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Aktualisiert: 18.04.2014, 17:04 Uhr

Studie zu Exportüberschüssen Europa lebt von der deutschen Industrie

Deutschlands Exportstärke geht zu Lasten anderer Länder? Von wegen. 3,5 Millionen Arbeitsplätze in Europa hängen davon ab, dass deutsche Unternehmen dort Material einkaufen.

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© REUTERS Arbeiter im Porsche-Werk in Stuttgart.

Die starke Entwicklung der exportorientierten deutschen Industrie sorgt seit Monaten für hitzige Debatten. Für die einen ist die hohe Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen eine Erfolgsgeschichte – den anderen ist sie ein Dorn im Auge. Das Argument der Kritiker: Die mit der Exportstärke einhergehenden großen Überschüsse in der Leistungsbilanz gingen zu Lasten der übrigen EU-Staaten und müssten schleunigst abgebaut werden.

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Eine noch unveröffentlichte Studie, die dieser Zeitung vorliegt, dürfte die Position der Kritiker schwächen. Die deutsche Industrie sorgt mit ihrer Nachfrage nach Vorleistungsprodukten demnach in anderen EU-Staaten für 3,5 Millionen Arbeitsplätze und eine erhebliche Wertschöpfung, hat die Prognos AG im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) berechnet. Würde die deutsche Industrie im internationalen Vergleich an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, träfe das mittelfristig auch die Handelspartner empfindlich. „Damit ist die Mär widerlegt, die Exporterfolge der Bundesrepublik gingen zu Lasten der anderen EU-Staaten“, sagt VBW-Geschäftsführer Bertram Brossardt.

Die Ergebnisse sind in ihrem Ausmaß bemerkenswert. Die Erklärung dafür ist die enge Verflechtung der europäischen Volkswirtschaften. Allein im Jahr 2012 kauften deutsche Unternehmen aus anderen EU-Staaten laut der Studie Vorprodukte im Wert von 409 Milliarden Dollar ein – zum Beispiel Autobremsscheiben aus Tschechien. Diese werden dann in deutschen Fabriken verbaut und auf dem Heimatmarkt oder eben im Ausland verkauft.

Infografik / Die Nachfrage der deutschen Industrie nach Vorleistungen © F.A.Z. Vergrößern Bedeutung für die Bruttowertschöpfung und die Beschäftigung in Ländern der EU

Die mit Abstand meisten Vorleistungen bezieht Deutschland in der EU aus den Niederlanden und Belgien, auch wegen der großen Häfen in Antwerpen und Rotterdam. Es folgen Frankreich, Italien, Großbritannien und die Tschechische Republik. Mehr als 60 Milliarden Euro für Vorleistungen aus dem EU-Ausland gab zuletzt die Chemieindustrie aus, aber auch Autohersteller, Maschinenbauer und die Metallindustrie sind in großem Maßstab auf die internationale Arbeitsteilung angewiesen.

Für die Handelspartner sind die Lieferungen nach Deutschland von enormer Bedeutung. „Etwa 8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der Tschechischen Republik wird durch Nachfrage nach Vorleistungsgütern aus dem deutschen Verarbeitenden Gewerbe induziert“, rechnen die Autoren vor. 2012 habe der Anteil in Ungarn 7 Prozent ausgemacht, in Belgien, den Niederlanden und Österreich etwa 4 Prozent. Beachtlich ist der Beschäftigungseffekt, der damit einhergeht. In Polen schätzen ihn die Forscher auf rund 600.000 Arbeitsplätze, in Tschechien, den Niederlanden und Rumänien auf mehr als 300.000 Stellen, in Frankreich und Italien sind es geringfügig weniger.

Die Europäische Kommission sieht den hohen Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands kritisch und unterzieht ihn im Rahmen eines Makroökonomischen Ungleichgewichteverfahrens einer vertieften Analyse. Im März hatte die Kommission eine zu schwache Binnennachfrage bemängelt, die Exportstärke an sich aber positiv hervorgehoben.

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Dennoch löste die Kritik bei Politikern hierzulande die Sorge aus, dass die Debatte Maßnahmen begünstigen könnte, die letztlich die deutsche Wettbewerbsfähigkeit schwächen würden. „Die schlichte These, wir müssten durch deutliche Lohnsteigerungen und weitere soziale Ausgabenblöcke den Binnenbereich stärken, ist zum Scheitern verurteilt“, sagte der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) dieser Zeitung.

Welche tiefgreifenden Folgen eine Schwächung des Standorts auch für andere Länder hätte, führt die Studie eindrucksvoll vor Augen. Würden die Lohnstückkosten in den Jahren 2014 bis 2016 – zum Beispiel durch den Mindestlohn und einen geringeren Produktivitätszuwachs – um 1,4 Prozentpunkte stärker zulegen als eigentlich zu erwarten, gibt es zwar kurzfristig positive Impulse durch höhere Lohneinkommen. Im Jahr 2020 sei das Bruttoinlandsprodukt der übrigen EU-Länder dann aber um 0,5 Prozent niedriger als mit einer starken Wachstumslokomotive Deutschland. „Gerade aus Sicht unserer europäischen Partner ist eine Schwächung der deutschen Industrie unsinnig“, sagt VBW-Geschäftsführer Brossardt. Frankreich und die südeuropäischen Länder bekämen diesen Effekt besonders deutlich zu spüren.

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