http://www.faz.net/-gqe-79kv5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 01.06.2013, 21:52 Uhr

Provokante Internetseite 36 Sklaven arbeiten für mich

Eine amerikanische Internetseite errechnet, wie viele Menschen für unser Essen und unsere Kleidung schuften, ohne dafür bezahlt zu werden. Unsere Autorin hat den Test gemacht - mit beunruhigenden Ergebnissen.

von
© LAIF Junge Frauen in Usbekistan bei der Baumwollernte.

Die Frage klingt so provokativ wie beunruhigend: Wie viele Sklaven arbeiten für dich?, fragt die Internetseite www.slaveryfootprint.org. Natürlich keiner. Oder?

Britta Beeger Folgen:

Sklaverei, diese Zeiten sind doch längst vorbei, ein Relikt des 19. Jahrhunderts. Hat der Film „Lincoln“ von Steven Spielberg nicht gerade erst gezeigt, wie der ehemalige amerikanische Präsident um den Preis eines blutigen Bürgerkriegs dafür kämpfte, Sklaverei endgültig zu verbieten? Im Jahr 1865 trat der 13. Zusatzartikel zur Verfassung in Kraft.

Das Smartphone, das T-Shirt, die Tasse Kaffee

Natürlich ist mir bewusst, dass Menschen vor allem in Entwicklungsländern unter fragwürdigen Bedingungen arbeiten und trotzdem nicht genug verdienen, um ihre Familie zu ernähren. Aber Menschen, die gekauft und verkauft werden, die in Leibeigenschaft leben und - das schockiert mich am meisten - für mich arbeiten? Für das, was ich esse, und die Klamotten, die ich trage?

Slaveryfootprint klärt mich schnell auf, wie naiv meine Vorstellung ist. „Das Smartphone, das T-Shirt, die Tasse Kaffee. Das kommt von Sklaven.“

Die Unternehmen, deren Produkte ich kaufe, beschäftigen selbst natürlich keine Sklaven. Die Ausbeutung steht laut slaveryfootprint ganz am Anfang der Lieferkette: „Das ist es, wo du die Sklaven findest: In den Feldern, in den Minen, beim Verarbeiten der Rohstoffe.“ Das Projekt definiert Sklaven als Menschen, „die gezwungen sind zu arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden, die ökonomisch ausgebeutet werden und dieser Situation nicht entkommen können.“ 27 Millionen Sklaven gibt es weltweit, schätzt das amerikanische Außenministerium, das die Internetseite mit 200.000 Dollar gefördert hat.

Ähnlich wie der CO2 Fußabdruck

Ich mache den Test, der ähnlich funktioniert wie der CO2 Fußabdruck: In elf Schritten gebe ich ein, wie ich wohne, was ich esse, welche Kleidung ich trage und welche elektronischen Geräte ich besitze. Die Macher der Seite, die Non-Profit-Organisation Fair Trade Fund aus Kalifornien, haben die Lieferketten von mehr als 400 Produkten zurückverfolgt. Auf Basis dieser Daten berechnen sie, wie viele Menschen ohne Lohn und unter Zwang für das arbeiten, was ich tagtäglich konsumiere.

Ich komme auf 36 Sklaven. 36! Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, diese Zahl aber jedenfalls nicht. Vor allem bei den elektronischen Geräten, für die laut slaveryfootprint Menschen beispielsweise im Kongo unter Zwang das Erz Coltan fördern, hatte ich noch das Gefühl, ganz gut wegzukommen: Ich habe mich in die Kategorie „Regular Joe“ einsortiert, als Durchschnittsnutzer also: Viel mehr als ein Handy (zugegeben, es ist ein Smartphone), eine Digitalkamera, einen Fernseher und einen Laptop besitze ich nicht. Bei der Frage nach meiner Kleidung habe ich allerdings allein 35 T-Shirts und Tops angegeben, und das ist nur grob geschätzt. Ob die Baumwolle dafür von Kindern gepflückt wurde, die laut der Seite in Usbekistan zur Arbeit auf den Feldern gezwungen werden?

Mehr zum Thema

Slaveryfootprint prangert keine einzelnen Unternehmen an. Das ist auch gar nicht nötig, um mich zum Nachdenken zu bewegen. Noch hoffe ich, dass meine tatsächliche Zahl viel niedriger ist als 36. Weil die Seite beispielsweise nicht berücksichtigt, dass mein Laptop schon so alt ist, dass der Bildschirm beim Hochfahren häufig einfach schwarz bleibt. Oder dass ich meine Lieblingsschuhe gerne trage, bis sie komplett runter sind und mir nicht jedes Frühjahr neue kaufe. Doch selbst wenn man das berücksichtigt: In die Nähe von null Sklaven würde ich wohl trotzdem nicht einmal annähernd kommen.

Zu viel Öl

Von Marcus Theurer, London

Der Shell-Chef sagt weniger Nachfrage nach Erdöl voraus – aber damit sei frühestens gegen Ende des nächsten Jahrzehnts zu rechnen. Zukunftsmusik also? Keineswegs. Mehr 5 7

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden
Zur Homepage