31.10.2003 · In der Debatte um die Arbeitszeiten in Deutschland sehen Ökonomen in längeren Arbeitszeiten zumindest auf kurze Sicht einen Weg, um die Arbeitskosten zu senken und mehr Beschäftigung zu schaffen.
In die aktuelle Debatte um die Arbeitszeiten in Deutschland haben sich jetzt auch Ökonomen eingeschaltet. Sie sehen in längeren Arbeitszeiten zumindest auf kurze Sicht einen Weg, um die Arbeitskosten zu senken und mehr Beschäftigung zu schaffen. Auf lange Sicht jedoch komme man um weitreichendere Reformen nicht herum.
"Jede Maßnahme, die Arbeitskosten verringert, wird auf Dauer zu einem Mehr an Beschäftigung führen, immer vorausgesetzt, es kommt nicht zu einem vollständigen Lohnausgleich", sagte der Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Würzburg, Norbert Berthold, dieser Zeitung am Donnerstag. Mittel- und langfristig führe eine längere Arbeitszeit immer zu höherem Wirtschaftswachstum. Die Arbeit verbillige sich, neue Arbeitsplätze entstünden, und zusätzliches Sozialprodukt werde geschaffen.
Der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, Christoph Schmidt, warnte gleichzeitig vor überzogenen Hoffnungen. Zum einen müßten für die zusätzlich hergestellten Produkte auch Absatzmöglichkeiten bestehen. Zum anderen sänken die Erträge weiterer geleisteter Stunden. "Ein Durchhalteappell ist immer gut, aber auf Dauer wird er sich verflüchtigen", sagte er. Wichtiger wäre, die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft hierzulande zu verbessern. "Was wir brauchen, ist eine andauernde Reformbereitschaft."
Neuerliche Diskussion
Die Debatte um längere Arbeitszeiten hat sich abermals an dem Gemeinschaftsgutachten der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute entzündet. Darin heißt es, daß die günstige Konstellation von Feiertagen im kommenden Jahr Deutschland einen Wachstumsschub von 0,6 Prozentpunkten beschert. Politiker verschiedener Parteien wie auch die Arbeitgeberverbände hatten daraufhin längere Arbeitszeiten gefordert. Die Betriebe müßten mehr Spielraum bekommen, die Zeiten nach oben oder nach unten den Marktbedingungen anzupassen, hieß es bei der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA).
Heftige Kritik kam indes von den Gewerkschaften. "Der Weg, Arbeitszeit zu verkürzen, um Beschäftigung zu sichern, ist der richtige Weg. Der falsche Weg ist, die Arbeitszeit zu verlängern", sagte der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Michael Sommer, am Donnerstag auf einer Betriebs- und Personalrätekonferenz des DGB in Berlin. Er hieß damit den Kurs von Opel und der Deutschen Telekom gut, die wegen der schwachen Konjunktur statt über längere über kürzere Arbeitszeiten nachdenken. Bei Opel soll über eine 30-Stunden-Woche gesprochen werden. Die Telekom will die wöchentliche Arbeitszeit von 38 auf 34 Wochenstunden verringern und den Mitarbeitern entsprechend weniger zahlen. Aus Sicht der Ökonomen sind diese Maßnahmen allerdings nur kurzfristig geeignet, Nachfrageschwankungen auszugleichen. Langfristig müßten die Unternehmen auf Wachstum setzen.
Deutsche arbeiten 400 Stunden weniger als Amerikaner
RWI-Präsident Schmidt warnte die Politiker davor, sich in die Debatte um Arbeitszeiten einzumischen. Daß die Deutschen im Jahr gut 400 Stunden weniger arbeiteten als die Amerikaner, sei ein Ausdruck ihrer Präferenzen. Arbeitnehmer und Arbeitgeber müßten sich darüber in Tarifverhandlungen einigen. "Wenn sich die Deutschen dafür entscheiden, 100 Stunden weniger als andere zu arbeiten und dafür auf Wachstum zu verzichten, ist das ihre freie Entscheidung."
Berthold erinnerte daran, daß es neben der Verlängerung der Arbeitszeit noch weitere Wege gebe, um die Lohnstückkosten zu senken und zu mehr Beschäftigung zu gelangen. Dazu zählten niedrigere Löhne, geringere Sozialversicherungsbeiträge und Investitionen in die Bildung, um die Produktivität zu steigern.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
| EUR/USD | 1,2373 | +0,03% |
| Rohöl Brent Crude | 103,25 $ | 0,00% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |
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