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Reise Wir Billigflieger

 ·  Billig fliegen ist wie eine Droge, der immer mehr Deutsche verfallen. Dabei stellt sich die Frage: Ist es eine soziale Errungenschaft, Menschen Fernreisen zu ermöglichen, die sie sich sonst nicht hätten leisten können? Auf jeden Fall scheint beim Reisen die Begeisterung für den Klimaschutz aufzuhören, meint Brigitte Scherer.

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Eine halbe Million Flüge für fünf Euro bei TUIfly, zweihunderttausend Tickets zum Preis von neun Euro bei Germanwings, mit Ryanair innerhalb Europas gratis fliegen und über den Atlantik nach New York demnächst für zehn Euro – da darf man nicht nein sagen, da muss man sich einfach geschlagen geben.

Nicht mehr die Reiseveranstalter, die auf ihren Pauschalangeboten selbst jetzt im Hochsommer sitzenbleiben, sondern die Billigflieger brillieren als Heilsbringer und Verführer. Dort, wo sie landen, blühen Provinzstädte touristisch auf. Sogar Bremen sonnt sich in einer Sonderkonjunktur dank der Ryanair-Flüge aus Oslo, Riga und London. Die Billigfliegerei lässt auch den Medizintourismus florieren, Urlaub in Ungarn einschließlich Zahnimplantaten kommt günstiger als die Behandlung ohne Urlaub daheim.

Zahl der deutschen Flugpassagiere verdoppelt

Klassische Ziele aus den Fünfzigern, der Gardasee oder die italienische Adria, erleben dank Discounttickets ein Comeback, sogar die elegante Côte d’Azur profitiert davon. Und dass der Großflughafenbetreiber Fraport gerade ein Rekordergebnis annoncieren konnte, hat er auch Billigfliegern zu verdanken.

In den vergangenen sechs Jahren hat sich die Zahl der deutschen Flugpassagiere verdoppelt, fast jeder Dritte unternahm 2006 eine Flugreise. Ein Großteil dieses Zuwachses ist auf neue Billigfluglinien zurückzuführen. Jeder fünfte Flug in Deutschland wird heute in diesem Segment gebucht. In Skandinavien umfasst das Reich der Discountflieger sogar schon knapp die Hälfte aller Flugurlauber. Doch das ist nicht alles. In kürzester Zeit haben die Billigflieger den Reisemarkt durcheinandergewirbelt, technikferne Bürger ans Buchen im Internet gewöhnt – inzwischen wird jede vierte Reise so gekauft – und der klassischen Pauschalreise Wasser abgegraben.

Billig fliegen ist mittlerweile wie eine Droge

Längst komplettieren Fluggesellschaften die Online-Buchung eines Tickets mit Angeboten für Mietwagen und Hotel, mit Restaurant-Tipps und Ausflugsideen. Der mühsam von der Politik mit dem „Reiseveranstaltergesetz“ erzwungene Rechtsschutz der Veranstalterreise interessiert immer weniger Urlauber – zu attraktiv ist die Ramschware des Luftverkehrs.

Billig fliegen, das ist wie eine Droge. Als der Brite Freddie Laker in den siebziger Jahren mit seinem Skytrain Passagiere für 59 Pfund zwischen London und New York hin- und hertransportierte, wurde er als Volksheld gefeiert und 1978 von der Queen geadelt. Fast wäre es ihm gelungen, die erste weltumspannende Billigfluglinie zu etablieren. Dann betrat die texanische Provinzfluglinie Southwest die Luftverkehrsbühne, bis heute Vorbild aller Billigflieger. Southwest verpflichtete den Passagier, sich beim Einsteigen wie an der Käsetheke im Supermarkt eine Sitzplatznummer zu ziehen und den Pappbecher Coke zu bezahlen; nur die „Liebesbissen“ in Form eines Tütchens mit Erdnüssen gab’s gratis.

Gibt es bald Sessel ohne Kopfstützen in Flugzeugen?

Über solche Bräuche an Bord berichtete der feinere Teil der Flugklientel allerdings nicht lange mit Spott. Längst ist der Holzklassepassagier überall daran gewöhnt, dass Butterbrote mitzubringen sind – und er unterwirft sich, sofern der Flug nur billig ist, lustvoll allen Exerzitien. Er zahlt Gebühren für die Nutzung der Kreditkarte, für die Sitzplatzwahl und das Gepäck. Er akzeptiert ein Minimalangebot an Platz.

Einige Fluggesellschaften überlegen, ob sie zur weiteren Minimierung der Kosten künftig Flugzeuge ohne Verdunkelung am Fenster bestellen sollen oder Sessel ohne Kopfstützen, ohne verstellbare Lehne und ohne Zeitschriftentasche. Auch das Verbot, ein Gepäckstück auf die Reise mitzunehmen, wird diskutiert. Für die Benutzung von Kopfhörern, Musikprogramm, Decke oder Kissen an Bord wird schon jetzt Geld genommen.

Binden Flughäfen Linien mit illegalen Subventionen?

Man kann die mitunter skurrilen Begleitumstände der Billigfliegerei als belustigend empfinden, man mag es beklagen, dass in diesem Gewerbe Kleinflughäfen mit Containerhallen dominieren und nicht beeindruckende Kathedralen der Mobilität aus Glas und Stahl. Aber das sind nur Nebeneffekte. Das wirkliche Ärgernis ist ein anderes, und die entscheidende Frage lautet: Ist es eine soziale Errungenschaft, wenn man Menschen, die sonst nicht geflogen wären, für den Gegenwert einer Tafel Schokolade zu einer Reise in einen Ort animiert, den sie nie aufsuchen wollten, und dies mit Steuergeldern für Flughafen- und Straßenbau subventioniert?

Die EU-Kommission verdächtigt seit längerem mehrere deutsche Flughäfen, Fluglinien mit illegalen Subventionen an sich zu binden. Und wie soll man mit dem Umstand umgehen, dass diese Billigstflüge, die ein neues Publikum akquirieren, ja auch die Umwelt unnötig belasten? In Umfragen halten zwar alle Urlauber das Thema Klimaschutz hoch und erklären sich sogar bereit, auf weite Reisen zu verzichten oder einen Extra-Obolus zu entrichten, falls sie doch ein Flugzeug besteigen. Die Wirklichkeit entlarvt diese Aussagen aber als Heuchelei.

Nie war die Klassengesellschaft stärker ausgeprägt

Mit dem Auftritt der Billigflieger senkten auch die etablierten Fluggesellschaften Preise und Komfort. Gleichzeitig errichteten sie für „Premiumpassagiere“ abgeschottete Welten vom Erster-Klasse-Terminal bis zum Flug mit Kleinstjets. Dort muss sich niemand für die Sicherheitskontrolle vor jedem Flug in die würdelosen Prozessionen halbentkleideter Mitmenschen einreihen, die den Plastikbeutel mit Körperpflegemitteln dem Wachpersonal präsentieren, als ginge es zum Hofgang im Gefängnis.

Das Argument, Fliegen sei durch Billigflieger nicht mehr das Privileg der Reichen, ist nicht nur populistisch, sondern falsch. Nie war die Klassengesellschaft beim Fliegen stärker ausgeprägt als heute. Auch das ist Spiegelbild einer Gesellschaft, die statt Qualität Niedrigstpreise fordert und sich damit selbst nach unten nivelliert.

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Jahrgang 1943, freie Autorin im „Reiseblatt“.

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