24.09.2008 · Immer häufiger wünschen sich Paare Kinder, aber bekommen keine - meist weil vor dem Kinderwunsch die Karriere kam und die Frau zu alt geworden ist. Wer dennoch ein Baby will, ist oft bereit, viel Geld dafür zu zahlen. Davon lebt die neue Befruchtungs-Industrie. Ein Baby kostet 15.000 Euro.
Von Mathias PeerEs waren fragwürdige Experimente, mit denen Robert Edwards den Grundstein für ein Geschäft legte, das bis dahin der Natur vorbehalten war. Im Reagenzglas versuchte er Eizellen zu befruchten, die ein befreundeter Gynäkologe unbemerkt seinen Patientinnen entnommen hatte. Die ersten Versuche missglückten. Erst 1978 gelang ihm die medizinische Sensation: Das erste Kind, das nicht im Bett, sondern in der Petrischale gezeugt worden war, kam zur Welt. Robert Edwards sorgte mit seiner Forschung weltweit für Aufsehen. Dennoch meinten Mediziner, die In-vitro-Fertilisation, also die Befruchtung im Reagenzglas, werde ein Nischenphänomen bleiben, das nur in Einzelfällen zum Einsatz kommen werde. Sie hatten sich gründlich geirrt.
Die Nachwuchshoffnungen kinderloser Paare sind heute - dreißig Jahre später - zu einem milliardenschweren Geschäft geworden. Weltweit werden jeden Tag rund 2000 Eizellen künstlich befruchtet. 200 000 Retortenbabys erblicken pro Jahr das Licht der Welt. Schon über dreieinhalb Millionen von ihnen wurden geboren. Aus Robert Edwards anrüchigen Experimenten ist eine Fruchtbarkeitsindustrie geworden, die weltweit rund sieben Milliarden Euro im Jahr umsetzt - mit Fruchtbarkeitshormonen aus der Apotheke und künstlicher Befruchtung in der Klinik. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr rund 60 000 künstliche Befruchtungen. Für die Fortpflanzungsindustrie bedeutet das 200 Millionen Euro Umsatz. „Keiner von uns hatte sich damals eine derart rasante Entwicklung vorstellen können“, sagt der Gynäkologe Stefan Palm, der in den achtziger Jahren als einer der ersten deutschen Ärzte künstliche Befruchtungen anbot.
„Sobald eine Frau über 30 ist, nimmt die Fruchtbarkeit ab“
Die Lebensplanung junger Paare lässt die Babymacher auf weiter wachsende Geschäfte hoffen. Für viele gilt heute: erst die Karriere, dann das Kind. Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung entscheiden sich die Paare fünf Jahre später als noch in den sechziger Jahren für Nachwuchs. Für viele Frauen ist es dann aber zu spät - biologisch gesehen. Wenn sie noch ein eigenes Kind wollen, müssen sie nachhelfen. „Sobald eine Frau über 30 ist, nimmt die Fruchtbarkeit Jahr für Jahr stetig ab“, sagt der Essener Reproduktionsmediziner Thomas Katzorke. 1,4 Millionen Deutsche sind nach einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung ungewollt kinderlos. An ihnen verdient die Befruchtungsbranche gut.
Ein großer Teil der Einnahmen geht an Pharmaunternehmen. Sie produzieren Hormone, die die Eierstöcke zu Höchstleistungen stimulieren sollen. Der amerikanische Marktforscher Kalorama schätzt, dass weltweit jährlich Hormone im Wert von einer Milliarde Euro verkauft werden. In Deutschland lag der Gesamtumsatz mit Fruchtbarkeitshormonen im vergangenen Jahr bei 64 Millionen Euro. Das Schweizer Biotechnologieunternehmen Serono, das zum deutschen Merck-Konzern gehört, ist Marktführer der Branche. Seit 1995 hat es den Kassenschlager Gonal-F im Angebot, ein Hormonpräparat, das in über 100 Ländern zugelassen ist. Es beschert dem Unternehmen allein mehr als 400 Millionen Euro Umsatz pro Jahr.
