11.04.2008 · Alt-Bundespräsident Herzog warnt in markigen Worten vor der „Rentner-Demokratie“. Doch mit Geschenken an die Rentner tun sich Politiker gar keinen Gefallen, sagt der Politikwissenschaftler Achim Goerres im FAZ.NET-Interview: „Die Politiker schießen sich eher selbst ins Knie.“
Alt-Bundespräsident Herzog warnt in markigen Worten vor der „Rentner-Demokratie“. Doch mit Geschenken an die Rentner tun sich Politiker gar keinen Gefallen, sagt der Politikwissenschaftler und Politökonomie-Fachmann Achim Goerres im FAZ.NET-Interview: „Die Politiker schießen sich eher selbst ins Knie.“
Roman Herzog warnt vor der Rentner-Demokratie. Wählen die Rentner denn überhaupt Politiker, die ihnen Renten-Geschenke machen - zum Beispiel durch Aussetzen des Riester-Faktors?
Politiker machen einen Fehler, wenn sie die Rentner für eine homogene Gruppe halten. Denn das lässt sich wissenschaftlich nicht nachweisen. Ob ein Rentner einen Politiker wählt, hängt von so vielen Faktoren ab, dass eine kleine Rentenerhöhung das Wahlverhalten gar nicht beeinflussen kann.
Von welchen Faktoren?
Zum Beispiel vom Einkommen und davon, wie die ältere Generation in der Vergangenheit gewählt hat. Wer Stammwähler der Christdemokraten ist, weil Konrad Adenauer ihn als Erstwähler beeindruckt hat, der wählt nicht einfach mal so eben einen Sozialdemokraten - nur weil der ihm eine höhere Rente verspricht. Generell wählen die Menschen nicht nur aufgrund materieller Gesichtspunkte. Viele ältere Menschen beziehen auch den Nutzen ihrer Kinder mit ein, wenn Sie eine Wahlentscheidung treffen.
Wählen Rentner anders, wenn sie Kinder haben - sind sie dann weniger egoistisch?
Darauf gibt es keine eindeutige wissenschaftliche Antwort. Wir wissen für Deutschland, dass Wähler mit Kindern nicht viel anders wählen als Kinderlose. Allerdings gibt es Erkenntnisse aus den Vereinigten Staaten, dass in Regionen, in die viele Rentner zuwandern, die Schulausgaben sinken - zum Beispiel in Florida. In Regionen, wo Rentner eigene Familien in der Nähe haben, bleiben dagegen die Schulausgaben gleich. Es scheint also eine Solidarität zwischen den Generationen zu geben.
Woher kommt die?
Jeder Rentner war selbst einmal jung. Die älteren Leute wissen noch, welche Interessen sie damals hatten und stellen ihr Wahlverhalten nicht völlig um, nur weil sie gealtert sind. Wer seine Familie um sich hat, der passt häufig auf die Enkelkinder auf. Großeltern wollen etwas vererben, zeigen in der Regel Anteilnahme am Leben der Jungen. Es wäre inkonsistent, wenn diese Anteilnahme an der Wahlurne plötzlich zu Ende wäre.
Aber die Kinderlosen wählen dann eher egoistisch?
Auch nicht unbedingt. Kinderlose haben oft „Ersatzkinder“ - sehen zum Beispiel Nichten und Neffen in einer ähnlichen Rolle, wie andere die eigenen Kinder.
Wenn die Rentnerstimmen mit Rentenerhöhungen gar nicht zu kriegen sind, handeln die Politiker dann überhaupt rational, indem sie den Riester-Faktor aussetzen?
Ganz und gar nicht. Mit dieser Maßnahme schießen sie sich selbst ins Knie. Denn diese Politikentscheidung ist nicht nachhaltig. Obendrein erliegen die Politiker einer Fehlwahrnehmung, wenn sie glauben, dass solche Aktionen geeignet wären, um damit Wählerstimmen einzufangen.
Also gibt es keine Rentner-Demokratie?
Nein. Die gibt es nur rein numerisch. Aber nicht bezogen auf die Möglichkeit, mit mehr Rente mehr Stimmen zu bekommen. Es gibt keine zwei Generationengruppen, die sich feindlich gegenüber stehen und die man gegeneinander ausspielen könnte. Im Gegenteil: Durch die aktuelle Debatte könnten sich die Politiker gleich doppelt schaden. Es könnte ein Generationenkonflikt entstehen, den es in dieser Form ursprünglich gar nicht gab. Denn Politiker senden mit solchen Aktionen das Signal, dass Nachhaltigkeit und generationale Ausgewogenheit in der Politik nicht wichtig ist. Warum sollte dann der Einzelne weiterhin auf andere Generationen Rücksicht nehmen?
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