http://www.faz.net/-gqe-77816
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 26.02.2013, 09:23 Uhr

Politisch korrektes Deutsch Verbände wollen „soziale Unwörter“ zensieren

Die Armutskonferenz will „soziale Unwörter“ aus dem Sprachgebrauch verbannen. Das Bündnis hat dazu eine Liste mit 23 abwertenden Begriffen erstellt. Nach Ansicht der Sprachwächter sind selbst Worte wie „alleinerziehend“ oder „arbeitslos“ diskriminierend.

von
© DPA „Alleinerziehend“? Darf man so nicht sagen...

Die Nationale Armutskonferenz will die deutsche Sprache verarmen lassen - und letztlich Zensur üben. Gewöhnlich kämpft das Bündnis, dem Sozialverbände wie die Arbeiterwohlfahrt und die Diakonie angehören, gegen Ausgrenzung. Nichts und niemand soll ausgeschlossen werden. In der Sprache aber soll nun radikal aussortiert werden. Die Armutskonferenz hat nun eine „Liste der sozialen Unwörter“ veröffentlicht. Sie enthält „irreführende und abwertende Begriffe, mit denen Menschen in ihrer Lebenssituation falsch beschrieben, schlimmstenfalls sogar diskriminiert werden“.

„Person mit Migrationshintergrund ohne eigene Migrationserfahrung“

Christoph Schäfer Folgen:

Angesichts der 23 „sozialen Unwörter“ auf der Liste lässt sich den Autoren zumindest keine Armut an Ideen vorwerfen. „Alleinerziehend“ beispielsweise ist ein „soziales Unwort“, um dessen Fatalität bislang vermutlich kaum jemand wusste. Die Armutskonferenz stört daran, dass es „nichts über mangelnde soziale Einbettung oder gar Erziehungsqualität“ aussage. Beides werde jedoch häufig mit „alleinerziehend“ assoziiert. Das Wort „arbeitslos“ dürfe ebenfalls nicht mehr vorkommen: „Es sollte erwerbslos heißen, weil es viele Arbeitsformen gibt, die kein Einkommen sichern.“

Der Zuwanderungsproblematik spendiert die Armutskonferenz gleich zwei Punkte auf der Liste. Seit das Wort „Ausländer“, mit dem Juristen in Deutschland lebende Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft bezeichnen, durch den politisch korrekten Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund“ ersetzt wurde, dürften auch Wohlmeinende daran eigentlich nichts Prekäres mehr finden. Die Sprachwächter der Armutskonferenz sehen es anders. Sie stört, dass der Terminus „Person mit Migrationshintergrund“ in den Medien, der Politik und der breiten Öffentlichkeit „häufig mit einkommensschwach, schlecht ausgebildet und kriminell in Zusammenhang gebracht“ werde. „Während mit diesem Begriff Klischees reproduziert werden, wird er der sehr unterschiedlichen Herkunft der so Bezeichneten nicht gerecht.“

Mehr zum Thema

Aus den gleichen Gründen abzulehnen sei auch eine Betitelung als „Person mit Migrationshintergrund ohne eigene Migrationserfahrung“ - ein Begriffsungetüm, das vermutlich ohnehin niemand verwenden würde. Welche Bezeichnung am Ende für Nichtdeutsche und Zugewanderte überhaupt noch verwendet werden darf, bleibt Geheimnis der Autoren.

Geistige Armut

Ein paar Worte zumindest stehen zu Recht auf der Unwort-Liste. „Behindertentransport“ etwa wird von den Autoren mit dem Hinweis abgelehnt, dass Objekte transportiert werden, Menschen aber befördert werden. Konsequenterweise von „Behindertenbeförderung“ zu sprechen, wirkt sprachlich aber auch verunglückt.

Unglücklich ist die Armutskonferenz übrigens auch mit dem Ausdruck „bildungsferne Schichten“. Besser sei „fern vom Bildungswesen“ oder „vom Bildungswesen nicht Erreichte“. Korrekterweise sei darauf hingewiesen, dass auch vom Bildungswesen Erreichte bisweilen an geistiger Armut leiden.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Jugend in Deutschland Die Rebellion bleibt aus

Noch nie seit der Nachkriegszeit ist die Jugend in Deutschland so wenig rebellisch wie heute gewesen. Zumindest sagt das die Sinus-Jugendstudie. Auch den Grund dafür glaubt sie zu kennen. Mehr Von Johannes Leithäuser, Berlin

26.04.2016, 12:43 Uhr | Gesellschaft
Internationaler Roma-Tag Gauck bei Gedenken an ermordete Sinti und Roma

Mit einer Kundgebung in Berlin hat ein Bündnis von mehr als 20 Organisationen gegen die Diskriminierung von Sinti und Roma protestiert. An der Demonstration am Internationalen Roma-Tag nahmen auch Bundespräsident Joachim Gauck und Integrations-Staatsministerin Aydan Özoguz teil. Mehr

08.04.2016, 18:06 Uhr | Politik
Gastbeitrag: Geschlechterbild Ein modernes Geschlechterbild?

Heiko Maas begründet seine Pläne für die Änderung des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb geradezu mit der Aufdrängung eines modernen Geschlechterbildes. Mehr Von Bodo Pieroth

28.04.2016, 17:09 Uhr | Politik
Freihandelsabkommen Zehntausende demonstrieren vor Obama-Besuch

Die Angst um die europäischen Sozial- und Umweltstandards trieb am Samstag zehntausende Menschen in Hannover auf die Straße. Mehr

24.04.2016, 10:14 Uhr | Politik
Gastbeitrag Wer soll die Vereinten Nationen führen?

Im Dezember wird der Nachfolger von Ban Ki-moon als UN-Generalsekretär gewählt. Doch bis heute gibt es keinen wirklich transparenten Auswahlprozess. Es ist höchste Zeit, dass wir das ändern. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Mogens Lykketoft

19.04.2016, 09:57 Uhr | Politik

Spanische Lust am Untergang

Von Leo Wieland, Madrid

Wenn Spanien Glück hat, gibt es in Madrid vielleicht im Herbst wieder eine Regierung. Die politische Lähmung setzt sich in wirtschaftliche um – obwohl sich bereits eine Linderung abgezeichnet hatte. Mehr 5 12


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Arm und reich vereint Ganz oben, ganz unten

Im Hochhaus leben alle soziale Schichten zusammen: oben der Millionär, unten der Habenichts. Und wenn es ums Geld geht, droht Stillstand. Ein Abbild der Gesellschaft. Ortstermin im Kölner Unicenter. Mehr Von Lisa Nienhaus 1

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“