Das reiche China geht im gebeutelten Westen shoppen. Wegen der Krise fallen die Preise für Unternehmen und Bodenschätze, gleichzeitig hat die chinesische Landeswährung, der Renminbi (Yuan), kräftig an Wert gewonnen. Lange galten die Begehrlichkeiten vor allem Afrika und Lateinamerika. Seit aber die Industrieländer für jede Investition aus dem Ausland dankbar sind, decken sich die Asiaten bevorzugt in Nordamerika und Europa ein. Das belegt eine neue Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PwC). Besonders begehrt sind Mittelständler aus Deutschland, denn deren Innovationsfähigkeit , Qualitätsstandards und Markenimage gelten als vorbildlich und nachahmenswert.
„Hidden Champions“ sind begehrt
Am liebsten sind den Chinesen „Hidden Champions“, kleine Unternehmen, die in Nischenmärkten ganz vorn mitmischen. So wie die Kion GmbH in Wiesbaden. Das Unternehmen ist der zweitgrößte Gabelstaplerhersteller der Welt hinter Toyota Industries. Es verdichten sich die Hinweise, dass der Schwermaschinenhersteller Shandong Heavy Industry bei Kion einsteigen will - und zwar für den höchsten Preis, der je für eine chinesische Beteiligung in Deutschland gezahlt worden ist. Die Rede ist von 700 bis 800 Millionen Euro. Die bisher teuerste Übernahme liegt erst wenige Monate zurück. Zum März hatte der Schwermaschinenhersteller Sany Heavy Industry aus der Zentralprovinz Hunan für 324 Millionen Euro 90 Prozent an dem schwäbischen Betonpumpenhersteller – und Weltmarktführer – Putzmeister übernommen.
Der Vorstoß aus Shandong reiht sich ein in eine immer länger werdende Liste chinesischer Beteiligungen in Deutschland. So gingen kürzlich die angeschlagenen Photovoltaikunternehmen Sunways und Solibro an Bieter aus der Volksrepublik. Zuvor hatte Lenovo aus Peking den Computerhersteller und Aldi-Lieferanten Medion aus Essen geschluckt.
Yuan im Aufwind
Insgesamt dürfte PwC zufolge 2012 das Jahr mit den meisten Zukäufen in aller Welt durch fernöstliche Investoren werden. Im ersten Halbjahr habe das Volumen der angekündigten Beteiligungen und Übernahmen 23,9 Milliarden Dollar betragen, heißt es in der Studie. Das sei dreimal so viel gewesen wie im Vorjahreszeitraum.
Die schwache Konjunktur in Europa und den Vereinigten Staaten drücke die Rohstoffpreise und die Marktbewertung vieler Unternehmen, sagt der zuständige Leiter des Chinageschäfts von PwC, Jens-Peter Otto. „Für chinesische Investoren hat das günstige Kaufgelegenheiten eröffnet.“
Die Chinesen profitieren zudem davon, dass ihr Renminbi (Yuan) stark aufgewertet hat, vor allem gegenüber dem Euro. Seit Anfang 2011 betrug der Wertanstieg mehr als 10 Prozent, seit Anfang 2010 fast 20 Prozent. Beim Dollar waren es 4 und 7 Prozent.
Kaufargument „Made in Germany“
Für Neuansiedlungen und Erweiterungen bevorzugen die Chinesen Deutschland. Nach Auskunft der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing GTAI wählten sie im vergangenen Jahr für knapp jedes fünfte dieser Vorhaben die Bundesrepublik. „Daran kann man ablesen, dass Deutschland für chinesische Investoren der beliebteste Standort der Welt geworden ist“, sagt die zuständige GTAI-Mitarbeiterin Cao Yi.
Im Bestand der Investitionen rangiere China mit 775 Millionen Euro zwar nur auf Platz 27. Aber das Interesse aus Fernost nehme zu. Im vergangenen Jahr zählte die GTAI 158 neue Projekte in Deutschland, nach 126 zuvor und 84 im Jahr 2009. Als Hauptgründe nennt Cao die Größe und zentraleuropäische Lage des deutschen Markts, die Facharbeiter und Ingenieure, den Ruf von „Made in Germany“ sowie die Fördermöglichkeiten in Ostdeutschland.
