Home
http://www.faz.net/-gqg-743x8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Politologe Dali Yang „In China wird es Freiheit geben“

Der Chicagoer Politologe Dali Yang über die Unverträglichkeit von Marktwirtschaft und Diktatur, die alltägliche Korruption in China und den Reichtum der sozialistischen Herrscher.

© privat Vergrößern Dali Yang

Professor Yang, die Familie von Chinas Premier Wen Jiabao soll 2,7 Milliarden Dollar angehäuft haben. Reichtum in einem sozialistischen Land - wie passt das zusammen?

Na ja, zunächst mal hat China in den vergangenen Jahren natürlich ein enormes Wachstum hingelegt. Da wäre es verwunderlich, wenn die Führung des Landes am Erfolg gar nicht teil hätte. Und es wäre auch schlecht: Geht es der Elite nicht gut, dann hat sie keinen Anreiz für weitere Reformen.

Der Verdacht liegt nahe, dass das Vermögen nicht redlich zustande kam.

Keine Frage, Korruption wäre völlig inakzeptabel als Quelle dieses Reichtums. Jeder Bürger Chinas hat ein Recht darauf, dass das Vermögen der Staatslenker offengelegt wird und gesichert ist, dass es aus legalen Quellen stammt.

Ist Wen korrupt?

Diese direkte Anschuldigung gibt es ja nicht. Es sind viele Fragen offen: Hat Wen persönlich profitiert? Was passierte mit dem Geld aus den Investitionen, welche Gegenleistungen gab es? War es wirklich Wens Amt, das die Familie reich machte? Verwandte von Spitzenpolitikern haben natürlich immer Vorteile im Geschäftsleben. Wo genau beginnt also Korruption? All das, hoffe ich, wird noch aufgeklärt.

Wie gefährlich sind die Anschuldigungen für die Regierung?

Wen ist sehr respektiert, er galt als politischer und sozialer Reformer. Für viele seiner Anhänger ist es ohne Zweifel schwierig, diese unfassbare Summe von 2,7 Milliarden zu akzeptieren, die seine Familie kontrollieren soll.

Die Berichte über Wens Reichtum sind in China zensiert. Kriegen die Chinesen überhaupt etwas von dem Skandal mit?

Definitiv. Die Berichte sind eingeschlagen wie eine Bombe. Gebildete Chinesen haben keine Probleme, die „Great Firewall“ im Internet zu überwinden. Korruption ist auf jeden Fall ein Thema in China.

Die Gebildeten sind in China nur ein kleiner Prozentteil der Gesamtbevölkerung.

Selbst wenn es nur diese kleine Gruppe ist, ist sie für Wen extrem wichtig: Es ist die Mittel- und Oberschicht.

Hat die Partei Angst?

Sie hat sich immerhin die Mühe gemacht, für Chinesen den Zugang zu den Berichten zu blockieren. Das zeigt, wie viel Angst sie hat.

Am Donnerstag beginnt in Peking der Parteitag, auf dem der Nachfolger von Wen bestimmt wird. Warum wird der Skandal ausgerechnet jetzt publik?

Die Berichterstattung kann definitiv die Wahl des Nachfolgers von Wen beeinflussen. Taktisch gesehen hätte man keinen besseren Zeitpunkt für eine Enthüllungsstory wählen können. Offiziell wird das Partei-Establishment den Bericht zwar als unbotmäßige Meinungsmache ausländischer Medien abtun, aber das reicht nicht. Wie nervös man ist, zeigt schon die Tatsache, dass ein Dementi abgegeben wurde und sogar rechtliche Schritte geprüft werden.

Wehrt sich Wen auch persönlich?

Es gibt plausible Gerüchte, dass er sich freiwillig einem parteiinternen Untersuchungsverfahren unterwerfen will, um die Vorwürfe abzuschütteln. Auch das wäre ein historisch beispielloser Schritt.

Wen Jiabao steht für den wirtschaftsfreundlichen Flügel der Partei. Sind die Enthüllungen eine Intrige seiner Gegner?

