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Energiewende : So viele neue Windräder wie noch nie

  • -Aktualisiert am

Windräder in Klanxbüll (Schleswig-Holstein) Bild: dpa

Windanlagen-Bauer haben alle Hände voll zu tun: In diesem Jahr dürften quer durch die Republik mehr Turbinen aufgestellt werden als jemals zuvor.

          140 Meter weit reichen die Türme moderner Windturbinen an Land heute schon empor, mit Rotor kommt die Anlage auf eine Höhe von 200 Metern. Und die Auftragsbücher der Turbinenbauer sind voll, weil in diesem Jahr besonders viele neue Windparks errichtet werden. Fachleute sprechen von erheblichen Vorzieheffekten, auch weil die Vergütung insbesondere an windreichen Standorten durch die jüngste Novelle des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) kräftig gesenkt wird; Schätzungen zufolge um rund 25 Prozent. Windschwächere Standorte erhalten dagegen weiterhin eine ähnliche Einspeisevergütung wie bisher.

          Die lange Debatte um die EEG-Reform hat nun für einen Bauboom gesorgt. Schon zum Halbjahr wurden in Deutschland 650 neue Windräder mit einer Gesamtkapazität von 1723 Megawatt errichtet, während geschätzte gut 100 alte Anlagen mit zusammen 64 Megawatt abgebaut wurden. Für das Gesamtjahr erwarten die Windenergieverbände einen weiteren kräftigen Schub, erwartet wird schlussendlich ein Rekordzubau zwischen 3300 und 3700 Megawatt.

          Bayern will ausscheren

          „Das ist sicher ein untypisches Jahr“, kommentierte Lars Bondo Krogsgaard, Vorstandsmitglied des Fachverbands Power Systems im Maschinenbauverband VDMA. Denn nicht nur die Gesetzesdebatte hat dafür gesorgt, dass sich möglichst viele Windparkbetreiber noch die alte Vergütung sichern wollen. Auch der Vorstoß aus Bayern, dass die Länder künftig die Abstandsregeln für Windturbinen eigenständig regeln dürfen, hat die Verunsicherung geschürt. Denn Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer will eine neue Berechnungsformel einführen, die den Abstand von Windrädern zu Baugebieten von derzeit rund 800 bis 1000 Meter auf dann wenigstens 2000 Meter erhöhen würde.

          Damit aber würden sich in Bayern die für Windkraft verfügbaren Flächen „auf einen Schlag auf nahe null“ reduzieren“, warnt der Bundesverband Windenergie (BWE). Das dürfte vielen Kommunen, die schon mit den künftigen Einnahmen aus der Windenergie gerechnet haben, nicht schmecken, hofft der BWE-Präsident Hermann Albers. „Horst Seehofer wird viele unangenehme Gespräche mit Bürgermeistern vor sich haben“, sagte er. Aber ob der bayerische Ministerpräsident sich davon beeindrucken lassen wird, sei völlig offen.

          Der BWE ruft die Länder jedenfalls auf, die bisherigen Abstandsregeln zu belassen, um den Ausbau der Windenergie weiter voranzubringen. Anlagen mit einer Gesamtkapazität von knapp 35.400 Megawatt stehen bereits an Land, ihr Anteil an der gesamten Stromerzeugung soll bis zum Jahresende bis zu 10 Prozent erreichen. Enttäuschend verläuft der Ausbau aus Sicht des BWE jedoch ausgerechnet in Baden-Württemberg, wo der Grüne Winfried Kretschmann Ministerpräsident ist. Lediglich 3 Megawatt wurden dort im ersten Halbjahr neu errichtet. „Baden-Württemberg muss den Ausgleich zwischen Naturschutz und Energiewende neu definieren“, forderte Albers.

          Vorzieheffekte wird es nach Ansicht der Verbandsvertreter aber auch im nächsten Jahr wieder geben. Denn schon für 2017 ist die nächste große Veränderung geplant, dann muss die Vergütung des Windstroms per Ausschreibung ermittelt werden. Weil dies neue Verunsicherung mit sich bringt, werden auch im kommenden Jahr viele Parkbetreiber aufs Gas drücken – und der Zubau von 2500 Megawatt wohl erreicht, vermutete Krogsgaard, der auch Vorstandsmitglied des Turbinenherstellers Nordex ist. „Das wäre dann im längerfristigen Vergleich immer noch ein gutes Jahr“, sagte er.

          Allerdings fürchtet die Windenergiebranche, dass diese Ausschreibungsmodelle mit zu heißer Nadel gestrickt sein könnten, weil die zugehörigen Pilotversuche nur mit Photovoltaik-Anlagen gemacht werden. Diese hätten aber einen viel kürzeren Planungsvorlauf als Windparks, warnte Krogsgaard. Es drohe die Gefahr, dass es in der Windindustrie zu heftigen jährlichen Schwankungen kommen könnte.

          Insgesamt bezeichneten beide Verbände die nun beschlossene EEG-Reform als vernünftigen Kompromiss – allerdings sieht der BWE eine unerwünschte Nebenwirkung. Durch die Absenkung der Vergütung an den guten Standorten, also etwa an der Küste, werde es weniger lohnend, alte Anlagen dort durch neue, größere zu ersetzen, warnte Albers. Zumal die Banken künftig einen höheren Anteil an Eigenkapital von den Windparkbetreibern einfordern werden. Beim derzeitig niedrigen Zinsniveau könne sich der Austausch immer noch rechnen, aber sollten die Fremdkapitalzinsen zum Beispiel um 1 Prozentpunkt steigen, werde es eng, kalkulierte er. „Und dann werden die alten, leistungsschwachen Anlagen einfach weiter betrieben.“

          Quelle: F.A.Z.

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