10.04.2006 · Debeka-Chef Laue erklärt, warum private Krankenversicherungen sozial sind, räsoniert über eine Klage in Karlsruhe, sagt, wann die Beiträge steigen und weshalb Bismarck wichtig ist - das Interview.
Debeka-Chef Laue erklärt, warum private Krankenversicherungen sozial sind, wann die Beiträge steigen und weshalb Bismarck wichtig ist.
Herr Laue, sind Sie bald arbeitslos? Man bekommt den Eindruck, die Regierung will den privaten Krankenversicherern den Todesstoß versetzen.
In der Tat wurden wir in unserer Existenz noch nie so bedroht wie in den vergangenen zwei Jahren. Aber ich höre jetzt aus der Regierung, daß man die Struktur mit gesetzlicher und privater Versicherung erhalten will.
Diese Existenzgarantie werden Sie nicht ohne Gegenleistung bekommen. Was opfern Sie dafür?
Unsere Kunden subventionieren mit ihren Beiträgen schon jetzt das Gesundheitssystem mit 9,5 Milliarden Euro jährlich. Soviel zahlen die privaten Versicherer mehr als die Gesetzlichen für die gleiche Leistung. Denn die Ärzte können bei Privatpatienten mehr abrechnen. Dafür schaffen sie moderne Geräte an, von denen auch die Kassenversicherten profitieren. Würde die Regierung die Privaten abschaffen wollen, müßte sie diese 9,5 Milliarden erst einmal finanzieren. Zudem hat der Wettbewerb mit den Privaten zu mehr Effizienz auch im gesetzlichen System geführt.
Das weiß auch Gesundheitsministerin Schmidt. Trotzdem fordert sie mehr Geld von Ihnen.
Warum sollten unsere Versicherten mehr bezahlen, wenn sie dafür nicht mehr Leistung bekommen, sondern diese Zusatzeinnahmen an die Kassen abwandern?
Weil die Kunden davon profitieren, daß der Privatversicherer weniger ausgeben muß. Denn er versichert viele Gutverdiener, die tendenziell gesünder leben.
Und dafür sollen die Kunden jetzt bestraft werden? Und außerdem: Wir sind keine Versicherung der Reichen. Das Argument der Gutverdiener trifft lediglich auf die Angestellten zu, die nur zu uns wechseln dürfen, wenn sie mehr als 3937 Euro im Monat verdienen. Von den 8,2 Millionen Privatversicherten sind das aber nur eine Million. 2,5 Millionen sind Kinder - gewiß nicht gerade reich -, die meisten aber Selbständige und fast alle Beamte - auch die im nicht sehr üppig bezahlten einfachen und mittleren Dienst. Statt dessen gibt es 6,5 Millionen gutverdienende freiwillig Versicherte in den Kassen. Das wird gerne vergessen.
Wenn alle Argumente auf Ihrer Seite sind, warum verpflichteten sich die Versicherer dann diese Woche gegenüber der Regierung, Patienten ohne Versicherungsschutz in einen Einheitstarif mit vorgegebenen Leistungen aufzunehmen und niemanden abzulehnen? Das ist doch ein völliger Systembruch.
Ja, es paßt nicht hundertprozentig, weil wir ja sonst Prämien verlangen, die vom individuellen Gesundheitsrisiko abhängen, bei den Leistungen Wahlmöglichkeiten vorgeben und auch Interessenten ablehnen dürfen. Aber man kann sich auch nicht immer der Politik verweigern. Die Forderung steht im Koalitionsvertrag und wird auch von der Opposition mitgetragen. Was wollen Sie dagegen machen?
Wie soll denn diese Rückkehrmöglichkeit aussehen?
Jede Privatversicherung würde die Kunden zurücknehmen, denen sie kündigen mußte, etwa weil die Beiträge nicht bezahlt oder bei der Gesundheitsprüfung massiv geschummelt wurde. Das sollte aber nicht jederzeit, sondern nur einmal in einem bestimmten Zeitraum, beispielsweise im nächsten Jahr, möglich sein. Um künftig Fälle mit fehlendem Versicherungsschutz zu vermeiden, müßte jeder Kunde nachweisen, daß er sich anderweitig versichert, und nur dann wechseln dürfen. Und wem gekündigt wird und wer sich nicht neu versichert, muß Sanktionen fürchten. All das machen wir nur, wenn auch die Gesetzlichen ihre ehemaligen Versicherten zurücknehmen.
