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Private Versicherer „Der Wechsel lohnt sich selbst im schlimmsten Szenario“

19.03.2006 ·  Die privaten Krankenversicherer sind alarmiert. Die Reformvorschläge könnten ihnen das Neugeschäft verderben. Trotzdem sagen sie: Wechseln lohnt sich. Ein Interview.

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Die privaten Krankenversicherer sind alarmiert. Die Reformvorschläge könnten ihnen das Neugeschäft verderben. Trotzdem sagen sie: Wechseln lohnt sich. Günter Dibbern, Vorstandsvorsitzender der DKV, des zweitgrößten Anbieters, erläutert die Perspektiven für Versicherte und Versicherungsgesellschaften.

Lohnt es sich noch, eine private Krankenversicherung abzuschließen?

Natürlich, heute mehr denn je.

Daran haben Ihre Kunden aber Zweifel. Das Neugeschäft der Branche ist im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen.

Das stimmt, viele Interessenten sind wegen des politischen Drucks verunsichert.

Die große Koalition spielt mit dem Gedanken, die Versicherungspflichtgrenze in der gesetzlichen Krankenversicherung anzuheben oder die Mitgliedschaft im gesetzlichen System sogar zur Pflicht zu machen. Dann würde es für die Privatversicherten teuer.

Der Wechsel lohnt sich trotzdem. Selbst im schlimmsten Szenario, der reinrassigen Bürgerversicherung nach Vorstellung der Sozialdemokraten, mit einer Pflichtmitgliedschaft für alle. In diesem schlechtesten Fall wäre derjenige, der jetzt noch zu den Privaten wechselt, wieder in derselben Situation, in der er heute ist.

Teuer könnte es für die Privatversicherten werden, wenn die Bürgerversicherung kommt und der Wechsel zurück verwehrt bleibt. Dann würde das Neugeschäft und damit der Zugang junger Versicherter abgewürgt, den das private System braucht, um die Kosten stabil zu halten.

Auch das, sage ich, gibt keinen Grund zur Besorgnis. Wir haben die Risiken im Prinzip sauber kalkuliert. Es stimmt allerdings, daß uns der Staat bestimmte Umlagekomponenten aufgezwungen hat, weshalb auch wir den Zugang junger Menschen brauchen. So muß ein Teil der Kapitalerträge, die über den garantierten Zins von 3,5 Prozent hinausgehen, bis zum Jahr 2024 dafür genutzt werden, um die Prämiensteigerungen der älteren Versicherten, die aus den wachsenden Kosten der Gesundheitsversorgung resultieren, abzumildern. Das zweite ist, daß wir durch den Neuzugang eine bessere Mischung der Risiken erzielen.

Ein dritter Kostentreiber könnte die wachsende Belastung mit Verwaltungskosten sein, wenn die Zahl der privat Versicherten sinkt.

Ja, aber das wäre eine Schwierigkeit, die betriebswirtschaftlich zu lösen wäre. Es ist kein systemimmanentes Problem.

Der größte deutsche Krankenversicherer Debeka schätzt den kostentreibenden Effekt, der aus einem Ende des Neugeschäfts resultieren könnte, auf insgesamt etwa 4 Prozent, verteilt auf zehn Jahre. Reicht das?

Das ist zuwenig. Aber es wird auch nicht ausufern. Selbst im beschriebenen Negativ-Szenario bei einer Einstellung des Neugeschäfts werden die beschriebenen Effekte die Kosten um deutlich weniger als 20 Prozent, aber um deutlich mehr als zehn Prozent zusätzlich steigern, verteilt auf einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten. Aber damit kein Mißverständnis aufkommt: Wir rechnen nicht damit und halten die Pläne der Regierung für falsch. In der privaten Versicherung sind acht Millionen Menschen in einem kapitalgedeckten System abgesichert. Zumindest diese Gruppe ist auf die Schwierigkeiten, die mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung verbunden sind, vorbereitet.

Welche politischen Schritte befürchten Sie als nächstes?

Wir befürchten, daß Teile der Regierung die Bürgerversicherung verdeckt einführen wollen. Zum Beispiel durch die Anhebung der Pflichtgrenze in der Krankenversicherung von derzeit knapp 4000 Euro Monatseinkommen auf die Grenze der Rentenversicherung bei rund 5200 Euro. Das wäre auch gesamtgesellschaftlich ein Fehler, denn jeder Bürger, der heute aus der umlagefinanzierten GKV abwandert, entlastet auf Dauer das System.

Was ist aus Ihren eigenen Reformvorschlägen geworden?

Unser Modell liegt im Prinzip auf dem Tisch. Wir sind auf zwei alte Kritikpunkte eingegangen. So wird der PKV vorgeworfen, sie picke sich die guten Risiken heraus und überlasse die schlechten der gesetzlichen Versicherung. Wir haben deshalb Vorschläge dazu gemacht: Nach diesem Modell soll jedem freiwilligen Mitglied der GKV bis zum Alter von 55 Jahren ein Zugang in einen Basistarif der privaten Versicherung ohne Risikoprüfung ermöglicht werden. Wenn ein Wechsler eine höherwertige Absicherung wünscht, soll er sie zudem mit einem begrenzen Risikozuschlag erhalten, der, unabhängig vom Gesundheitszustand, nicht mehr als 30 Prozent über dem Normaltarif liegen darf. Der andere Vorwurf, auf den wir reagieren, bezieht sich auf den begrenzten Wettbewerb innerhalb der PKV, weil der Kunde die Rückstellungen für das Alter beim Wechsel zu einem anderen Versicherer nicht mitnehmen kann. Künftig wollen wir zumindest einen Teil der Alterungsrückstellungen so kalkulieren, daß der Kunde innerhalb des Basistarifs ohne Nachteile wechseln kann.

Das Modell liegt auf dem Tisch. Warum setzen Sie es nicht um?

Zum einen, weil wir die Neuerungen nur gemeinsam mit dem Gesetzgeber umsetzen können. Zum anderen sind wir aber auch vorsichtig geworden mit Zugeständnissen. Die Neuerungen, die wir der Politik anbieten, können nicht gelten, wenn diese immer neue Forderungen aufbringt. Mancher Sozialpolitiker würde am liebsten gleich die gesamten Kapitalrücklagen der PKV im Wert von fast 100 Milliarden Euro verstaatlichen.

Werden Sie in fünf Jahren noch private Vollversicherungen verkaufen können?

Wir können es allemal. Ob wir es dürfen, hängt von der Politik ab. Ich bin aber überzeugt davon, weil alles andere ein Rückschlag auch für das soziale System wäre. Kein denkender Mensch wird sich eine so wichtige Finanzierungsquelle wie die PKV für den Wachstumsmarkt Gesundheit abschneiden wollen.

Das Gespräch führte Stefan Ruhkamp.

Quelle: F.A.Z., 20.03.2006, Nr. 67 / Seite 13
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