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Protestbewegung Wer Brasilien verstehen will, muss Bus fahren

 ·  Die Wirtschaft blüht, und im Land herrscht Vollbeschäftigung. Doch Brasiliens Verkehrssysteme sind so marode wie eh und je. Kein Wunder, dass sich daran der Protest der neuen Wohlstandskinder entzündet.

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© REUTERS Vergrößern Albtraum U-Bahn Sao Paulo - Teil 1

Der Bus rauscht heran, die Bremsen quietschen laut, es klingt nicht vertrauenerweckend. Die Tür springt auf, und schon kann die Höllentour losgehen - die Fahrt führt mitten ins Herz von São Paulo. Brasiliens Megacity ist ein Moloch, 19 Millionen Einwohner leben hier - und Busfahren ist ein Abenteuer: Ob der Bus kommt, ist keineswegs sicher, wann er kommt, schon gar nicht. Einmal eingestiegen und freie Straßen vorausgesetzt, werden die Passagiere ohne Unterlass kräftig durchgeschüttelt: Jedes Schlagloch ist zu spüren, und davon gibt es in São Paulo viele. Meistens allerdings sind die Straßen vollgestopft mit Autos und Bussen, die Stadt hält einen unrühmlichen Rekord: Staus können hier auch schon mal eine Länge von mehr als hundert Kilometern erreichen - im Jahr 2012 waren es sagenhafte 295 Kilometer.

Für ausländische Besucher mag das noch ein Erlebnis sein, für Vinicius Galvão hingegen ist es nur eines - eine Qual. Der 34-jährige Journalist beginnt seine Odyssee jeden Morgen in einem Außenbezirk São Paulos. Wenn alles gut läuft, erreicht er nach einer Stunde den Praça da Sé, einen zentralen U-Bahnhof. Auch dort muss er wieder Schlange stehen: Die Metrolinien der Stadt sind zwar keineswegs in schlechtem Zustand, aber das Liniennetz ist kaum größer als das einer mittelgroßen deutschen Stadt. Am Ende dauert die Reise jedes Mal länger als anderthalb Stunden.

Doch in diesen Tagen wird Galvão aus dem gewohnten Rhythmus gerissen, die Busse erreichen derzeit noch seltener ihr Ziel, denn seine Stadt ist in Aufruhr. Und nicht nur seine Stadt, sondern das ganze Land. Ob in São Paulo, Rio de Janeiro oder der Hauptstadt Brasília - überall gehen die Brasilianer auf die Straßen. Anfangs waren es Zehntausende, nun haben die Demonstrationen mehrere hunderttausend Teilnehmer.

Ein Volk, dessen letzter großer Protestzug sich Anfang der neunziger Jahre gegen den damaligen Präsidenten Fernando Collor de Mello formierte, demonstriert auf einmal - und das alles wegen ein paar Centavos? Um umgerechnet wenige Cent hatten mehrere Großstädte die Gebühren für den öffentlichen Nahverkehr erhöhen wollen - und damit Empörung im ganzen Land ausgelöst. Vinicius Galvão sagt es so: „Es wurde Zeit, unsere Straßen, Busse und U-Bahnen sind eine Farce.“ Doch kann es wirklich sein, dass allein deswegen ganz Brasilien in Unruhe gerät?

Die neue Mittelschicht verändert das Land

Die Welt, die in diesen Tagen auf das Land blickt wie selten zuvor, fragt sich zu Recht: Wie passt das alles zusammen? Jahrelang galt Brasilien als eines der stärksten unter den Schwellenländern, die Wachstumsraten waren hervorragend - verglichen mit Europa sind sie es immer noch: Nach Schätzungen soll Brasiliens Wirtschaft in diesem Jahr zwischen 2,5 und drei Prozent zulegen, die Arbeitslosenquote liegt unter sechs Prozent, es herrscht quasi Vollbeschäftigung. Wo also bitte ist das Problem?

Tatsächlich liegen die Gründe für die aktuellen Proteste tiefer. Sie haben mit einer neuen, einflussreichen Gruppe zu tun, die dabei ist, das Land zu verändern. Ökonomen haben ihr den Namen „A nova Classe Media“ gegeben - die neue Mittelschicht. Zu ihr gehören all jene, denen der Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre zum Aufstieg verholfen hat - mit einem festen Arbeitsplatz, gesichertem Einkommen und genügend Geld für eine kleine Urlaubsreise.

Nach Untersuchungen des einheimischen Ökonomen Marcelo Neri lassen sich mittlerweile rund 100 Millionen Brasilianer zu dieser neuen Klasse zählen, deren Monatseinkommen zwischen 1200 Reais und 5170 Reais (umgerechnet zwischen 410 Euro und 1750 Euro) liegt. Noch zu Anfang des Jahrtausends gehörte kaum mehr als ein Drittel der Brasilianer der Mittelschicht an, mittlerweile aber kommt sie bei einer Bevölkerungszahl von fast 200 Millionen Einwohnern auf einen stattlichen Anteil von mehr als 50 Prozent.

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