Sie haben ja schon einen Einheitstarif. Und wollen dazu noch einen einführen, der bei einem Wechsel in den Standardtarif eines anderen Versicherers ermöglicht, die Altersrückstellungen mitzunehmen. Wenn Sie immer mehr Einheitstarife anbieten, ähneln Sie zunehmend einer gesetzlichen Kasse und werden damit überflüssig.
Erstens wurden uns diese Standardtarife von der Politik auferlegt und sind nicht unser Wunsch. Zweitens nutzen sie nur 15.000 von 8,2 Millionen Vollversicherten. Dazu käme noch ein Teil der maximal 180.000 dazu, die bisher ohne Versicherungsschutz sind. Und vor allem drittens: Auch vom Standardtarif fließt ein Teil in die Altersrückstellungen - ein entscheidender Vorteil gegenüber den Kassen, die auf die zunehmende Alterung überhaupt nicht vorbereitet sind. Sie sind damit eigentlich unsozialer als wir, denn sie belasten die kommende Generation, während bei uns jeder Versicherte selbst für das Alter vorsorgen muß.
Dennoch bleibt der Eindruck: Sie kämpfen zuwenig für den Erhalt des Systems.
Da unterschätzen Sie uns! Wenn die Politik tatsächlich die Altersrückstellungen unserer Kunden angreifen will, wie es diskutiert wird, werden wir vor dem Verfassungsgericht klagen. Denn das wäre ein Eingriff in das Eigentum der Versicherten, die die Rückstellungen aus Ihren Beiträgen aufbauen.
Wahrscheinlich ist eher die Einführung eines Gesundheits-Solidaritätszuschlags, um die Krankenversicherung der Kinder künftig aus Steuern zu finanzieren.
Das wäre eine Strafsteuer für Privatversicherte, denn von einer Senkung der Beiträge würden nur die Kassenpatienten profitieren. Zudem ließe sich der Soli schnell anheben, wenn die Kosten weiter stiegen. Es fehlte der Sparanreiz.
Fast sicher ist wohl, daß der Wechsel der Angestellten in die Private weiter erschwert und faktisch unmöglich gemacht wird. Was bedeutet das für Sie und Ihre Kunden?
Wenn wir keine Angestellten mehr als neue Kunden bekämen, wären einige Versicherer in ihrer Existenz gefährdet. Uns als großen Beamten-Versicherer würde es zumindest schwer treffen. Wir müßten Personal abbauen, bei der Debeka geschätzte 15 Prozent. Das wären rund 700 Mitarbeiter. Da das nicht sofort geht, müßten die Kosten von weniger Kunden getragen werden. Beitragssteigerungen von etwa vier Prozent - verteilt auf zehn Jahre - wären die Folge.
Das könnten Sie doch mit dem Ausbau des Geschäfts für Zusatzversicherungen kompensieren.
Damit erzielen wir gerade einmal 15 Prozent unserer Einnahmen. So stark können wir gar nicht wachsen, um das auszugleichen.
Wie würden Sie denn das Gesundheitssystem reformieren?
Ich würde das Unfallrisiko, den Zahnersatz und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall aus der Gesetzlichen herausnehmen und damit die Beiträge senken. Wer das versichert haben will, kann das privat tun. Und ich würde eher mehr als weniger Kunden den Wechsel in die Privatversicherung ermöglichen. Denn unser System ist durch die Rückstellungen besser auf die zunehmende Alterung vorbereitet. Schließlich wurde die gesetzliche Krankenversicherung einmal von Bismarck gegründet, um Bedürftigen zu helfen. Daß es 90 Prozent der Deutschen so schlecht geht, glauben nicht einmal Pessimisten.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
| EUR/USD | 1,2368 | −0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 103,33 $ | +0,08% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |
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