Home
http://www.faz.net/-gqg-77816
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Digitale Exzellenz

Politisch korrektes Deutsch Verbände wollen „soziale Unwörter“ zensieren

Die Armutskonferenz will „soziale Unwörter“ aus dem Sprachgebrauch verbannen. Das Bündnis hat dazu eine Liste mit 23 abwertenden Begriffen erstellt. Nach Ansicht der Sprachwächter sind selbst Worte wie „alleinerziehend“ oder „arbeitslos“ diskriminierend.

© DPA Vergrößern „Alleinerziehend“? Darf man so nicht sagen...

Die Nationale Armutskonferenz will die deutsche Sprache verarmen lassen - und letztlich Zensur üben. Gewöhnlich kämpft das Bündnis, dem Sozialverbände wie die Arbeiterwohlfahrt und die Diakonie angehören, gegen Ausgrenzung. Nichts und niemand soll ausgeschlossen werden. In der Sprache aber soll nun radikal aussortiert werden. Die Armutskonferenz hat nun eine „Liste der sozialen Unwörter“ veröffentlicht. Sie enthält „irreführende und abwertende Begriffe, mit denen Menschen in ihrer Lebenssituation falsch beschrieben, schlimmstenfalls sogar diskriminiert werden“.

„Person mit Migrationshintergrund ohne eigene Migrationserfahrung“

Christoph Schäfer Folgen:      

Angesichts der 23 „sozialen Unwörter“ auf der Liste lässt sich den Autoren zumindest keine Armut an Ideen vorwerfen. „Alleinerziehend“ beispielsweise ist ein „soziales Unwort“, um dessen Fatalität bislang vermutlich kaum jemand wusste. Die Armutskonferenz stört daran, dass es „nichts über mangelnde soziale Einbettung oder gar Erziehungsqualität“ aussage. Beides werde jedoch häufig mit „alleinerziehend“ assoziiert. Das Wort „arbeitslos“ dürfe ebenfalls nicht mehr vorkommen: „Es sollte erwerbslos heißen, weil es viele Arbeitsformen gibt, die kein Einkommen sichern.“

Der Zuwanderungsproblematik spendiert die Armutskonferenz gleich zwei Punkte auf der Liste. Seit das Wort „Ausländer“, mit dem Juristen in Deutschland lebende Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft bezeichnen, durch den politisch korrekten Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund“ ersetzt wurde, dürften auch Wohlmeinende daran eigentlich nichts Prekäres mehr finden. Die Sprachwächter der Armutskonferenz sehen es anders. Sie stört, dass der Terminus „Person mit Migrationshintergrund“ in den Medien, der Politik und der breiten Öffentlichkeit „häufig mit einkommensschwach, schlecht ausgebildet und kriminell in Zusammenhang gebracht“ werde. „Während mit diesem Begriff Klischees reproduziert werden, wird er der sehr unterschiedlichen Herkunft der so Bezeichneten nicht gerecht.“

Mehr zum Thema

Aus den gleichen Gründen abzulehnen sei auch eine Betitelung als „Person mit Migrationshintergrund ohne eigene Migrationserfahrung“ - ein Begriffsungetüm, das vermutlich ohnehin niemand verwenden würde. Welche Bezeichnung am Ende für Nichtdeutsche und Zugewanderte überhaupt noch verwendet werden darf, bleibt Geheimnis der Autoren.

Geistige Armut

Ein paar Worte zumindest stehen zu Recht auf der Unwort-Liste. „Behindertentransport“ etwa wird von den Autoren mit dem Hinweis abgelehnt, dass Objekte transportiert werden, Menschen aber befördert werden. Konsequenterweise von „Behindertenbeförderung“ zu sprechen, wirkt sprachlich aber auch verunglückt.

Unglücklich ist die Armutskonferenz übrigens auch mit dem Ausdruck „bildungsferne Schichten“. Besser sei „fern vom Bildungswesen“ oder „vom Bildungswesen nicht Erreichte“. Korrekterweise sei darauf hingewiesen, dass auch vom Bildungswesen Erreichte bisweilen an geistiger Armut leiden.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Amnesty-International-Bericht 2014 war ein katastrophales Jahr

Syrien, Gaza, IS oder Nigeria - die weltweiten Krisen nehmen zu. Im Jahresbericht von Amnesty International wird aber auch der Umgang mit zivilen Opfer beklagt. Die Organisation nimmt vor allem die UN in die Pflicht. Mehr

25.02.2015, 04:46 Uhr | Politik
Gewalt an der Tagesordnung Horror-Knast für Jugendliche

Ein Gesetz von 1958 erlaubt es in Bulgarien, Minderjährige wegen anti-sozialen Verhaltens zu bestrafen. Der nicht genauer definierte Begriff dient der Rechtfertigung zahlreicher Inhaftierungen ab einem Alter von 14 Jahren. In einem Spezialgefängnis sind die Jugendlichen Tag für Tag Gewalt und Misshandlungen durch ihre Wärter ausgesetzt. Mehr

12.02.2015, 14:39 Uhr | Gesellschaft
Neue Deutsche Nennt mich Ausländer!

Die Neuen Deutschen organisieren sich. Neu sind sie, weil ihre Eltern oder Großeltern einst aus dem Ausland kamen. Deutsch sind sie, weil sie keine Ausländer mehr sein wollen. Warum eigentlich, was ist daran so schlimm? Mehr Von Anna Prizkau

23.02.2015, 12:50 Uhr | Feuilleton
Leipziger Buchmesse Welche Bücher sind ausgezeichnet?

Die 15 Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse stehen fest. In den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung hoffen die Autoren und Übersetzer nun das Rennen zu machen. Mehr

05.02.2015, 14:55 Uhr | Feuilleton
Studie zum Linksextremismus Gegen eine offene Gesellschaft

Gegen rechts zu sein ist Pflicht, links zu sein oft mehr als eine harmlose Neigung. Linksradikale und linksextreme Einstellungsmuster sind in Deutschland weit verbreitet. Mehr Von Monika Deutz-Schroeder und Klaus Schroeder

23.02.2015, 11:17 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 26.02.2013, 09:23 Uhr

Arbeit, bei Licht betrachtet

Von Heike Göbel

Auf dem Arbeitsmarkt könnte es nicht besser laufen für Arbeitsministerin Andrea Nahles. Doch mit einem anderen Projekt bekommt sie Probleme. Mehr 1 13


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Länger krank

Die Grippewelle macht Deutschlands Betrieben zu schaffen. Doch normalerweise sind es nicht die Infekte, die den Unternehmen Schwierigkeiten bereiten. Mehr 1

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden