Home
http://www.faz.net/-gqg-76f8h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Platzmangel in der Großstadt Her mit den Wohnungen!

 ·  Von wegen Landlust: Alle wollen in der Großstadt leben. Aber wo, um Himmels willen, sollen die Leute Platz finden? In Frankfurt zeigt sich das ganze Dilemma.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (26)
© Dieter Rüchel Vergrößern Kaum fertig, schon belegt: Frankfurts neuer Stadtteil Riedberg

So weit ist es gekommen. Sogar ein uraltes Gewerbe ist nicht mehr sicher in Frankfurt. Das Bordell „Sudfass“, eine am Mainufer gelegene Institution, wird geschleift. Für Wohnungen. Das geplante „Quartier Oskar“ soll hundert Appartements bekommen, eventuell ein Boardinghaus für Frankfurt-Besucher, die länger als ein paar Nächte bleiben.

Ist das schon die Gentrifizierung des Frankfurter Ostends? Viele warten darauf. Denn in diesem Viertel wird gerade die Europäische Zentralbank fertig gebaut. In dem Turm sollen bis zu 3000 Leute Platz finden. Der Bordellverwalter Fred Siegismund spottet: Wegen der Wegbeschreibung „Hinterm Puff rechts liegt die EZB“ habe man wohl um das Image der Notenbank gefürchtet. Die Vertreibung des Eros-Centers zeigt: Selbst in Frankfurt, dem hässlichen Entlein unter den deutschen Großstädten, drängen die Wohnungssuchenden mit Macht auf den Markt. Hier fehlen 10.000 Wohnungen oder 20.000, je nach Studie. Konsens besteht nur über eine Tatsache: Frankfurt ist begehrt wie nie zuvor.

Binnen zehn Jahren ist die Einwohnerzahl der Stadt um knapp acht Prozent gewachsen auf mehr als 700.000. Damit fügt sich die Stadt ein in einen neuen deutschen Urbanisierungstrend: Nach einer Phase der Wegzüge in die Vorstädte jenseits der Stadtgrenze nimmt die Großstadtbevölkerung seit der Jahrtausendwende zu. Von 2000 bis heute sind in die sechs Städte München, Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt und Stuttgart zusammen gut eine halbe Million zusätzliche Einwohner gekommen.

Junge Familien wollen in der Stadt bleiben

Schuld daran sind auch Babys. Frankfurt erlebt, ebenfalls im Einklang mit anderen begehrten Großstädten, seit sechs Jahren einen Geburtenüberschuss: mehr Geburten als Todesfälle. „Es werden so viele Babys geboren, wie seit Ende der 60er Jahre nicht mehr“, jubelt die Stadt. Der Babyüberschuss ist nicht gewaltig, 2011 betrug er 600. Aber er zeigt, dass sich ein neuer gesellschaftlicher Trend breitmacht, der die Demographie der Großstädte vom Rest der Republik abkoppelt. Frankfurt mehrt sich, während in Deutschland die Geburtenzahl auf den niedrigsten Stand zurückfiel. „Die Kinder der Zukunft werden in den Städten geboren“, frohlockt der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann.

Der Babyboom findet seine Ursache nicht in der Lust der Frankfurter auf Babys. Es läuft eher so, wie es der ehemalige Frankfurter Planungsdezernent Martin Wentz plastisch beschreibt: Junge Leute ziehen für Studium oder Beruf nach Frankfurt, etablieren sich in der Firma. Sie paaren sich. Sie vermehren sich. Alles wie gehabt. Neu aber ist, dass junge Familien nicht mehr zwangsläufig ins Grüne verduften. Immer mehr wollen in der Stadt bleiben. „Die Leute sind die Entfernungen und die Spritkosten leid“, sagt Frank Junker, als Chef der städtischen ABG Holding Frankurts größter Vermieter.

Die Stadt hat heute offenbar auch bessere Antworten auf den gesellschaftlichen Wandel als das Dorf. In immer mehr Familien wollen oder müssen beide Eltern arbeiten. Das gelingt leichter in Ballungsräumen mit ihren im Vergleich zum Land guten Job- und Betreuungsangeboten.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
  Weitersagen Kommentieren (33) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Stärke 7,2 Schweres Erdbeben erschüttert Mexiko

Ein schweres Erdbeben der Stärke 7,2 hat das mittlere und südliche Mexiko erschüttert. In Mexiko-Stadt wurde Erdbebenalarm ausgelöst. Über Tote und Verletzte wurde zunächst nichts bekannt. Mehr

18.04.2014, 19:52 Uhr | Gesellschaft
Buchhandel in Leipzig Dieser Mann begrub die Buchmesse

Er wurde „Fürst der Buchhändler“ genannt: Vor 250 Jahren traf Philipp Erasmus Reich eine Epochenentscheidung, die für Frankfurt eine Katastrophe und für Leipzig einen Triumph bedeutete. Mehr

18.04.2014, 22:08 Uhr | Feuilleton
Frankfurter Zoo Brillenbären-Babys auf erster Erkundungstour

Am ersten Weihnachtsfeiertag kamen sie im Frankfurter Zoo zur Welt, nun haben die beiden Brillenbär-Babys ihren ersten Ausflug gemacht. Unter anderem ein Kletterbaum hat es ihnen angetan. Mehr

17.04.2014, 11:16 Uhr | Rhein-Main

15.02.2013, 07:27 Uhr

Weitersagen
 

Der neue Kampf um die 35 Stunden

Von Ralph Bollmann

Väter sollen künftig weniger arbeiten, aber Mütter sollen mehr arbeiten: In Deutschland wird über die Familienarbeitszeit debattiert. Ein neuer Verteilungskampf hat begonnen. Mehr 28 8


Die Börse
Name Kurs Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --