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Robert Habeck : Der Verführer

Die große Hoffnung der Grünen? Robert Habeck Bild: EPA

Die Grünen befinden sich in einer Sinnkrise. Die Umfragewerte fallen ins Bodenlose. Robert Habeck ist die letzte Hoffnung der Partei. In der Not verbündet er sich sogar mit der FDP.

          Na klar, bei Robert Habeck müssen auch schnöde Koalitionsverhandlungen noch irgendwie cool sein. Am frühen Dienstagabend stand er auf dem Weg zum Landesparteitag im Stau, und weil er deshalb zum Auftakt nicht dabei sein konnte, twitterte er halt ein bisschen. „Wie gesagt, der Weg nach #Jamaika ist beschwerlich“, schrieb er. „Vollsperrung A7. #waitinginvain.“ Vergebens warten: Das war mal ein Song, in dem der rastalockige Reggae-König Bob Marley vor vierzig Jahren eine vergebliche Liebe besang. Und Marley stammte bekanntlich von der Insel, deren Fahne in den Farben Schwarz, Grün und Gelb gehalten ist.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vergebens war das Warten dann doch nicht. Mit 112 gegen 14 Stimmen entschieden sich die Delegierten der Grünen, als Habeck endlich angekommen war, für Koalitionsgespräche mit den Schwarzen und Gelben von CDU und FDP, sprich: Jamaika. Schon in drei Wochen, so wünschen es die Verhandler, soll eine Vereinbarung stehen. Und der grüne Zampano aus dem Norden ist nun auf der großen politischen Bühne zurück. Denn „Jamaika“, das gilt in Zeiten schwächelnder Volksparteien und immer bunterer Parlamente auch als Option für den Bund.

          Am nächsten Mittag sitzt Habeck hinter dem Kieler Landeshaus am Wasser, in einem Café mit Blick auf die andere Seite der Förde, wo er aufgewachsen ist. Er kommt gerade von der Auftaktrunde der Koalitionsgespräche. Nur eine Dreiviertelstunde saß er mit dem FDP-Promi Wolfgang Kubicki, dem weithin unbekannten CDU-Wahlsieger Daniel Günther und der restlichen Delegation beisammen, dann waren die Arbeitsgruppen eingesetzt. In drei Wochen will man fertig sein.

          Habeck hält den Ball flach

          Habeck hält den Ball flach, das muss er ja: kein Wunschbündnis, Verantwortung fürs Land, was man so sagt. Die neue Lage ist nicht ungefährlich für das Image eines Politikers, der stets über die grünen Lagerkämpfe erhaben schien, auf den sich deshalb so viele Hoffnungen projizierten. Aber er genießt es, dass er zurück ist im Spiel. Im Februar war sein Versuch, als Spitzenkandidat der Grünen in den Bundestagswahlkampf zu ziehen, am Votum der Basis knapp gescheitert. Jetzt schauen wieder alle auf ihn und den ersten Versuch einer Jamaika-Koalition (nach einem kurzlebigen und sehr speziellen Bündnis im Saarland vor ein paar Jahren). Mit Kubicki ist ein weiterer schillernder Polit-Promi dabei, mit ähnlichem Selbstbewusstsein, das macht die Sache nur besser. Die beiden sollen FDP und Grüne versöhnen, die beiden Lieblingsfeinde der deutschen Politik.

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          An den Inhalten wird es nicht scheitern, dafür ist das Interesse aller Beteiligten an dem Modell zu groß. Die Grünen werden den weiteren Ausbau der Windkraft bekommen, die Freien Demokraten im Gegenzug eine Kostenbremse. Die beiden kleinen Parteien werden Bekenntnisse zu Integration und Bürgerrechten durchsetzen, die CDU mehr Stellen für die Polizei. In einem ersten Kompromisspapier ist das alles schon vorgezeichnet. Das, was man in übersichtlicheren Zeiten mal die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie genannt hat.

          Es hat viel mit der Person Robert Habeck zu tun, dass das so geräuschlos funktioniert. Er verführte zuletzt schon die bundespolitische Szene und lockt jetzt die eigene Basis ins neue Bündnis. Geschickt hat der 47-Jährige es verstanden, das Image des Außenseiters zu pflegen, dem Ämter eigentlich egal sind und der gar nicht zur politischen Elite zählt – obwohl er seit gut zwölf Jahren die Leitfigur der schleswig-holsteinischen Grünen ist, seit fünf Jahren Umweltminister und seit gefühlten Ewigkeiten eine wichtige Stimme in der Bundespartei.

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