„In jedem Jahr kamen mehr Patienten“
Den ärztlichen Teil der Fortpflanzungshilfe erledigen in Deutschland 120 Kliniken, die sich meist freundlich „Kinderwunschzentren“ nennen. Thomas Katzorke betreibt in Essen eines der ältesten und größten dieser Zentren. Von den rund 150.000 Kindern, die in Deutschland durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden, entstand jedes zehnte in seiner Praxis. „Wir machen das seit Anfang der achtziger Jahre“, sagt er. „In jedem Jahr kamen mehr Patienten.“
Die steigende Nachfrage hat die Zahl der Spezialkliniken schnell wachsen lassen. Mitte der neunziger Jahre gab es erst halb so viele wie heute (siehe Grafik). Einige der Zentren sind an Universitätskliniken angegliedert, die meisten allerdings werden von den Ärzten selbst geführt.
Ihr Geschäft hängt nicht nur daran, wie viele Paare sich ein Kind wünschen. Wichtig ist auch, was und wie viel die Krankenkassen erstatten. Das hat sich geändert. Jahrelang hatten die gesetzlichen Kassen die Kosten für vier Befruchtungsversuche voll ersetzt. Doch im Jahr 2004 strichen sie ihren Anteil auf die Hälfte der Kosten von maximal drei Behandlungen. Die andere Hälfte müssen die Paare, die sich ein Kind wünschen, nun selbst bezahlen. Das ist eine teure Angelegenheit. Rund 3000 Euro kostet eine klassische künstliche Befruchtung pro Versuch. Aber nur jede fünfte Behandlung ist erfolgreich. Die Paare müssen also im Schnitt 15.000 Euro bezahlen, damit tatsächlich ein Kind auf die Welt kommt. Nur 4500 Euro bekommen sie von ihrer Kasse wieder. Und eine Garantie gibt es nicht: 60 Prozent aller Paare beenden nach drei Versuchen die Therapie, ohne ein Kind zu bekommen.
Der Befruchtungstourismus boomt
Viele Paare können oder wollen sich das nicht leisten. Seit 2004 bleiben den deutschen Kliniken deshalb die Kunden weg. Die Einnahmen halbierten sich. Die Reproduktionsmediziner erzeugten 10.000 Babys weniger in der Petrischale als noch im Jahr zuvor. Die Krankenkassen sparten rund 100 Millionen Euro jährlich.
Weil der Kinderwunsch aber nicht kleiner geworden ist, gehen immer mehr Paare ins Ausland. Dort ist es nicht nur billiger. Dort sind auch die Gesetze weniger streng. Vieles, was medizinisch möglich ist, ist in Deutschland verboten. Dazu gehört etwa die Eizellenspende oder die sogenannte Präimplantationsdiagnostik, mit der Embryonen auf Krankheiten untersucht werden, bevor sie der Arzt in die Gebärmutter einsetzt. In vielen Nachbarländern ist das erlaubt.
Genaue Zahlen über den Befruchtungstourismus gibt es nicht. Doch allein in den Kliniken des österreichischen Arztes Herbert Zech haben sich im vergangenen Jahr über 3000 Deutsche befruchten lassen. Zech hat rund um Deutschland ein kleines Fortpflanzungsimperium geschaffen. Neben Kliniken in Österreich, Italien und der Schweiz betreibt er auch zwei Filialen in Tschechien, die sich ganz auf die Bedürfnisse deutscher Kinderloser spezialisiert haben.
„Unsere Kundschaft besteht dort so gut wie ausschließlich aus deutschen Paaren“, sagt Zech. Auch die Mitarbeiter in den Kliniken sprechen Deutsch. „Für die Patienten ist alles wie zu Hause“, behauptet er. Nur dass dort zum Beispiel auch Frauen weit über 40 noch schwanger werden können - dank der Eizellenspenden von 600 Damen aus seiner Kartei. Zechs Geschäft mit den deutschen Kinderlosen läuft gut. Zweistellige Millionenbeträge setzt er um, und sein Klinikimperium wächst um 10 bis 15 Prozent pro Jahr.
Auch die spanische Klinikkette Instituto Valenciano de Infertilidad freut sich über rund 500 deutsche Kunden jährlich. Ärzte aus Polen, Rumänien oder Bulgarien locken unterdessen mit Billigbehandlungen, die zwei Drittel weniger kosten als in Deutschland.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |