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Pro Schluss mit dem Stress

 ·  Im Schnitt haben wir längst die 30-Stunden Woche. Allerdings nicht als ordentliches Vollzeitarbeitsverhältnis, sondern mit der wachsenden Zahl von Minijobs, unfreiwilliger Teilzeitarbeit und anderen prekären Beschäftigungsformen. Es geht also in Wahrheit um die Höhe der Löhne.

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Wer meint, das sei nicht bezahlbar, irrt. Wären die deutschen Reallöhne seit dem Jahr 2000 im Gleichklang mit der Produktivität gewachsen, müssten sie heute um zwölf Prozent höher sein. Eine Variante zur Steigerung der Stundenlöhne ist die Verkürzung der Wochenarbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn. Sie würde nicht nur die Arbeitslosigkeit verringern, sondern vielen Arbeitnehmern auch endlich wieder mehr Freiräume geben, Zeit mit ihrer Familie zu verbringen.

Höhere Löhne bedeuten nicht automatisch schlechtere Chancen im Export. Früher wurden deutsche Exporterfolge überwiegend durch Qualität erzielt. „Made in Germany“ verkaufte sich nicht, weil es billig, sondern gut war. Es beruhte nicht auf prekärer Beschäftigung, Outsourcing und Leiharbeit, sondern auf hervorragender Ingenieurleistung und gutbezahlter Facharbeit. Mit der Agenda 2010 wurde Deutschland zum Lohndumpingmeister Europas.

Während die Reallöhne in Deutschland sanken, stiegen sie in anderen europäischen Ländern. In Frankreich zwischen 2000 und 2008 um knapp 10 Prozent und selbst in den exportstarken Niederlanden um gut zwölf Prozent. Diese Diskrepanz sicherte der deutschen Exportwirtschaft erhebliche Wettbewerbsvorteile. Auch deshalb erzielte Deutschland zwischen 2001 und 2011 Leistungsbilanzüberschüsse in Höhe von 1,2 Billionen Euro. Aber um welchen Preis? Die innereuropäischen Handelsungleichgewichte eskalierten, und mit ihnen die Außenverschuldung vieler Euroländer. In Deutschland selbst wurde die Verteilung des Wohlstands immer ungleicher. Von der steigenden Wirtschaftsleistung profitierten fast nur noch die Bezieher von Gewinn- und Vermögenseinkommen. Seit dem Jahr 2000 stiegen ihre Einkünfte um 56 Prozent.

Bei der Auseinandersetzung um die 30-Stunden-Woche geht es gar nicht um Arbeitszeiten. Die Arbeitsmarktreformen der letzten Jahre haben die Arbeitszeit pro Beschäftigten im Durchschnitt dramatisch abgesenkt. Aktuell arbeiten in Deutschland 41,8 Millionen Erwerbstätige knapp 60 Milliarden Stunden pro Jahr. Im Schnitt haben wir also längst die 30-Stunden Woche. Allerdings nicht als ordentliches Vollzeitarbeitsverhältnis, sondern als Ergebnis der wachsenden Zahl von Minijobs, unfreiwilliger Teilzeitarbeit und anderen prekären Beschäftigungsformen. Beim Kampf der Arbeitgeberlobby gegen die 30-Stunden-Woche geht es also in Wahrheit um die Höhe der Löhne.

Die 30-Stunden-Woche würde die Benachteiligung der Beschäftigten ausgleichen und die üppigen Gewinnmargen verringern. Das wäre dringend notwendig. Trotz extrem hoher Gewinne sind die Investitionen in Deutschland seit Jahren kümmerlich. Der einst entscheidende Wettbewerbsvorteil der deutschen Industrie, über einen der modernsten und produktivsten Kapitalstöcke zu verfügen, ist so nicht zu halten. Die Verbilligung der Produktion durch sinkende Löhne erweist sich damit als gefährliches Ruhekissen. Nachhaltiger Erfolg muss durch überlegene Qualität und steigende Produktivität erwirtschaftet werden, wenn es nicht ein böses Erwachen geben soll.

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17.02.2013, 12:03 Uhr

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