Das ist ein naheliegender Verdacht, aber meines Erachtens ist der Autor der Enthüllungen in der „New York Times“ über den Verdacht erhaben, sich instrumentalisieren zu lassen. Er hat schon oft über den Reichtum der Kader-Familien geschrieben, und der Bericht ist wirklich sehr fundiert, er hat daran ein Jahr lang gearbeitet.

Wie gravierend ist die Korruption in China?

Man darf nicht vergessen, wie gewaltig China zuletzt gewachsen ist. Die Korruption ist also ganz offensichtlich noch nicht so gravierend, dass sie das Wachstum der Wirtschaft bedrohen würde.

Aber wenn die Institutionen eines Landes von Korruption zerfressen sind, schreckt das Investoren ab?

Es gibt Stimmen, die zu Recht sagen: Korruption ruiniert die Institutionen und untergräbt die Zukunftschancen eines Landes. Aber Chinas staatliche Einrichtungen haben auch einiges getan, um das Problem einzudämmen.

Kaum zu glauben, was denn?

Wer China verfolgt, konnte beobachten, dass immer wieder Regierungsbeamte im Gefängnis landeten wegen Korruptionsdelikten. Das Thema wird ernst genommen.

Mehr zum Thema

Müssen wir akzeptieren, dass Schwellenländer wie China auf dem Weg zum Industriestaat zeitweise starke Korruption durchstehen müssen?

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Was Sie heute erwartet Die Welt ist ungerecht - oder auch nicht

Laut Global wealth report kostet die Niedrigzinspolitik die Deutschen Vermögen. Immer noch besser als Arbeitsplätze. Die schafft Larry Ellison auf Hawaii. Chinas Wirtschaftspolitik steht im Kreuzfeuer. Mehr

24.09.2014, 07:34 Uhr | Wirtschaft
Wieder Proteste gegen China

Mehr als 1000 Menschen haben in Hongkong für mehr Demokratie demonstriert. Schweigend und in Schwarz gekleidet liefen sie durch die chinesische Sonderverwaltungszone. 2017 soll in Hongkong ein neuer Regierungschef gewählt werden. Mehr

15.09.2014, 15:19 Uhr | Politik
Streit um Spionage Die NSA betreibt keine Massenüberwachung, sie sammelt Daten

Mehr als 60 Parlamentarier aus ganz Europa folgten der Einladung des amerikanischen Abgeordneten Robert Pittenger nach Washington, um über Spionage zu sprechen. Der Republikaner empfahl ihnen die amerikanische Geheimdienstkontrolle als Vorbild. Mehr

21.09.2014, 03:47 Uhr | Politik
Vereinigte Staaten unterstützen Streben nach Demokratie in Hongkong

Die Vereinigten Staaten haben sich hinter die Demokratie-Proteste in Hongkong gestellt. Präsidialamtssprecher Josh Earnest sagte in Washington, die amerikanische Regierung unterstütze das Streben der Bevölkerung in Hongkong nach universellen Rechten. Auch die Bundesregierung hatte Verständnis für die Proteste gezeigt. Mehr

30.09.2014, 18:05 Uhr | Politik
Ole von Beust im Gespräch Dass die AfD in den Parlamenten ist, ist nicht tragisch

Ole von Beust, ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg, sagt, die AfD werde vor allem aus Trotz gewählt. Beängstigend findet er das aber nicht. Ein Interview über Protestwähler und leidenschaftslose Politiker. Mehr

01.10.2014, 10:30 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.11.2012, 21:27 Uhr

Paris erfrischend kaltblütig

Von Christian Schubert, Paris

Die französische Familienpolitik verschlingt viel Geld. Jetzt will die sozialistische Regierung einige Leistungen kürzen. Gut so! Sie sollte auch noch andere Wohltaten unter die Lupe nehmen. Mehr 8 6


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Wo die Milliardäre wohnen

In den Vereinigten Staaten wohnen mit Abstand die meisten Superreichen der Welt. Deutschland ist unter ihnen aber auch beliebt - in Europa liegt nur ein Land vor der Bundesrepublik. Mehr 2