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Veröffentlicht: 10.07.2017, 12:38 Uhr

Resignation in Italien Das europäische Krisenland 2018

Italien fehlen die Zutaten für einen Aufschwung. Dauerwahlkampf und riesige Alltagsprobleme blockieren das Land. Nächstes Jahr wird es eng.

von , Rom
© plainpicture/mia takahara Die Krisen nagen an Italiens Substanz.

Kaum eine Woche vergeht, in der Italien nicht Negativschlagzeilen produziert: marode Banken, Flüchtlingsleid, politisches Chaos. Die Gegenwart des stolzen Landes ist alles andere als rosig. Und was noch schlimmer ist: Italien ist auf dem besten Weg, zum europäischen Krisenland des Jahres 2018 zu werden. Unter den europäischen Teilnehmern am G-20-Gipfel ist Italien das Land mit den schlechtesten Wachstumsaussichten. Dafür ist die Schuldenquote die zweithöchste aller Teilnehmer nach Japan. Doch solche internationalen Vergleiche, vor allem die mit ungünstigen Ergebnissen für Italien, gehören nicht zur römischen Politik.

Tobias Piller Folgen:

In Rom dreht sich dagegen alles um politische Taktik, welche die Protagonisten für den Moment gut dastehen lässt, es geht um die Aufmerksamkeit der Zuschauer in unzähligen Fernsehdiskussionen oder um die Gunst der Internetgemeinde. Selbst die aktuelle Flüchtlingskrise mit 80.000 Ankömmlingen seit Jahresbeginn bringt keine Sachdiskussionen um die Lösung, sondern nur möglichst knackige Deklamationen für die Fernsehkameras. „Die Gründe für diese perversen Abkommen, denen zufolge alle Migranten in Italien anlanden, müssen in irgendwelchen obskuren Absprachen der Regierung Renzi liegen“, sagt Renato Brunetta, Silvio Berlusconis Fraktionsvorsitzender. Der Le-Pen-Bewunderer und Parteichef der rechten Lega, Matteo Salvini, findet nur kurz: „Italien wird gerade ein enormes Flüchtlingslager.“

Nur 40 Prozent des üblichen Durchschnitts

Rund um die Flüchtlingsströme gibt es viele Probleme zu lösen. Denn Italien war jahrelang daran gewöhnt, die Ankommenden einfach in Richtung Österreich und Deutschland weiterzuschicken. Nun werden die Flüchtlinge bei der Ankunft registriert und müssen bleiben. Doch 5300 der 8000 Bürgermeister wollen keine kommunalen Flüchtlingsheime. Daher fließt der Großteil der 4,5 Milliarden Euro für die Unterbringung der Migranten und Flüchtlinge an teils fragwürdige Kooperativen, von denen so manche nur schnelles Geld machen wollen. Die Probleme sind lange bekannt, aber von flächendeckenden Qualitätskontrollen ist Italien immer weit entfernt. Noch immer. Viel einfacher ist es, jeden Tag darüber zu klagen, dass Italien von Europa alleingelassen werde, weil Österreich, Deutschland und die osteuropäischen Staaten nicht einfach Migranten und Flüchtlinge abnehmen.

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Die Notlage bei der Aufnahme und Betreuung von Flüchtlingen ist nur eines der großen Probleme im Land. Sie konkurriert mit vielen Nöten des Alltags. In kurzen Abständen kommt immer ein neuer Aufreger auf die Tagesordnung, und oft sind die akuten Probleme alte Bekannte. Gerade erlebt Italien eine Hitzewelle und stellt erst jetzt fest, dass die Regenmenge 2017 nur 40 Prozent des üblichen Durchschnitts betragen hat. Die Reisernte in der Poebene ist in Gefahr, schon jetzt sind große Teile der Maisernte verloren. Einzelne Regionalpräsidenten verlangen, den Notstand auszurufen, um staatliche Entschädigungszahlungen zu erhalten. Langfristige Investitionen in eine wassersparende Landwirtschaft? Lassen auf sich warten.

Traditionelle Probleme, gemischt mit ein paar bösen Überraschungen

Die Wassernot betrifft in diesem Jahr aber auch italienische Bürger, die solche Situationen nicht gewöhnt sind. Dass im Zentrum von Sizilien Städte mit 100.000 Einwohnern im Sommer nur alle zwei bis drei Tage Wasser bekommen, ist normal. Aber nun wird Wasser auch im Hinterland von Neapel rationiert und mit Tankwagen in einige Dörfer gebracht. Die Nachrichten vom knappen Wasser werden – wieder einmal – von den Daten über die Wasserverluste wegen löchriger Leitungen begleitet: In Rom versickern nach Angaben des Statistikamts 43 Prozent des Leitungswassers, in Palermo 45 Prozent, in Florenz 46 Prozent, im Landesdurchschnitt etwas weniger als 40 Prozent. Der Präsident der Region Latium, Nicola Zingaretti, schimpft: „Es geht nicht, dass die Trockenheit jedes Jahr für einige Städte und Viertel zum Problem bei der Wasserversorgung wird.“

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