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Reiche dürfen reich bleiben

02.01.2010 ·  Aber auch eine liberale Welt braucht Umverteilung

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Von Jens Beckert

"Der Sozialismus ist gar nicht so übel", ist eine Provokation. Die letzte Dekade war wie kaum eine andere durch gesellschaftliche Einschüchterung geprägt. Terroranschläge, Finanz- und Wirtschaftskrisen, die Bedrohung von Wohlstand durch wirtschaftliche Globalisierung, bevorstehende Klimakatastrophe. Politische Diskurse in der verängstigten Gesellschaft drehten sich um Antiterrorkampf, Rettungsschirme für sich verzockende Banker, Arbeitsplatzverlust durch Standortverlagerungen und die Durchsetzung von Klimaschutzmaßnahmen, mit denen "das Schlimmste" verhindert werden könnte.

In einer solch eingeschüchterten Atmosphäre ist kein Raum für politische Utopien. Nicht die Frage "Wie wollen wir leben?", sondern die Frage, wie die soziale Ordnung vor immer bedrohlicher erscheinenden Entwicklungen verteidigt werden könnte, hält uns in Atem.

"Der Sozialismus ist gar nicht so übel", setzt hier einen befreienden Kontrapunkt. Es geht um die Frage, ob es nicht eigentlich viel attraktiver wäre, in einer ganz anders geordneten Gesellschaft zu leben: die Organisation der sozialen Beziehung einer Gemeinschaft von Campern als Vorbild für die Organisation der Gesellschaft. Um sich von dieser Metapher angezogen zu fühlen, muss man kein Freund von Campingurlauben sein. Denn es geht um die Normen und Prinzipien der sozialen Organisation selbst: ein radikal umgesetztes Prinzip der Chancengleichheit und die Norm gemeinschaftlicher Solidarität, in der die Wohlfahrt des anderen Teil der Bestimmung des eigenen Handelns ist, weil sie die eigene Wohlfahrt nicht unberührt lässt.

Das Plädoyer für Sozialismus kontrastiert mit der Metapher des Campingplatzes eine durch immer ausgeprägtere soziale Ungleichheit charakterisierte und sich zunehmend entsolidarisierende Gesellschaft mit einem radikalen Gegenmodell. Kaum jemand würde die Wünschbarkeit dieses Modells für die Urlaubsgemeinschaft in Zweifel ziehen. Ist es aber auch als gesellschaftliches Ordnungsmodell wünschbar? Da habe ich Zweifel.

Das Modell der Gerechtigkeit ist mir zu stark an Ergebnisgleichheit orientiert. Zwar lässt die geforderte radikale Umsetzung des Prinzips der Chancengleichheit durchaus soziale Ungleichheit zu. Doch das Gemeinschaftsprinzip als zweites normatives Prinzip verlangt die Korrektur von Ungleichheiten, die durch das unterschiedliche Glück und Fehlentscheidungen der Akteure entstehen. Ist Ergebnisungleichheit aber wirklich ein Problem? Können die Reichen nicht so reich sein, wie sie es sind, wenn nur sichergestellt ist, dass tatsächlich gleiche Chancen bestehen, den Armen durch Umverteilung ein menschenwürdiges Dasein möglich ist und alle Menschen die Voraussetzungen zur Realisierung ihrer "Befähigungen" (Amartya Sen) vorfinden?

Das Prinzip gemeinschaftlicher Gegenseitigkeit ist normativ noch aus einem zweiten Grund nicht überzeugend. Es ist spezifisch antimodern, versteht man unter Modernität eine funktional differenzierte Gesellschaftsordnung, die erst Individualisierung erlaubt. Das Modell "gemeinschaftlichen Lebens" hingegen entspringt den romantischen frühsozialistischen Utopien "versöhnter" sozialer Ordnung. Zerrissen wird diese Utopie nicht nur durch Reichtumsunterschiede, sondern durch unterschiedliche Lebenserfahrungen aufgrund der Ausdifferenzierung von "sozialen Kreisen" (Georg Simmel) - eine Individualisierung von Lebensentwürfen, die wohl kaum jemand missen wollte. Moderne soziale Ordnung ist Gesellschaft, nicht Gemeinschaft.

Schließlich kritisiere ich die Ausblendung der Empirie. Vor hundert Jahren hat der Soziologe Werner Sombart gefragt: "Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus?" Das ist eine sozialwissenschaftliche Frage und keine der politischen Philosophie, die sich mit den normativen Grundlagen von Gerechtigkeit befasst. Beide Fragen sind nicht völlig getrennt voneinander. Denn natürlich beeinflussen die Vorstellungen von Gerechtigkeit das politische Handeln, indem sie diesem normative Maßstäbe vorgeben.

Doch noch so gut gemeinte Prinzipien der sozialen Organisation müssen ihre Tauglichkeit unter Beweis stellen - nicht auf dem Campingplatz, sondern in der Organisation hochkomplexer, arbeitsteiliger Gesellschaften. Und hier sind es die den Sozialwissenschaftlern gut bekannten Dilemmata des sozialen Handelns, die uns erklären können, weshalb das Gewünschte nicht auch das Verwirklichte ist und vielleicht auch gar nicht sein kann. Für alle Tätigkeiten den gleichen Stundenlohn zu zahlen würde die Gemeinschaft möglicherweise stärken, zugleich jedoch zu einer Arbeitsproduktivität führen, die schon einmal die Ökonomien Osteuropas ruiniert hat.

Was also bleibt? Das Befreiende des Nachdenkens über Alternativen gesellschaftlicher Organisation. Und die Aufforderung zur Umsetzung des Prinzips der Chancengleichheit. Dies ist nicht in erster Linie eine sozialistische Utopie, sondern die wohl bedeutendste normative Herausforderung einer sich als liberal verstehenden Gesellschaftsordnung.

Der Soziologe Jens Beckert ist Direktor am Max Planck Institut für Gesellschaftsforschung in Köln.

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