Selbst in Deutschland könnte ein kleineres, zugleich aber das angeblich einzige Vorkommen in Mitteleuropa, künftig wirtschaftlich ausgebeutet werden: Im sächsischen Ort Storkwitz lagern in 170 bis 900 Metern Tiefe angeblich 41 600 Tonnen Seltene-Erden-Metalle, darunter Neodym. Die Deutsche Rohstoff AG mit Sitz in Heidelberg verhandelt mit einem internationalen Bergbau-Unternehmen über gemeinsame Tiefbohrungen. Ein Industrieunternehmen habe sich schon das Abnahmerecht gesichert, sagt Vorstand Titus Gebel. Im kommenden Jahr werde eine Entscheidung fallen, frühestens 2013 könnten die Erden ausgeliefert werden. Sollte es in Sachsen nicht dazu kommen, dann vielleicht im Süden Grönlands. „Dann wäre das Problem der Wirtschaft gelöst“, sagt Mineraloge Gutzmer. Auf der russischen Kola-Halbinsel soll ein großes Vorkommen im Boden lagern, auch Indien will wieder einsteigen: Die Nachrichtenagentur Reuters meldete in dieser Woche, in Orissa solle eine Förderung von immerhin 5000 Tonnen im Jahr wieder aufgenommen werden. Im Jahr 2004 habe Indien die Förderung Seltener Erden eingestellt.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft.

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