17.12.2005 · Die vor der Privatisierung stehende Uniklinik Gießen-Marburg wird künftig von der börsennotierten fränkischen Rhön Klinikum AG betrieben. Es ist die erste Privatisierung einer Universitätsklinik in der Europäischen Union.
Von Ralf EulerHessen wird mit Beginn des nächsten Jahres als erstes Bundesland eine Universitätsklink in private Trägerschaft überführen. Die börsennotierte Rhön-Klinikum AG wird 95 Prozent der Geschäftsanteile des Landes am Mitte dieses Jahres fusionierten Klinikum Gießen/Marburg erwerben und zahlt dafür 112 Millionen Euro. Das gaben Ministerpräsident Roland Koch, Wissenschaftsminister Udo Corts (beide CDU) und der Vorstandsvorsitzende der Rhön-Klinikum AG, Wolfgang Pföhler, am Samstag bekannt.
Die Rhön-Klinikum AG wird damit der größte private Krankenhausbetreiber in Deutschland vor Helios und Asklepios, die sich ebenfalls um die Uniklinik beworben hatten. Durch die Privatisierung werden in den beiden mittelhessischen Kliniken 10.000 Arbeitsplätze gesichert.
„In die Spitzenliga Deutschlands“
Koch sagte, es biete sich die Chance, den Klinikstandort Gießen/Marburg „in die Spitzenliga Deutschlands und wahrscheinlich darüber hinaus“ zu führen. Mit 100 Millionen Euro wird das Land eine Stiftung zur zusätzlichen Förderung von Forschung und Lehre in Gießen und Marburg gründen, so daß der Verkaufserlös zurück in die Region fließe.
„Wir werden Gießen und Marburg zum Flaggschiff unseres Konzerns machen“, sagte Pföhler. Durch den Innovationsschub, den sein im unterfränkischen Bad Neustadt/Saale ansässiges Unternehmen mit bisher gut 20.000 Beschäftigten den beiden hessischen Standorten in den nächsten Jahren bescheren werde, entstünden „ungeheure Wachstumschancen“.
Langfristig, so der stellvertretende Vorstandschef Gerald Meder, sei der Klinikbetrieb auf diese Weise in die Gewinnzone zu führen. Er muß allerdings langen Atem beweisen: „Auf zehn oder mehr Jahre rechnet sich das Geschäft.“ Das Rhön-Klinikum verpflichtet sich mit dem Erwerb zu Investitionen in Höhe von 367 Millionen Euro, davon 260 Millionen Euro in Neu- und Umbauten. 107 Millionen Euro will das Unternehmen für ein internationales Zentrum für Partikeltherapie in Marburg oder Gießen zur Verfügung stellen, in dem neue Wege der Tumorbekämpfung durch Strahlentherapie beschritten werden sollen. Meder schätzt, daß die bis zum Jahr 2010 geplanten Ausgaben zusätzliche Investitionen von 500 Millionen Euro in der Region auslösen werden.
Hessen konnte die Investitionen nicht mehr tragen
Damit wird das Motiv für die Privatisierung deutlich. Das klamme Land Hessen konnte die nötigen Investitionen für die Uniklinik nicht mehr tragen. „Das ist mehr, als das Land je hätte aufbringen können“, sagte Koch. Weil in den Standort Gießen seit Mitte der neunziger Jahre praktisch nicht mehr investiert worden sei, ist dort nach Angaben der Landesregierung inzwischen ein Investitionsstau in Höhe von rund 200 Millionen Euro entstanden. Für den Klinikteil dort erwartet das Wissenschaftsministerium in diesem Jahr ein Defizit von knapp zehn Millionen Euro, in Marburg werde zwar noch ein Plus von 1,3 Millionen Euro erwirtschaftet, doch sei auch dort wegen der Einführung der Fallpauschalen bei der Patientenbehandlung schon bald ein Minus zu erwarten. Vor allem ineffiziente öffentliche Krankenhäuser sind durch die Fallpauschalen bedroht. Jedes vierte ist durch Insolvenz bedroht, sagen Berater.
Heikel ist die Überführung der Forschung der Uniklinik in das private Unternehmen. Doch dabei gehe der Käufer sogar noch über die Erwartungen der Landesregierung hinaus, äußerte Koch. „Zwischen der Aufgabenstellung eines Universitätsklinikums in privater Rechtsform und eines Universitätsklinikums in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft gibt es keinen Unterschied.“
Betriebsbedingte Kündigungen sind nach den Worten von Koch und Pföhler bis zum 31. Dezember 2010 ausgeschlossen. Teil des Vertragspakets ist es zudem, daß der private Betreiber über die vom Land weiterhin geleisteten Zahlungen für Forschung hinaus jährlich mindestens zwei Millionen Euro in Forschung und Lehre stecken wird. Dem künftigen Betriebsrat werde die Rhön-Klinikum AG die Gründung eines Fonds über 30 Millionen Euro unterbreiten, aus dem beispielsweise Umschulungen von Beschäftigten finanziert werden könnten. Das Land Hessen behält eine Minderheitsbeteiligung von fünf Prozent an der Betriebsgesellschaft und ein Mitspracherecht, das über das Anteilsgewicht hinausgeht.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
| EUR/USD | 1,2368 | −0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 103,33 $ | +0,08% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |
Anonym bewerben? Ist das gut?