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Resistente Keime : Vorsicht vor dem Hunde!

Vorsicht, Keimgefahr: Auch im Freien und im Haus gehaltene Tiere können resistente Keime in sich tragen, wenn sie oft zum Tierarzt gehen. Bild: dpa

Gegen Antibiotika resistente Keime gefährden die Gesundheit. Ein Teil kommt aus der Landwirtschaft, mehr aus Kliniken. Und die Haustiere?

          Viele Patienten fürchten multiresistente Krankenhauskeime – aus gutem Grund, denn laut Schätzungen der EU sterben jährlich mehr als 25000 Menschen infolge einer Infektion. Die Resistenzen führen dazu, dass die Keime sich nicht mehr oder erschwert mit einer Vergabe üblicher Antibiotika bekämpfen lassen. Ein Teil dieser Keime entsteht in der Landwirtschaft, weil Landwirte kranke Tiere antibiotisch behandeln. Wie groß der Anteil resistenter Keime aus der Tierhaltung ist, zeigen am Montag veröffentlichte neueste Daten des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Ein Ergebnis lautet: Haustiere (und zwar Hunde) tragen relativ mehr resistente Keime in und an sich als Masthähnchen.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Insgesamt gibt es keinen Grund zur Entwarnung. „In der Human- wie der Veterinärmedizin hat die unkritische Verschreibung von Antibiotika zur verstärkten Bildung von Resistenzen geführt“, schlussfolgert das BVL, „so dass bei einem echten Krankheitsfall die Antibiotika nicht mehr wirken.“ Der Bericht enthält detaillierte Zahlen für insgesamt 24 Wirkstoffe und mehrere Tierarten auf Basis von 2438 Stichproben.

          Die Resistenzproblematik ist vor allem für (Coli-)Bakterien, die Durchfallerkrankungen verursachen, festzustellen, weit seltener für Atemwegsinfektionen. Resistente Coli sind am häufigsten bei Kälbern und Ferkeln vorzufinden. Oft haben hier mehr als 70 Prozent der Keime (Fachabkürzungen: MRSA oder ESBL) Resistenzen entwickelt. MRSA sind häufig gegen mehrere Antibiotika resistent. Meist, zeigt die Studie, gibt es gegen einen Wirkstoff eine stark erhöhte Resistenzbildung mit Anteilen resistenter Bakterienstämme von bis zu 100 Prozent, während zwischen null und etwa 10 bis 20 Prozent der Keime gegen andere Wirkstoffe resistent sind.

          Infektionsgefahr für Verbraucher gering

          Das Thema der Resistenzen ist komplex und für Laien schwer durchschaubar. Die „Keime aus dem Stall“ sind gleichwohl oder gerade deshalb zu einem politischen Kernthema geworden, wenn es um die Notwendigkeit einer Agrarwende geht, wie sie vor allem die Grünen fordern. Hubert Weiger, der Vorsitzende der Umweltvereins BUND, sprach etwa von einem erschreckenden Ausmaß der „Kontamination von Lebensmitteln mit diesen Risikokeimen“ und „Kollateralschäden der industriellen Tierhaltung“. Der BUND hat sich offenbar auf die Agrarindustrie als Hauptschuldigen festgelegt.

          Ohne die Risiken abzustreiten, zeichnen Wissenschaftler ein differenzierteres Bild. Denn die Keime entstehen überall dort, wo Antibiotika vergeben werden – in Krankenhäusern, Tierarztpraxen, Tierställen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wies erst kürzlich darauf hin, dass 95 Prozent der MRSA-Bakterien in der Humanmedizin und weniger als fünf Prozent in der Tierhaltung entstanden seien. MRSA seien einfacher, ESBL schwieriger dem Entstehungsort zuzuordnen.

          Dass sich Verbraucher infizieren, hält das BfR für unwahrscheinlich und die Gefahr im Infektionsfall relativ gering. Es gebe kaum Hinweise auf Übertragungen, meinen die Wissenschaftler – und hinreichend wirksame Antibiotika. Am höchsten ist das Infektionsrisiko für Landwirte und Tierärzte, die direkten Tierkontakt haben. Der Übertragungsweg vom Fleisch – etwa über eine offene Wunde – gilt als unwahrscheinlich.

          MRSA häufiger bei Hunden als bei Nutzgeflügel

          Doch die Verbraucher sind beunruhigt. Mehr als die Hälfte der Bürger, die von dem Thema schon einmal gehört hatten, sind besorgt und halten die Landwirtschaft für den Hauptverursacher, wie kürzlich eine Umfrage für das BfR ergab. Vor allem der Geflügelmast wird großes Gefährdungspotential nachgesagt, so auch in der jüngsten Pressemeldung des BUND zum Thema. Die neuen Zahlen des BVL legen nahe, dass Gefahr aber auch vom Haustier ausgeht. MRSA (Methicillin-resistente Staphylokokken) sind demnach am häufigsten bei Hunden gefunden worden (55 Prozent der untersuchten Proben enthielten MRSA), am seltensten überraschenderweise beim Nutzgeflügel (14 Prozent).

          Antibiotikaresistente Keime werden in Sachen zum Problem: In der Landesuntersuchungsanstalt werden Proben getestet.

          Hier ist das Bild differenziert: In der Putenhaltung werden überdurchschnittlich viele Mittel gegeben, und es gibt eine größere Resistenzproblematik als in Hähnchenställen. Gerade in der Putenmast ist es so, dass die Landwirte wenig stabile Rassen verwenden, die schnell wachsen, aber dafür weniger robust gegen Infektionen sind. Relativ wenige MRSA/ESBL wurden bei Milchkühen gefunden, sehr viele unter Kälbern.

          Aus den Auswertungen der amtlichen Daten durch des BfR geht hervor, dass in den letzten drei Jahren der Aufzeichnungen die Antibiotikavergabe in Tierställen um 15 Prozent zurückging. Sie stieg jedoch leicht in der Gruppe der neueren Cephalosporine. ESBL-enzymbildende Keime, die dagegen resistent sind, sind nach Ansicht von Medizinern eine größere Gefahr als MRSA. Gerade diesbezüglich warnt der neue Bericht des BVL vor „vereinzelten“ Resistenzen – auch bei Hunden: „Insgesamt ist hier auch bei den Heimtieren ein Trend nach oben zu beobachten.“

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