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Reformationsjubiläum : Luther - ein Sommermärchen

Hier stehe ich und kann nicht anders: Der Playmobil-Luther ist ein Verkaufs-Hit. Bild: Andreas Pein

Millionen Besucher, Milliarden Umsatz: Das Reformationsjubiläum wird ein großes Geschäft. Und jeder will dabei sein. Sogar der Playmobil-Luther hat sich schon 400.000 Mal verkauft.

          Wer könnte daran zweifeln, wenn es sogar das Parlament beschlossen hat. „Der Deutsche Bundestag stellt fest“, heißt es in der Drucksache Nr. 17/6465, „bei dem Reformationsjubiläum im Jahr 2017 handelt es sich um ein Ereignis von Weltrang.“ CDU/CSU und SPD waren dieser Meinung, auch die Grünen und die damals noch vorhandene FDP-Fraktion. Die Linkspartei monierte zwar einen unkritischen Heldenkult um Martin Luther und fand den Bauernführer Thomas Müntzer nicht hinreichend gewürdigt, das Gesamtereignis verortete gleichwohl auch sie auf Weltniveau. So diktierte die amtierende Vizepräsidentin nach einem Blick in die Runde fürs Protokoll: „Die Beschlussempfehlung ist einstimmig angenommen.“

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Am 31. Oktober 1517 soll ein Pedell der Wittenberger Provinzuniversität an der Tür der Schlosskirche ein Thesenpapier ausgehängt haben, so vermutet es die neuere Forschung, in dem ein örtlicher Theologieprofessor namens Martin Luder auf reichlich akademische Art das Problem des päpstlichen Ablasshandels traktierte. Erst auswärtige Buchdrucker erkannten das Bestseller-Potential der Schrift, verbreiteten sie überall im deutschsprachigen Raum und machten die „95 Thesen“ zum Medienereignis. Ein langer Streit mit römischem Papsttum und deutschem Kaiser begann, der schließlich zu blutigen Kriegen führte und zur ungewollten Aufspaltung der Westkirche in zwei verfeindete Konfessionen. Martin Luther, wie sich der Theologe später nannte, wurde zu einer Figur der Weltgeschichte.

          Das alles ist nun, wie sich leicht ausrechnen lässt, am Ende des kommenden Jahres exakt ein halbes Jahrtausend her. Aber so lange will niemand warten. Schon 2009 begann die Evangelische Kirche das Brimborium mit einer „Reformationsdekade“, seit 2012 tourt die frühere Ratsvorsitzende Margot Käßmann als „Botschafterin für das Reformationsjubiläum“ durchs Land – mit einem Terminkalender, den vermutlich selbst die Bundeskanzlerin als anspruchsvoll empfände. Und am 31. Oktober dieses Jahres soll es losgehen mit dem eigentlichen Jubiläumsjahr. Ein Gottesdienst in der Berliner Marienkirche, ein Festakt im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, dann ein Jahr voller Ausstellungen, Kirchentage, Events. Und am Ende der Abschluss in Wittenberg, wiederum mit den versammelten Spitzen von Staat und Kirche.

          Ihnen ist Luther teuer, das lässt sich ganz wörtlich verstehen. Rund 50 Millionen Euro beträgt allein der Etat, den das kirchliche Organisationsbüro in Wittenberg für seine Aktivitäten einsetzen kann, rund 60 Prozent davon kommen direkt von der Kirche. Das Land Sachsen-Anhalt lässt sich das Spektakel, das eine Abwechslung vom spröden Frühaufsteher-Image verheißt, ungefähr 100 Millionen Euro kosten. Die Berliner Kultur-Staatsministerin Monika Grütters gibt mehr als 40 Millionen Euro für diverse Projekte rund ums Jubiläum. Hinzu kommen der Ausbau der Infrastruktur, die Renovierung historischer Gebäude, Info-Kampagnen des Auswärtigen Amts, Fördermittel der Europäischen Union für die heute eher strukturschwache Kernregion der Reformation. Der Bahnhof von Wittenberg wird umgebaut, das Schloss renoviert, die halbe Stadt neu asphaltiert. Alles in allem dürften sich die staatlichen, kirchlichen und privaten Investitionen ins Jubeljahr auf annähernd eine halbe Milliarde Euro summieren, wenngleich niemand darüber eine genaue Statistik führt.

          Das alles tun die Akteure, weil sie sich davon eine satte Rendite erwarten, und das ist keineswegs nur metaphorisch gemeint. Luther eigne sich hervorragend, so sagt es die Chefin der Deutschen Zentrale für Tourismus, „um im Rahmen des Megatrends Kultur international Aufmerksamkeit auf das Reiseland Deutschland zu lenken“ – nicht nur einmalig für das Jahr 2017, sondern dauerhaft. „Weltweit leben heute mehr als 817 Millionen Protestanten“, haben die Marketingleute schon ausgerechnet, die meisten von ihnen in wohlhabenden und reisefreudigen Ländern. Als Sympathieträger haben die Tourismus-Werber eigens einen Playmobil-Luther herstellen lassen, der sich schon jetzt mehr als 400.000 Mal verkauft hat. Dabei hat das Jubiläumsjahr noch gar nicht begonnen.

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