Weniger Beteiligungen und Übernahmen in China selbst
Bei den Fusionen und Übernahmen unter chinesischer Führung, die PWC in aller Welt gemessen hat, betrafen 44 Prozent die Energie- und Rohstoffwirtschaft, beim Transaktionsvolumen waren es fast 70 Prozent. Festzustellen sei ein verstärktes Interesse an höherwertiger Technik und an Patenten, um sie für den Heimatmarkt zu sichern, hieß es. Die Entwicklung werde sich noch ausweiten, da chinesische Finanzgesellschaften immer mehr Geld zur Verfügung stellten.
Hauptzielmärkte waren im ersten Halbjahr Europa und Nordamerika. Als größte Transaktion galt der Kauf der amerikanischen AMC-Kinokette durch Wanda für 2,6 Milliarden Dollar. Die Akquisition der Haushaltsgerätesparte von Sanyo in Asien durch Haier für 100 Millionen Dollar zeige ebenfalls, dass mit mehr multinationalen Konzernen aus Fernost zu rechnen sei.
In China selbst gingen die Beteiligungen und Übernahmen hingegen deutlich zurück. Das galt für ausländische wie für inländische strategische Investoren. Sowohl die Zahl der Verträge als auch deren Wert ging um mehr als ein Viertel auf 1340 Abschlüsse mit einem Volumen von 45,6 Milliarden Dollar zurück. PWC vermutet dahinter „taktische Gründe“: Die Geldgeber warteten ab, da das verlangsamte Wachstum in China die Kaufpreise drücke.
Deutlich profitabler als Kion
Was das aktuelle Interesse von Shandong Heavy Industry an Kion angeht, so sind beide Akteure einflussreiche Gesellschaften. Aber der potentielle Käufer macht mehr als doppelt so viel Umsatz wie das Zielobjekt – und ist deutlich proftitabler. Kion mit seinen Hauptmarken Linde und Still erwirtschaftete 2011 einen Umsatz von rund 4,4 Milliarden Euro. Dabei fiel jedoch ein Verlust von 93 Millionen Euro an. Shandong Heavy Industry erlöste 2010 rund 10 Milliarden Euro, der Überschuss erreichte etwa 1,4 Milliarden Euro.
Kion gehört dem Finanzhaus Goldman Sachs sowie der britischen Beteiligungsgesellschaft Kohlberg Kravis Roberts KKR. Damit die Asiaten einsteigen können, ist angeblich eine Kapitalerhöhung geplant, nach welcher die Chinesen ein Viertel der Anteile hielten. Sie wollen Kion dem Vernehmen nach den Weg in ihre Heimat ebnen, den größten Schwermaschinen- und Gabelstaplermarkt der Welt.
Begehrtes Kapital
Das Geld ist den Wiesbadenern willkommen. Sie stehen im kommenden Jahr offenbar vor einer wichtigen Umschuldungsrunde. Dabei ist ein möglicher Börsengang noch nicht vom Tisch. Kion ist in China nicht unerfahren, 2009 gründeten es nahe Schanghai ein Gemeinschaftsunternehmen, die Kion Baoli Co.
Shandong Heavy Industry ist ein staatlich dominiertes Unternehmenskonglomerat. Es wurde 2009 von Weichai Power Co., Shandong Engineering Machinery Group Co. und Shandong Automobile Industry Group in Jinan in der gleichnamigen Provinz Shandong südlich von Peking gegründet. Die Gruppe besteht aus sechs Zweigen, die – ähnlich wie Sany – vor allem Bau- und andere Schwermaschinen herstellen.
Bis 2015 will man die Erlöse von 81 auf 200 Milliarden Yuan und bis 2020 auf mehr als 300 Milliarden Yuan (38 Milliarden Euro) steigern, heißt es. Man beschäftige rund 58.000 Mitarbeiter. Es ist das erklärte Ziel, sich zu einem der 500 größten Konzerne der Welt zu entwickeln. Dazu könnte der Kauf von Kion einen kleinen, aber prestigeträchtigen Beitrag leisten.
Einen weiteren hatten sich die Chinesen schon zu Jahresbeginn gesichert. Da kündigte das Unternehmen an, für 178 Millionen Euro den größten Luxusjachthersteller der Welt zu kaufen, die italienische Ferretti-Gruppe.
China geht shoppen
Anton Pongratz (ajp3803)
- 26.08.2012, 19:39 Uhr
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Wolfgang Töpler (pragmaticus)
- 26.08.2012, 17:48 Uhr
letztendlich ...
Frank Geiser (geiser123)
- 26.08.2012, 16:08 Uhr
